Asphalt-Hyänen, Gangster-Märchen, Teil 1

Glosse12. Februar 2016, 07:00
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Liebe Leser! Es ist soweit! Demnächst geht mein zweites Buch in Druck! Arbeitstitel: Asphalt Hyänen. Es handelt von den Gangstern aus Beograd, die in den 90er Jahren die Stadt und das Land beherrschen. Als Appetithappen könnt ihr die Biographie von Aleksandar "Kristijan" Golubović lesen. Er ist der letzte überlebende Gangster aus der berühmten Doku "Vidimo se u čitulji" aus dem Jahr 1994.

Das Muskeltier

Aleksandar Golubović a.k.a. Kristijan

30. 11. 1969 – 20??

In den "Robotermärchen" von Stanislaw Lem erfahren wir, wie die Märchen sind, die Maschinen ihren Kindern vor dem Schlafengehen erzählen. Aleksandar Golubović wäre zweifellos eine Figur aus Gangster-Märchen die Verbrecher ihren Kindern vor dem Einschlafen erzählen.

Es war einmal in München...

Wie alle Gute-Nacht-Geschichten beginnt auch diese mit dem Wort von dem, was ein Mal, vor (nicht allzu) langer Zeit (in München) geschieht. In dieser Stadt ist Golubović Senior – man ahnt es – ein freischaffender Krimineller. Eines Tages geht ein Überfall schief, ein Mann stirbt und Golubović Senior entkommt der Polizei ohne Beute. Doch er weiß, dass seine Flucht nur kurz währen kann. Spätestens bei Sonnenaufgang wird die Polizei an seine Türe klopfen, seine junge Frau aus dem Bett reißen und nach ihm fragen. Also geht der zum Raubmörder gewordene nach Hause, schläft noch ein letztes Mal mit seiner jungen Frau und erzählt ihr, was in wenigen Stunden geschehen wird. Als die Polizei vor der Türe steht, ist Golubović Senior bereit und lässt sich ohne Widerstand verhaften. Das Urteil ist lebenslange Haft. Mama Golubović schwört Stein und Bein, ihr kleiner Aleksander sei genau in dieser Nacht gezeugt worden. Wenn das wahr ist, kann ein Gangster-Märchen nicht schöner beginnen.

Doch es findet seine Fortsetzung in noch einem Detaill mit der Qualität eines waschechten Omens. Dass Aleksandar von einem Verbrecher in seiner letzten Nacht in Freiheit gezeugt wird, ist bereits eine wunderbare Ouverture. Nun wird sie noch vom Akt der Taufe vervollständigt. Der Taufpate des kleinen Aleksandar ist ebenfalls ein Verbrecher, der damals bereits selbst Stoff für Legenden bietet: Ljubomir Magaš aka Ljuba Zemunac, der Pate von Frankfurt und Offenbach. Von so viel dunklem Odem angehaucht, kann das Leben des Golubović Junior nur noch eine Odyssee der Abwege sein.

Und genauso, liebe Kinder, kommt es auch. Der kleine Aleksandar wird groß. Knapp über zwei Meter. Er wird auch stark. Allein seine Oberarme sind so dick und groß, wie der Torso eines dicken Fünfjährigen. Diese Muskeln tragen einen Kopf, der nur eine einzige Idee hat: Ich bin ein Gangster! Mit der Umsetzung dieser Idee beginnt Aleksandar bereits als Teen in München. In Interviews sagt er später, die Švabe (abfällig für Deutsche – und Österreicher) hätten Lektionen in Respekt dringend gebraucht. Diese Erziehungsmaßnahmen an Münchener Kids und ihre Folgen zwingen Aleksandar und seine Mutter zur Rückkehr nach Beograd.

Muskeln aus Zement

In der Neubausiedlung "Braće Jerković", die nach einem heldenhaften Brüderpaar aus Partisanenzeiten benannt ist, wächst Aleksandar auf und bildet bald eine eigene Gang aus Jungs deren Tagesbeschäftigung in der Vergrößerung ihrer Muskelmasse und dem begehen gelegentlicher Gewalttätigkeiten besteht. Einer seiner besten Freunde ist Milorad Ulemek genannt "Legija", später rechte Hand von Arkan bei seinen "Tigern", noch später Kommandeur der Jedinica za specijalne operacije, JSO (Einheit für Spezialoperationen) der Staatssicherheit und einer der Organisatoren des tödlichen Attentats auf den serbischen Premier Zoran Đinđić. Golubović und "Legija" – damals wegen der Zementgewichte, die er selbst gießt, "Cema" genannt – stemmen gemeinsam mit anderen Jungs, die heftig werden wollen, Gewichte. Bis sie die größte Muskelansammlung in ihrer Gegend werden. Zwischendurch trainiert Aleksander auch Kickbox (und andere Goschentretrkünste) und wird ein Meister in der Disziplin Mixed Martial Arts.

Erste Erfahrungen sammelt die Gang mit einem Einbruch in ein großes Sportgeschäft. Zuvor sind es noch Kioske, die rasch und brutal aufgebrochen werden um anschließend die Zigaretten zu rauben. Beim Sportgeschäft hat man bereits die erste Stufe der Selbstorganisation erreicht. Es sollen hunderte Paar Markenschuhe und Sports-Wear erbeutet werden. Der erhoffte Profit beträgt Tausende von D-Mark. Und nicht wie bisher zwei bis drei Hundert. Doch das Meiste geht schief, die Gang profitiert nicht und der einzige Bonus besteht darin, dass bald alle wieder in Freiheit sind. Der Mißerfog entmutigt Aleksandar und seine Jungs nicht. Im Gegenteil: Am 25 Februar 1990 erfindet Golubović sich selbst als der wildeste der wilden Jungs von Beograd.

Die Nacht der jungen Hyänen

In dieser kalten Winternacht stürmen Aleksandar und seine Jungs schwerbewaffnet die belgrader Discotek Mažestik, die ein Treffpunkt der schicken, schönen Oberwelt, der kriminellen Unterwelt und der Zwischenwelt des Geheimdienstes ist. Der Auftritt der jungen Banditen ist ein Spektakel, das Beograd bis dahin so nicht kennt. Die Golubović-Bande ist entschlossen, einen ihrer Feinde, den man im Mažestik vermutet, öffentlich hinzurichten. Doch der Feind ist nicht unter den Anwesenden. So zwingen die wilden Jungs alle Gäste, darunter etliche etablierte Könige der Unterwelt, höhere Offiziere des Geheimdienstes und zahlreiche Schicki-Mickies zum Liegen auf dem Boden und erschießen die Bar, die Spiegel und fast alle Möbel. Diese Aktion schafft Golubović viele neue Freunde und gefährliche Feinde. Der gefährlichste unter den Feinden ist Arkan, der ihm lange nach dem Leben trachtet. Nach einer Vermittlung durch seinen Jugendfreund Milorad Ulemek "Legija" wird der Streit beigelegt und die neuen Freunde sorgen für florierende Geschäfte.

Kurze Zeit ist Golubović bei Arkans Tigern, doch nach wenigen Wochen missfällt ihm der militärische Drill. Außerdem leiden die Geschäfte unter seiner Abwesenheit. Golubović verlässt die Tiger in aller Freundschaft und bleibt lieber Geschäftsmann. Es gilt als sicher, dass seine Bande mit Drogenhandel sehr viel Geld verdient. Nach außen jedoch gibt er den Drogenhasser. Und den frommen Gläubigen. Bei seinem letzten Prozess vor wenigen Jahren ist seine größte Sorge sein Image in der Öffentlichkeit. Weil er vor einer orthodoxen Kirche verhaftet wird, als er eine Minderjährige zwingt für ihn als Drogenkurier zu fungieren, hält Golubović eine kurze Rede vor dem Richter. Darin beteuert er zwar, dass er "kein Blümchen" sei, aber ein frommer Gläubiger der nun mit der Nachrede leben muss, Minderjährige für Drogenverkäufe in einer Kirche missbraucht zu haben.

Die drei Stooges

Die kurze Zeit bei den Tigern ist auch seine einzige nachgewiesene Tätigkeit für den Geheimdienst, aber nur weil diese Einheit dem Geheimdienst "gehört". In jungen Jahren will Golubović jedoch ein Auftragskiller für den Geheimdienst sein und nicht ganze Tage mit einem AK-47 über Felder robben. Diese Phase der Killer-Phantasie befällt ihn als er gerade in die Volljährigkeit wächst und kurze Zeit sieht es so aus, als ob sein Traum wahr wird. Diese Episode erzählt Golubović in unerträglicher Länge und mit unzähligen Abschweifungen in einer Folge der beliebten Interview-Serie Goli život (Das nackte Leben). Dabei scheint er nicht zu merken, dass die Story, die er als erzählenswerte Anekdote empfindet, in Wahrheit die Offenbarung grotesk komischer Inkompetenz ist. Der Anfang dieses Abenteuers ist nur schemenhaft erfahrbar. Ein Mitarbeiter des Geheimdienstes soll den jungen Golubović als dritten Mann für ein Mordkommando engagiert haben. Der Auftrag ist die Ermordung eines albanischen Antikommunisten in Frankreich. Der angebliche Geheimdienstmann stattet das Trio mit Anweisungen, Geld und gefälschten Reisepässen aus. Golubović soll der Schießer sein, ein junger Krimineller ist der Reservemann und ein älterer Krimineller ist der Chef der Troika. Die Anreise erfolgt über Österreich und Deutschland.

Bis zur Deutsch-Französischen Grenze verläuft alles nach Plan. Am Grenzübergang kann der Chef der Mörderpartie keinen Reisepass vorweisen, weil er ihn im Hotelzimmer in Deutschland vergisst. Doch die Grenzer sind gnädig und lassen das Trio trotzdem passieren. In Frankreich werden die Killer für eine zufällige Kontrolle von der französischen Autobahnpolizei auf einen Parkplatz gewunken. Hier fliegt auf, dass das Auto in Deutschland als gestohlen gemeldet ist. Die Killer in spe entkommen jedoch zu Fuß und schaffen es bis nach Paris. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollte klar sein, dass der Chefkiller offenbar eine wandelnde Malaisie ist und kein James Bond. Schließlich gibt der Geheimdienstmann auch reichlich Geld für den Kauf eines Autos. Doch offenbar will der Chefkiller einen Teil des Geldes einstecken, weswegen er das Auto nicht kauft, sondern klaut.

Glückloser Auftragskiller

Doch statt aus diesem Unterfangen auszusteigen, ist Golubović überzeugt, nun könne nichts mehr schiefgehen. Endlich, so träumt er, kann er für den Staat abdrücken und einen Menschen "ganz legal" ermorden. Doch man verfügt noch über keine Waffe. Das Organisieren des Tatwerkzeugs ist Aufgabe des Chefs. Er kennt sich hier aus, weil Paris sein Operationsgebiet als gewöhnlicher Krimineller ist. Also schickt der Chef Golubović zu einer Roma-Bande, die mit Feuerwaffen handelt und trichtert ihm einen Namen ein, den er als Referenz nennen soll. Als er die Roma findet, vor das Oberhaupt des Klans gebracht und gefragt wird, wer ihn schickt, sagt er den eingetrichterten Namen auf. Seine Stimme ist im Raum noch nicht verhallt als sich die Anwesenden auf ihn stürzen, keinen Zweifel daran lassend, dass es ihre Absicht ist, kollektiv das Leben aus ihm heraus zu prügeln. Doch Golubović ist schon damals ein Muskelkoloss, Inhaber des schwärzesten aller Gürtel und sämtlicher Dan die es gibt. Er kämpft sich von der mörderischen Roma-Meute frei, hauptsächlich indem er gezielt und in möglichst schneller Folge Knochen seiner Gegner bricht.

Später erfährt Golubović, dass der Mann dessen Namen ihm sein Chef als Referenz nennt, der schlimmste Feind der Roma-Bande ist. Ein Mann der erst kurz davor einen Sohn des Anführers der Roma ermordet und dem Patriarchen des Klans ein Auge herausschießt. Nun endlich wird die Aktion als gescheitert abgeschrieben und jeder der glücklosen Auftragskiller reist auf einem anderen Weg zurück nach Jugoslawien.

ENDE Teil 1 (Bogumil Balkansky, 12.2.2016)

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