Flüchtlingspolitik für Nichtschwimmer

Kommentar der anderen9. Februar 2016, 17:30
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Einige Anmerkungen, damit die Politik nicht mit ihrem Latein ans Ende kommt

Bildungsbürger erkennt man daran, wie souverän sie sich des klassischen Bildungskanons zu bedienen wissen. Das Zitieren von lateinischen Phrasen oder von Bibelstellen schien aus der Mode gekommen. Doch angesichts der Flüchtlinge, die ihr Heil in Europa suchen, feiert diese Attitüde ihre Renaissance. Man will sich der Schutzsuchenden erwehren, ohne dabei grausam und unzivilisiert zu erscheinen. So wird die Nächstenliebe beschworen, die keine Fernstenliebe sei, oder, wie zuletzt von Reinhold Lopatka (im STANDARD vom 26. 1. 2016), der alte Grundsatz des Celsus "Ultra posse nemo obligatur" (Über das Können hinaus ist niemand verpflichtet) zur Selbstrechtfertigung ins Feld geführt.

Spricht einer Latein, dann kann nicht mehr jede und jeder nachlesen. Deshalb wird der Satz "Ultra posse nemo obligatur" zur Bastion, die zeigen soll, wie sehr wir schon überfordert sind. "Wir werden erdrückt!", wie unser Außenminister meinte, wir können einfach nicht mehr. Der schöne lateinische Satz im Munde österreichischer Politiker lässt uns als Opfer der Fluchtbewegung erscheinen und entlastet uns zugleich davon, den wirklichen Opfern helfen zu müssen. "Obligatur" – das heißt verpflichtet sein. In der Sprache der Ethik: Was soll ich tun? Das ist die eine Frage, die unser Handeln leitet. Die andere ist die nach dem Wollen: Was entspricht meinen Wünschen und Wertvorstellungen? Die dritte handlungsleitende Frage ist jene nach dem Können: Habe ich die Mittel und Fähigkeiten, das, was ich soll (und will), auch wirklich zu tun? Ein klassisches Beispiel: Wenn ich ans Meer komme und sehe, dass einer ertrinkt, bin ich verpflichtet, ihn zu retten – außer ich kann nicht schwimmen, dann bin ich auch nicht verpflichtet. Das bringt der Satz "Ultra posse nemo obligatur" auf den Punkt.

Für die Interpretation des Lopatka'schen Zitierens dieses Satzes können wir nun zweierlei folgern: Entweder er gesteht ein, dass unsere Bundesregierung aus Nichtschwimmern besteht und der – durch die Ratifizierung der Genfer Flüchtlingskonvention auch rechtlich verbrieften – Verpflichtung, Asyl zu gewähren, nicht nachkommen kann. Oder aber sie kann, will aber nicht. Im Sinne des Kirchner'schen Wörterbuchs der philosophischen Begriffe, wo es heißt: "Dieser Satz, der auf Celsus zurückgeht, ist natürlich nur mit Einschränkung richtig. Denn oft sagt der Widerwillige, von welchem man etwas verlangt: 'Ich kann nicht', und meistens kann der Mensch viel mehr leisten, als er denkt, wenn er nur den guten Willen dazu hat."

Wir sind nicht die Opfer. Wir sind nicht am Rande unserer Kraft. Wir werden durch das Asylrecht zu nichts genötigt, was unsere Kraft übersteigt. Für uns gilt eher: Wer mehr kann, ist auch zu mehr verpflichtet. Wie der Lateiner sagt: Magis potens, magis obligatur. Die Opfer des Kriegs in Syrien sind andere. Niemand ist gezwungen, einen guten Willen zu haben. Doch wer nicht helfen will, sollte das sagen und sich nicht hinter der Bibel oder lateinischen Rechtsgrundsätzen verschanzen. Denn eine solche Verwendung des klassischen Bildungskanons zeigt nur, wie dünn der Firnis der Zivilisation sein kann. (Michael Chalupka, 9.2.2016)

Michael Chalupka ist evangelischer Theologe, Direktor der Diakonie Österreich und Vorsitzender des Diakonie-Flüchtlingsdienstes.

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