Die zwiespältige Nähe zur Macht

Rezension10. Februar 2016, 16:44
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Hubert Seipel gilt als einer der westlichen Journalisten mit dem direktesten Zugang zu Wladimir Putin. 2012 strahlte die ARD Seipels allseits gelobtes Porträt Ich, Putin aus. Jetzt legt er in Buchform eine weitere Zwischenbilanz seiner Erkundungen im Putin'schen Archipel vor

Er gilt als einer der westlichen Journalisten mit dem direktesten Zugang zu Wladimir Putin. Dutzende Male hat der deutsche Autor und Fernsehdokumentator Hubert Seipel den Kreml-Chef getroffen, lange nächtliche Gespräche mit ihm geführt, ihm auf Spaziergängen zugehört und Interviews gemacht. Daraus hat sich eine Art Vertrauensverhältnis entwickelt. Nicht zum Schaden Putins, der die Beziehung offensichtlich auch deshalb pflegt, weil er sich der Wirkung auf die Öffentlichkeit des europäischen Schlüsselstaates bewusst ist.

Nicht erst seit der Ukrainekrise spaltet der russische Staatschef die Bevölkerung in Deutschland in Kritiker und "Versteher" wie in keinem anderen westlichen Land. Es scheint, als böten Persönlichkeit, Werdegang und politische Praxis des einstigen Geheimdienstoffiziers, der jahrelang in der DDR stationiert war, eine geradezu ideale Projektionsfläche für Ängste und Hoffnungen, Anti- und Sympathien der Deutschen mit ihrem historisch erklärbaren speziellen Verhältnis zum eurasischen Riesenreich.

2012 strahlte die ARD Seipels allseits gelobtes Porträt Ich, Putin aus. Jetzt legt er in Buchform eine weitere Zwischenbilanz seiner Erkundungen im Putin'schen Archipel vor. Putins Handlungen, seine innen- und außenpolitischen Strategien werden als Ergebnis rationaler Überlegungen und legitime Verfolgung russischer Interessen dargestellt. Tenor: Wenn der Westen, angeführt von den USA, oft unter dem Vorwand moralischer Überlegenheit knallharte Interessenpolitik betreibt, dann darf Russland das auch, beispielsweise mit der Annexion der Krim.

So weit, so nachvollziehbar. Mitunter verfällt Seipel freilich selber in jenen polemischen Ton, den er den Putin-Dämonisierern vorwirft. Kostprobe: "Wo esse ich heute Abend am besten vegetarisch? Was ziehe ich an, und warum setzt Wladimir Putin in Russland nicht endlich die Homo-Ehe durch?"

Noch interessanter aber ist, worauf der Autor nicht eingeht: die Morde an prominenten Kreml-Kritikern wie Anna Politkowskaja, Natalja Estemirowa und, zuletzt, Boris Nemzow. Gerade im Fall Nemzow spielten die offiziellen Ermittler von Anfang an eine höchst fragwürdige und widersprüchliche Rolle. Hat der oberste Chef dazu nichts zu sagen? Oder gab es womöglich einen Deal, dass dieses Thema ausgeklammert wird? Dazu schweigt Seipel. Und gerade weil er ein Profi ist, muss er sich fragen lassen, warum. (Josef Kirchengast, 10.2.2016)

Hubert Seipel, "Putin – Innenansichten der Macht". € 22,60 / 368 Seiten, Hoffmann-und-Campe-Verlag, Hamburg 2015

  • Artikelbild
    foto: hoffmann und campe
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