Von Büchern und Pülchern

Kolumne10. Februar 2016, 17:01
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Die Idee der marktorientierten Gerechtigkeit scheint sich ohnehin immer mehr durchzusetzen

In seinem neuen Buch Saving capitalism zieht der ehemalige US-Minister Robert B. Reich eine erschütternde Bilanz: Sieben Jahre nach dem großen Crash ist noch kein einziger Wall-Street-Verantwortlicher für die Verbrechen verurteilt worden, die damals Millionen Menschen Jobs, Ersparnisse und Existenz geraubt haben.

Die Banken selbst haben sich von weiterer Verfolgung freigekauft und liegen damit im internationalen Trend, laut dem das Motto "Mehr privat, weniger Staat" auch für die Justiz gelten soll. Wenn es nach den US-Wünschen für das Freihandelsabkommen TTIP geht, soll die Rechtsprechung souveräner Staaten künftig durch "internationale Schiedsgerichte" ausgehebelt werden. Anstatt sich weiterhin an lästige Gesetze zu halten, kann man nun gleich gegen sie klagen. Natürlich nur, sofern man die nötigen finanziellen Mittel dafür hat, was tendenziell eher potente Global Player begünstigt wie Google, Shell, Monsanto oder die Mafia.

Die Idee der marktorientierten Gerechtigkeit scheint sich ohnehin immer mehr durchzusetzen. Für Umweltverschmutzer gibt es jetzt schon die Möglichkeit, sich von Strafen für ihren CO2-Ausstoß mithilfe von Zertifikaten freizukaufen. Diese juristische Serviceleistung könnte auch in anderen Bereichen angeboten werden. Dann müsste sich zum Beispiel EADS in Zukunft nicht mehr mit mühsam getarnten Schmiergeldzahlungen an windige Waffenlobbyisten herumplagen, sondern könnte ganz offiziell bei den für Rüstungsaufträgen zuständigen Politikern "Eurofighter-Zertifikate" kaufen.

Aber auch Einzelkunden haben die Chance, von der Kommerzialisierung der Straffreiheit zu profitieren. Ein Schritt in diese Richtung wurde vor drei Jahren in Rumänien gemacht. Dort können Häftlinge durch Bücherschreiben ihre Haftstrafen verkürzen. Pro verfasstes Werk wird ein Monat Haft nachgelassen, was dazu geführt hat, dass 2015 340 Bücher in rumänischen Gefängnissen geschrieben wurden. Dabei haben sich vor allem wegen Korruption verurteilte Insassen als fleißige Autoren erwiesen und Arbeiten vorgelegt wie Ausländische Direktinvestitionen – Vektor der wirtschaftlichen Entwicklung oder Die Korruption als Phänomen und die Rechtspflege.

Es wäre zu überlegen, ob das Prinzip "Buch statt Strafe" auch präventiv gelten soll. Das könnte zu einer intensiven Belebung des heimischen Buchmarktes führen und uns eine Reihe interessanter Neuerscheinungen bescheren. Hier eine kleine potenzielle Vorschau:

Alfons Mensdorff-Pouilly: Leben wie geschmiert

Karlheinz Grasser: Plötzliche Erinnerung – wie der Eurofighter-Deal wirklich gelaufen ist

Walter Meischberger: Einer für alle

Gernot Rumpold: Noch einer für alle

Herbert Kickl: Was hat meine Firma mit mir zu tun?

Julius Meinl: Das Leben ist ein Briefkasten-Ringelspiel

Tilo Berlin: Die Anfängerfehler des Felix Krull

Wolfgang Flöttl: Datenspeicherung leicht gemacht

Harald Dobernig: Datenspeicherung noch leichter gemacht

Gerhard Dörfler: Keine Ahnung – warum Unwissenheit doch vor Strafe schützt

Uwe Scheuch: Keine Chan-ce – warum ich nie so viele Bücher, wie ich nötig hätte, schreiben kann

(Florian Scheuba, 10.2.2016)

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