"Unravel" im Test: Ein pupillenloser Spielheld zum Verlieben

14. Februar 2016, 11:00
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Coldwoods Jump 'n' Run ist ein wunderschöner Mikrokosmos, lässt aber Dynamik vermissen

Super Mario, Sackboy, Yoshi und sogar der blutige Meetboy – irgendwie sind sie alle süß. Sollen sie auch sein. Jump 'n' Runs lassen im Rythmus des Sprungtastendrucks das Herz höher schlagen. Der Einzelspieler-Platformer "Unravel" geht noch einen Schritt weiter und drückt mit dem putzigen Garnmännchen Yarni und auch noch ein bisschen auf die Tränendrüse.

Mit Yarni erlebt man die Welt auf Knöchelhöhe und wird sprichwörtlich zum roten Faden, der mal als Liane, mal als Sprungseil eingesetzt, so symbolkräftig alle Höhen und Tiefen der erzählten Familiengeschichte verknüpft. Schön. Aber vielleicht ist es abseits spielerischer Unausgewogenheiten gerade dieser offensichtliche Schrei nach Liebe mit irischen Fiedlern im Hintergrund und reichlich tröstenden Plattitüden, der den wunderbaren Schnulz manchmal gar etwas dick aufgetragen wirken lässt. Dabei hätte dies der knuffige Stoffheld zum Verlieben gar nicht nötig gehabt. Wer könnte bei diesem krummen Gang und diesen großen, pupillenlosen Augen nein sagen?

Innovativer Kitschschauer

Emotional gesehen ist das gewiss eine Frage des Geschmacks. Nicht jeder mag ein klebriges Lebkuchenherz ins Gesicht gedrückt bekommen. Auf der anderen Seite ist "Unravel"s unverblümt blumiger Zugang unter den vielen härteren Hochglanzproduktionen des Herausgebers Electronic Arts sicher eine willkommene Abwechslung. Und dem schwedischen Entwicklerstudio Coldwood Interactive kann man bestimmt nicht vorwerfen, sie hätten sich mit persönlichen Widmungen und Fotos im Spiel nicht um die Zuneigung ihrer Spielerschaft bemüht. Das ist eine Herzensangelegenheit und eine lautstarke Einladung für große wie kleine Spielefans.

Reserviertere Platformerfreunde sollten den Kitschschauer ebenfalls über sich ergehen lassen, denn hinter Yarnis Knopfaugen steckt ein cleveres Kerlchen, dessen Fortbewegungsweise einen innovativen Wind ins Genre bringt. Der rote Garn muss zur Überwindung von Stock und Stein, Müllhalden oder auch Schneelandschaften nicht nur vielseitig eingesetzt, sondern auch mit Bedacht abgerollt werden. Mit jeder Fortbewegung wird Yarni schlanker und, um sich wieder aufrollen zu können, müssen Zwischenstationen erreicht werden, die gleichzeitig als Speicherpunkte dienen.

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Kniffliges Verknüpfen

Dadurch entwickelt sich das Schwingen, Seilspringen und Ziehen von Hilfsgegenständen zum Rätselabenteuer, bei dem lediglich vorgegeben wird, an welchen Stellen man sein Seil befestigen kann. So gilt es zu überlegen, wo man zuerst einen Knoten macht, durch welches Nadelöhr man zuerst seine Leine zieht und, ob sie für den letzten Schwung über den Abgrund dann noch lang genug ist.

Um nicht zu überfordern, baut das gesamte Spiel wie auch jedes Level auf einzeln erlernten Tricks auf und lockert die Angelegenheit mit flotteren Passagen wie einem Flug mit einem Drachen oder einer Floßfahrt auf. Dabei teilen die Designer die meisten der rund zehn Episoden, wobei jede eine Etappe der Rahmengeschichte darstellt, in drei Akte, um mit Elan in ein Szenario einzuführen, mittendrin die Gehirnzellen zu fordern und einen Auslauf am Ende zu schaffen.

Einwegrezept

Dass "Unravel" in etwa fünf Stunden Nettospielzeit zu meistern ist (wer alle Sammel-Anstecker will, braucht etwas länger), kommt dieser Formelhaftigkeit zugute. Denn so gern man sich durch die Irrwege des Mikrokosmos windet, so schnell nutzen sich die Lösungswege ab.

Schuld daran ist eine fehlende Dynamik bei der grundlegenden Steuerungsmechanik des kleinen Helden. Yarnis Sprünge lassen genau jenes Quäntchen Elastizität vermissen, die Marios oder Raymans Bewegungsapparat so intuitiv machen. Dadurch braucht "Unravel" für seine konzeptuell überaus schlauen Kniffe mehr Eingewöhnungszeit, als es den Schöpfern vermutlich lieb ist. Und so ein melodisches Springen im Takt, das in einen richtigen Spielfluss übergeht, kommt aufgrund der starren Strukturierung der Level auch nicht auf.

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Großartiger Mikrokosmos

Letztendlich, kann man darüber hinwegsehen, wenn man mehr auf Sprungpuzzle aus ist, als auf reine Geschicklichkeitsparcours. Denn wer sich die Zeit nimmt und nicht nur hastig zum Ende hopsen will, findet auf der Augenhöhe eines Däumlings ein schlicht wundervolles Universum vor. Man beginnt einen Ast als Pfad und eine Pfütze als See wahrzunehmen und einen Pilz als Trampolin und einen Hamster als bissige Bedrohung.

Mit zweidimensionaler Ausrichtung wurden die sonst so rasch übersehenen Details realer Schauplätze kondensiert und wie mit der Lupe ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Man reist in Minischritten durch verträumte Wälder und erkennt wie kunstvoll Gräser die Erde zusammenhalten. Man erkundet eine Höhle und bestaunt die Wurzeln der Bäume von unten. Man verläuft sich im Schnee und ist fasziniert, wie ein Tannenzapfen rollend zu einem kleinen Berg werden kann. Und man steht für eine Sekunde oder zwei unter einem Tisch und starrt auf die Enden der Sesselbeine. Sollte man öfter tun. (Zsolt Wilhelm, 14.2.2016)

"Unravel" ist ab 6 Jahren für PC, PS4 und XBO erschienen. UVP: 19,99 Euro

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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