US-Wahlen: Das Rennen bleibt völlig offen

Analyse10. Februar 2016, 06:56
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In beiden Parteien ist eine Sensation nicht mehr auszuschließen

Das Rennen ist völlig offen, in beiden Parteien. Es gab Wahljahre, da wurden bereits in New Hampshire die Weichen gestellt. Diesmal hat die zweite Etappe des Rennens um die Präsidentschaftskandidatur nur eines bewiesen: Es ist ein Wahljahr, in dem die üblichen Gesetze nicht gelten. Dazu brodelt es zu heftig an der Basis, dazu gehen zu viele Amerikaner zu sehr auf Distanz zu ihrer traditionellen politischen Klasse.

Donald Trump ist in Iowa schlecht aus den Startlöchern gekommen, nun zeigt sein Sieg in Neuengland, dass es vielleicht nur ein Stolperer war. In South Carolina, wo das nächste Votum ansteht, ist er eindeutig der Favorit. In kaum einem anderen Bundesstaat hat der rechtspopulistische Unternehmer derart intensiv um die Wählergunst gebuhlt, in keinem anderen ließ er sich über Monate hinweg so oft blicken wie dort.

Rubio abgestraft – vorerst

Nur: Zählt man zusammen, was die vier Kandidaten des republikanischen Establishments (John Kasich, Jeb Bush, Marco Rubio, Chris Christie) an Stimmen erhielten, so kommt man auf fast 50 Prozent. Wer immer sich als Spitzenmann dieser Gruppe herausschälen wird, er hat noch immer gute Chancen, sowohl Trump als auch Ted Cruz, den Prediger der christlichen Rechten, in die Schranken zu weisen.

Nach Iowa sah es so aus, als liefe alles auf Rubio zu, den telegenen Senator aus Miami. Der aber hat offenbar die Quittung für einen überraschend schwachen Debattenauftritt im Fernsehen bekommen. Ob es nur ein Ausrutscher war oder der Anfang vom Ende des Wintermärchens um den Barack Obama der Konservativen? Es gibt niemanden, der das im Moment seriös zu beurteilen vermag.

John Kasich, ein Praktiker aus der konservativen Mitte, hat alles auf die Karte New Hampshire gesetzt und mit einem zweiten Platz den Lohn dafür eingefahren. Dennoch bleibt er wohl ein Außenseiter. Jeb Bush verfügt zwar über jenes opulent finanzierte landesweite Netzwerk, das Kasich fehlt, bislang aber lässt er das nötige Feuer im Bauch vermissen. Ob Rubio, Kasich oder Bush: Spätestens mit dem "Super Tuesday" am 1. März müsste sich einer von den anderen abgesetzt haben, um Trump, der vom zersplitterten Feld seiner Kontrahenten enorm profitiert, tatsächlich Paroli bieten zu können.

Heimspiel für Sanders

Bei den Demokraten bestritt Bernie Sanders in New Hampshire ein halbes Heimspiel, grenzt der "Granite State" doch an das idyllische Vermont, wo er Karriere gemacht hat. Dennoch dürften im Lager Hillary Clintons die Alarmglocken läuten. Dass der Außenseiter, der Sanders amerikaweit noch immer ist, die Favoritin derart deklassieren würde, hatten die Meinungsforscher zwar prophezeit – geglaubt aber hatten es nur die wenigsten.

Als Nächstes muss der neue Ritter der Linken beweisen, dass er auch bei Afroamerikanern und Latinos Zuspruch findet, in Wählergruppen, die bisher mit ihm eher fremdelten. Gelingt es ihm, zumindest ansatzweise jene Koalition aus Jungen, Altlinken und ethnischen Minderheiten zu schmieden, die Obama 2008 zum Sieg über Clinton verhalf, ist die Sensation nicht mehr auszuschließen. (Frank Herrmann aus New Hampshire, 10.2.2016)

  • Erwartungsgemäß durfte Sanders in New Hampshire die Faust des Siegers ballen.
    apa/afp/jewel samad

    Erwartungsgemäß durfte Sanders in New Hampshire die Faust des Siegers ballen.

  • Donald Trump siegte nun doch.
    foto: reuters/jim bourg

    Donald Trump siegte nun doch.

  • Doch John Kasich ließ von sich hören.
    foto: andrew burton/getty images/afp

    Doch John Kasich ließ von sich hören.

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