Müssen Führungskräfte motivieren können?

17. Februar 2016, 05:30
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Wenn Führungskräfte nicht motivieren können, dann taugen sie nichts. Stimmt das?

Man kann man ein Pferd zum Wasser bringen, aber zum Trinken zwingen kann man es nicht. Altes Sprichwort. Und genauso verhält es sich auch mit der Motivation. Das angenehmste Arbeitsklima, die attraktivste Entlohnung, Sozialleistungen vom Feinsten, trifft all das auf persönliche Bockigkeit, auf die schlichte Unlust, sich dem entsprechend zu engagieren, läuft auch die subtilste Führungskunst ins Leere. Wo kein Wille ist, ist auch kein Weg.

Das ist eine fatale Erfahrung. Das Empfinden, sich in wirkungslosem Bemühen zum Kasper zu machen, schlägt aufs Gemüt, zieht nieder. Frustration in Führungspositionen hat viel mit dem Erkennen der Begrenztheit der eigenen Wirkungsmacht zu tun. Und noch mehr mit der Weigerung "von oben", diese Begrenztheit als gegebene Realität anzuerkennen. Die meist im Tonfall herablassenden Besserwissens fallende Anregung "Na, dann müssen Sie sich eben etwas mehr bemühen! Wie wär’s denn mal mit einem Motivationsseminar oder einem Outdoor-Training mit Ihrer Mannschaft?" wirkt denn auch wie ein Volltreffer.

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Für viele Leute noch immer die brauchbarste der Motivationen – auch im Sinn-Zeitalter: Geld.

Der Weg hinunter

Es sind solche Sätze, die von oben herab ganz nonchalant in den Raum gestellt werden, die eine enorme Sprengkraft haben. Und die damit beglückte Führungskraft auf den Weg in Richtung Resignation treiben. Zuerst wird sie müde, dann noch müder, dann lässt die Kraft und schlussendlich das Bemühen nach. Und dann stellt sich Bissigkeit ein. Die sich sukzessive erst in Ironie und Sarkasmus artikuliert und zu guter Letzt in platt autoritärem Verhalten. Und dann trifft das, was von einigen Wenigen ausgelöst wurde, alle. Blattschuss. Dann hält die Frustration auf breiter Front Einzug in das Geschehen und die Leistungslust ist zur Strecke gebracht. Dienst nach Vorschrift, Halali!

Uneinsichtigkeit in Wirkungsgefüge, die Blindheit offensichtlichen Zusammenhängen gegenüber gepaart mit aufreizend besserwisserischer Realitätsausblendung schafft Fakten, die exakt das Gegenteil von dem auf die Beine stellen, was angestrebt wurde. Also, Appell an "die da oben": Bitte einsehen, ganz so schlicht gewirkt wie "Ihr Euch" das gerne vorstellt und als Parole ausgebt, ist das mit der Motivation nicht. Motivation ist kein eingebauter Anlasser, mit dem der Leistungsmotor im Handumdrehen zum prächtigen Rundlauf gebracht werden kann.

Motivationsforschung

Wer das so und nach Belieben zum munteren Schnurren gebrachte Rädchen im betrieblichen Getriebe als das Nonplusultra der Führungskunst ansieht, ignoriert die Erkenntnisse der Motivationsforschung. Und verkennt die Wirkung dieser Ignoranz. Motivation im landläufig verstandenen Sinne zündet ein Strohfeuer an, in dem genau das in Flammen aufgeht, was eigentlich zum Erblühen gebracht werden sollte. Niemand hat wohl beharrlicher, substantieller und gleichzeitig wegweisender auf diese Fehlsichtigkeit hingewiesen als Reinhard K. Sprenger. "Wege aus einer Sackgasse" lautet bezeichnenderweise denn auch der Untertitel seines im September 2014 in der 20. erweiterten Auflage erschienenen Buches "Mythos Motivation".

20 Auflagen für ein Managementbuch, das kommt einem Ritterschlag gleich. Und wirft die Frage auf: Wieso ist in Sachen Motivation trotzdem im Großen und Ganzen alles beim alten geblieben? Könnte es an der gern unter der Hand verbreiteten "Erkenntnis" liegen: "Die da oben lesen sowieso gar nichts!"? Das würde dann die Alltagsweisheit bestätigen "Wer den Kopf über den Wolken hat, sieht nicht wohin seine Füße laufen."

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Sorge als Chef für motivierte Teams? Ein Holzweg, sagte der "alte" Sprenger.

Und kann so folglich auch gar nicht auf den Gedanken kommen, dass, wie Sprenger schreibt, "der uns allen vertraute Pfad der Mitarbeitermotivation ein Holzweg ist." Und "dass die ‚Motivation‘ genannte Antreiber-Praxis nicht funktioniert." Demgemäß lautet die These, auf die Sprenger sein Buch aufbaut: "Alles Motivieren ist Demotivieren". Das mag harsch klingen, wer aber einmal im Bekanntenkreis auf die Frage "Du fährst mal wieder zum Seminar?" die lapidar-resignierende Antwort bekommen hat "Nee, zur Verarsche, wir sollen mal wieder motiviert werden!", dem klingt Sprengers vermeintlich harsche Behauptung plötzlich ganz anders in den Ohren.

"Ich habe mir beim Schreiben Leser gewünscht, die den kalten Hauch des Nicht-Ernstnehmens, der Manipulation und der verdeckten Abwertung empfinden, wenn sie >motiviert< werden", schreibt Sprenger. Motivation im derzeitigen Verständnis, so lässt sich Sprengers Botschaft knapp zusammenfassen, ist die Fortsetzung des allgegenwärtigen Druckes mit anderen Mitteln. Und diese Marschrichtung erweist sich immer offensichtlicher als in höchstem Maße kontraproduktiv.

Sprenger wäre nicht Sprenger, ließe er der "Anamnese" nicht die Therapieempfehlungen folgen. In seiner klug beachten Art verweist er auf die Alternativen zur landläufigen Motivationspraxis und zeigt so Möglichkeiten auf, die Belegschaften wieder aus der zunehmend reservierten Haltung "ihren" Unternehmen gegenüber herauszuholen. Vielleicht gelingt ihm im zwanzigsten Anlauf der Durchbruch zu der Erkenntnis, dass die Zeit für ein Umdenken gekommen ist. Wenig anderes wäre im Bereich der Unternehmensführung so wünschenswert wie das.

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Lasst sie raus aus den einengenden Vorgaben, dann kommt die Motivation – intrinsisch.

Mit immer weniger Personal, dafür aber immer größerem direktem und indirektem Druck und dem Anspruch, die Beschäftigten müssten mit "Haut und Haar" rund um die Uhr dem Unternehmen zur Verfügung stehen, immer schneller immer mehr Ertrag zu erwirtschaften, mag ein betriebswirtschaftliches Ziel sein. Auf gesellschaftlicher Ebene aber legt diese Zielsetzung in immer mehr Details ihre Untauglichkeit offen. (Hartmut Volk, 17.2.2015)

Reinhard K. Sprenger: Mythos Motivation. Campus Verlag, Frankfurt/ Main, 20. aktualisierte und überarbeitete Auflage September 2014, 311 Seiten, € A 27,80

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