Irak und Syrien: Der Konkurrenzkampf der potenziellen Befreier

Analyse11. Februar 2016, 08:00
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Wer Krieg gegen den IS führt, will auch bei der Nachkriegsordnung mitreden. Lokale und regionale Akteure bringen sich immer deutlicher in Position

Wien – Saudi-Arabien signalisiert Bereitschaft, sich gegen den "Islamischen Staat" (IS) in Syrien am Boden zu engagieren, und das ist nicht nur eine militärische, sondern auch eine politische Ansage: Je näher ein Akteur am Kriegsgeschehen ist, desto gewichtiger wird seine Stimme sein, wenn es später darum geht, eine neue Ordnung auszuhandeln. Angesichts der Erfolge der von russischen Luftangriffen, Iran und Hisbollah unterstützten Regimearmee, die nicht nur Aleppo zurückerobert, sondern auch Gebiete im Süden an der jordanischen Grenze, grassiert bei der syrischen Opposition und deren regionalen Unterstützern die Angst, dass das Assad-Regime zu stark in die Zeit nach dem Ende des IS gehen wird.

Die Türkei und Saudi-Arabien haben ihre jahrelangen lähmenden Differenzen (etwa pro und kontra Muslimbrüder in Ägypten) auf Eis gelegt und sind bereit, zu kooperieren und sich direkt zu engagieren. Präsident Tayyip Erdoğan sagt laut "Hürriyet", dass die Türkei in Syrien nicht den Fehler wiederholen werde, den sie 2003 im Irak machte: Damals hatte das türkische Parlament den USA untersagt, türkisches Territorium zu benützen, um in den Irak einzumarschieren – und dadurch Ankara die Chance genommen, bei der Nachkriegsordnung im Nachbarland mitzureden.

Für die Türken ist es ein besonderes Ärgernis zu sehen, dass die Kurden der PYD (Demokratische Unions-Partei) in Nordsyrien sowohl von den USA als auch Russland für einen Vorstoß auf die syrische IS-Hauptstadt al-Raqqa fit gemacht werden. Aber auch die USA und Russland konkurrieren in Raqqa miteinander.

Nachkriegsordnung

Der Gedanke ist naheliegend, dass der IS erst dann mit voller Wucht bekämpft werden wird, wenn sich eine Nachkriegsordnung für Syrien abzeichnet: Ende Februar wird "Genf 3" wieder aufgenommen. Mit dem syrischen Schlachtfeld gegen den IS hängt auch das irakische zusammen, solange der IS noch immer (wenngleich eingeschränkte) Möglichkeiten hat, von einem ins andere Land auszuweichen. Im Irak ist die Nachhaltigkeit militärischer Siege fast noch mehr als in Syrien davon abhängig, ob diese von einer politischen Lösung begleitet werden. Während ein vom IS befreites Raqqa wenig Probleme haben wird, sich in einen neuen syrischen Staat zu integrieren, müssen die Bewohner der irakischen IS-Hauptstadt Mossul erst davon überzeugt werden, dass ihre Zukunft überhaupt in einem Irak mit einer schiitischen Mehrheit liegt.

Am Dienstag wurde die komplette Einnahme der Stadt Ramadi durch die irakischen Sicherheitskräfte gemeldet, Wochen nachdem sie am 22. Dezember ins Zentrum vorgedrungen waren. Von Ramadi ist fast nichts übrig: 80 Prozent der Gebäude sollen zerstört sein, der Krieg wurde hauptsächlich von den USA aus der Luft geführt. Für den Wiederaufbau gibt es kein Geld im durch Krieg und niedrigen Ölpreis strapazierten irakischen Budget.

Dennoch befeuerten Meldungen, dass die irakische Armee auch die Route von Ramadi nach Bagdad wieder kontrolliert, die Erwartung, dass nun eine Offensive auf Mossul bevorstünde.

Auch in Mossul, seit Juni 2014 vom IS gehalten, hat der Wettbewerb der potenziellen Befreier längst eingesetzt. Allgemein werden die starken schiitischen Milizen, die – im besten Fall – als Hilfstruppen für die irakischen Sicherheitskräfte fungieren, als am wenigsten geeignet gesehen: Die Angst vor den Schiiten und dem Iran hat ja Mossuls Bevölkerung dem IS in die Arme getrieben. Eine große Rolle der Milizen würde auch die US-Hilfe beschränken.

Die Rolle der Kurden

Ganz unproblematisch ist auch die Rolle der Kurden nicht, die im Kampf gegen den IS auch im Irak an erster Front stehen. Die arabischen Nationalisten misstrauen ihnen, denn die Kurden haben die Gunst der Stunde ja bereits genützt und auf zwischen Arabern und Kurden umstrittenen Gebieten, etwa in Kirkuk, Tatsachen geschaffen. Zwischen Peshmerga und irakischer Armee gibt es immer wieder Spannungen.

Von Bagdad und Bagdad-nahen arabischen Stammeskämpfern, die dem Kampf in Mossul eine sunnitische Legitimität geben sollen, wird auch kritisch gesehen, dass die Kurden türkische Truppen ins Land gebeten haben.

Deren offizielle Aufgabe ist die Ausbildung der Peshmerga, aber wenn es um Mossul geht, stehen die Türken stets unter Verdacht, mit historischen Ansprüchen zu kokettieren. Auch wenn das gewiss übertrieben ist: Gegen eine starke Präsenz in einem für ihren Kampf gegen die PKK strategisch wichtigen und auch noch öl- und gasreichen Gebiet, hätten sie gewiss nichts. (Gudrun Harrer, 11.2.2016)

  • Von Ramadi, dessen Einnahme durch irakische Sicherheitskräfte am Dienstag gemeldet wurde, ist nicht viel übrig geblieben.
    foto: afp / moadh al-dulami

    Von Ramadi, dessen Einnahme durch irakische Sicherheitskräfte am Dienstag gemeldet wurde, ist nicht viel übrig geblieben.

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