Die ausgenommenen Stimmungslieferanten

9. Februar 2016, 17:11
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Eine Aktion der Fans des FC Liverpool gegen die geplante Erhöhung der Eintrittspreise an der Anfield Road könnte nur der Anfang einer Protestwelle in der englischen Premier League gewesen sein. Die Klubs deuten die Zeichen der Zeit noch nicht

London/Wien – Spannende Spiele mit Stars gespickter Mannschaften in der einzigartigen Atmosphäre randvoller englischer Stadien – das Produkt Premier League stimmt, muss stimmen, sonst hätte Englands Topliga nicht einen TV-Vertrag abgeschlossen, der die Vorstellungskraft übersteigt. Umgerechnet fast 6,9 Milliarden Euro kassieren die 20 jeweils beteiligten Klubs in den Jahren von 2016 bis 2019. Sky (126 Partien pro Saison im Fernsehen) und BT Sport (42 via Internet) lassen sich jedes einzelne Spiel rund 13,45 Millionen Euro kosten.

Allerdings ist nun ein Teil der Geschäftsgrundlage ernstlich bedroht – die von den zahlenden Fans beigesteuerte Atmosphäre. Denn die organisierten englischen Anhänger planen im Kampf um akzeptable Kartenpreise landesweite Aktionen. Kevin Miles, Vorsitzender der Football Supporters' Federation (FSF), kündigte im Telegraph ein Treffen von Fanvertretern aller Premier-League-Vereine an, auf dem weitere Schritte diskutiert werden sollen.

Die Fans des FC Liverpool haben es quasi vorgehüpft. In der 77. Minute des Heimspiels gegen Sunderland (2:2) hatten tausende Anhänger am vergangenen Samstag das Stadion an der Anfield Road verlassen, um gegen die angekündigte Erhöhung von Ticketpreisen auf bis zu 77 Pfund also rund 100 Euro zu demonstrieren. Die Truppe von Jürgen Klopp mag auch deshalb eine 2:0-Führung aus der Hand gegeben haben. "Es gibt viele Optionen", sagte Fanvertreter Miles, "der Liverpooler Protest hat sehr erfolgreich auf die Probleme aufmerksam gemacht – die Klubs müssen gezwungen werden, zuzuhören." In Liverpool zeigten zumindest Klopp ("Das ist auch für mich ein Problem") und Jamie Carragher Verständnis: "Der normale Arbeiter kann sich das nicht mehr leisten, das ist nicht fair", sagte die Verteidigerlegende der Daily Mail.

Geteilt wird nicht

Bisher hatten die Vereine allerdings wenig Veranlassung, Stadionbesucher vom TV-Abschluss profitieren zu lassen. Bei ihrer jüngsten Zusammenkunft in der vergangenen Woche sprachen sich die Klubvertreter explizit gegen die von den Fans geforderte Preissenkung für Auswärtstickets aus. Nach Angaben des Telegraph sind vor allem die Spitzenteams Arsenal, Chelsea, Liverpool, Manchester City und Manchester United sowie Tottenham und West Ham dagegen.

Arsenal und West Ham verlangen ihren Fans abgesehen von der einen oder anderen sportlichen Zumutung am meisten ab. Wer im Emirates Stadium ein Ligaspiel sehen will, muss bis zu 97 Pfund (126 Euro) zahlen, ein Besuch im Upton Park kann sich mit 95 Pfund (123 Euro) zu Buche schlagen. Zum Vergleich: Die teuerste Karte für ein Heimspiel des deutschen Rekordmeisters Bayern München kostet 70 Euro.

Der Telegraph rechnete am Beispiel von Manchester United vor, dass die Ticketpreise im Theatre of Dreams genannten Old Trafford seit 1990 (wohl inflationsbereinigt, aber auch erfolgsbedingt) um 350 Prozent gestiegen seien. Dagegen machen die Einnahmen aus dem Kartenverkauf nicht einmal 20 Prozent des Umsatzes aus. Diese Schere geht in allen namhaften Ligen immer weiter auf.

Übrigens, Österreichs Zusehermagnet Rapid verlangt dem Fan maximal 35 Euro ab – zwei Fahrscheine der Wiener Linien inklusive. (sid, red, 9.2.2016)

  • Die Botschaft der Fans des FC Liverpool ist deutlich. Die Klubs der englischen Premier League gefährden eine ihrer Geschäftsgrundlagen.
    foto: apa/afp/lindsey parnaby

    Die Botschaft der Fans des FC Liverpool ist deutlich. Die Klubs der englischen Premier League gefährden eine ihrer Geschäftsgrundlagen.

  • Um 77 Pfund kann man fast von Liverpool nach Alicante fliegen.
    foto: apa/afp/lindsey parnaby

    Um 77 Pfund kann man fast von Liverpool nach Alicante fliegen.

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