Heimische Megapleite mit Ukraine-Konnex

10. Februar 2016, 13:55
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Die in Wien angesiedelte Activ Solar GmbH beschäftigt zwar nur drei Mitarbeiter, ist aber mit einer halben Milliarde Euro überschuldet

Wien – An politischen Kontakten mangelte es den Eigentümern der in Österreich angesiedelten Activ Solar GmbH definitiv nicht. Wie DER STANDARD schon vor zwei Jahren berichtete, sollen die beiden Brüder Andrej und Sergej Kljujew laut der Oppositions-Website yanukovich.info indirekt Mehrheitseigentümer der auf die Entwicklung von Solarprojekten spezialisierten Firma mit Sitz in der Wiener Wipplingerstraße gewesen sein. Multimillionär Andrej Kljujew war auch Leiter der Präsidentschaftskanzlei unter dem früheren Staatschef Wiktor Janukowitsch.

Einer der offiziell eingetragenen Geschäftsführer von Activ Solar ist Kaveh Ertefai, der Schwiegersohn von Sergej Kljujew. Über Briefkastenfirmen gab es auch Verbindungen der Activ Solar zu Gesellschaften, an die unter Janukowitsch das 137 Hektar große Präsidentenanwesen Meschgorje in der Nähe von Kiew übertragen wurde – DER STANDARD berichtete ebenfalls. Das Geschäft lief demnach unter dem Anfang 2014 gestürzten Janukowitsch prächtig.

Machtwechsel

Mit dem Machtwechsel und der folgenden Ukraine-Krise, die zur Annexion der Krim führte, änderte sich aber alles. Die politischen Entwicklungen werden von Activ Solar zumindest als einer der Hauptgründe für die Firmenpleite angeführt. Am Mittwoch wurde beim Handelsgericht Wien ein Antrag auf Eröffnung eines Sanierungsverfahrens ohne Eigenverwaltung beantragt.

Die Dimensionen sind gewaltig, wie aus dem Antrag, der dem STANDARD vorliegt, hervorgeht. Activ Solar beschäftigt zwar nur drei Mitarbeiter, die Passiva betragen aber mehr als eine halbe Milliarde Euro. Allein 305 Millionen an Verbindlichkeiten entfallen auf Banken. Eine genaue Aufstellung enthält der Insolvenzantrag zwar nicht, das Unternehmen, das neben der Ukraine noch Niederlassungen in den USA, Großbritannien, Frankreich und Malta unterhält, gibt aber Bankverbindungen zur Bank Austria, zur Landesbank Baden-Württemberg und der Sberbank an.

Nur wenig Vermögenswerte

Um einen Großteil werden die Banken wohl umfallen. Die Vermögenswerte der Activ Solar GmbH liegen bei nicht einmal 19 Millionen Euro. Im Fall einer Schließung des Unternehmens können die Gläubiger laut Insolvenzantrag nur mit einer Quote von 3,6 Prozent rechnen. Im Rahmen eines Sanierungsplans wird nun eine 20-prozentige Quote angestrebt. Dessen Finanzierung ist aber unklar, sie soll "von dritter Seite" erfolgen.

Ausführlich beschrieben werden im Insolvenzantrag auch die Hintergründe der Pleite. In der Ukraine wurde im Gründungsjahr 2008 ein Halbleiterwerk zur Herstellung von Silizium gekauft, das als Rohstoff in der Solarindustrie benötigt wird. Nachdem man sich laut eigenen Angaben "zu einem der drei größten Solarparkentwickler weltweit" hochgearbeitet hatte, führte die Annexion der Krim durch Russland laut Insolvenzantrag zu einem "erheblichen Rückschlag". Die Geschäftstätigkeit in der Ukraine wurde nach und nach eingestellt.

57-Millionen-Zahlung fällig

Im Oktober 2015 wurde man schließlich im Rahmen eines Schiedsspruchs zu einer Zahlung von 57 Millionen Euro an die ukrainische Exportbank Ukrexim verdonnert. Hintergrund war, dass Activ Solar eine Garantieerklärung im Ausmaß von 230 Millionen Euro für eine Beteiligungsgesellschaft (PSJC Semiconductor Plant) übernommen hat, über die das Siliziumwerk modernisiert werden sollte. Das Unternehmen streitet zwar die Gültigkeit der Garantie ab, ein entsprechendes ukrainisches Rechtsgutachten kam im November aber zu einem anderen Ergebnis. Da auch Vergleichsverhandlungen mit Ukrexim scheiterten, wurde das Unternehmen zahlungsunfähig.

Laut den Gläubigerschützern von Creditreform handelt es sich um die größte Pleite im noch jungen Jahr. Insgesamt sind 34 Gläubiger betroffen. Die Jännergehälter der drei Mitarbeiter wurden nicht mehr ausbezahlt. Und noch ein interessantes Randdetail geht aus dem Insolvenzantrag hervor: Die Miete für den Standort in der Wiener Innenstadt "wird aufgrund über den Vermieter verhängter EU bzw. US-Sanktionen nicht mehr bezahlt", wie es heißt. Der Mietrückstand beträgt immerhin 325.000 Euro. (Günther Oswald, 10.2.2016)

  • Eine Anlage von Activ Solar auf der Krim.
    foto: apa/epa/sergei ilnitsky

    Eine Anlage von Activ Solar auf der Krim.

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