Zu Besuch bei Putin & Co: Politiker und ihr Schreibtisch

Interview17. Februar 2016, 05:30
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Wladimir Putin, Helmut Schmidt oder Martin Walser: Der Fotograf Konrad R. Müller lichtete eine Menge Staatsoberhäupter und Künstler bei der Arbeit ab. Ein Gespräch über die Seele von Schreibtischen

STANDARD: Sie haben viele mächtige Menschen in ihren Büros fotografiert. Würden Sie sagen, dass der Schreibtisch eine Form von modernem Thron darstellt?

Konrad R. Müller: Auf jeden Fall. Nehmen wir das Bild von Wladimir Putin, das etwas böse ausfiel. Hitler hatte in der Reichskanzlei ein Arbeitszimmer, das fast so groß wie ein Fußballfeld war. Der Besucher brauchte eine Ewigkeit, bis er von der Tür bis zum Schreibtisch gelangte, wo er dann als kleines Würstchen ankam. Ein bisschen so ist es auch bei Putin. Zu seiner Entschuldigung muss man allerdings sagen, dass er das Büro von seinem Vorgänger übernommen hat.

STANDARD: Das heißt, der Schreibtisch ist das Machtsymbol Nummer eins.

Müller: Ja, das würde ich so sagen. Empfängt jemand Besuch in seinem Arbeitszimmer, sitzt er in der Regel nicht auf der Couch, sondern hinter seinem Schreibtisch. Davor stehen dann ein oder mehrere Stühle, auf denen der Besuch Platz zu nehmen hat. Total pervertiert hat sich das bei Präsident Erdogan in der Türkei. Der hat sich einen ganzen Palast rund um seinen Arbeitsplatz bauen lassen. Das haben die Nazis übrigens auch gemacht.

STANDARD: Wie ist denn das so, mit Wladimir Putin in einem Zimmer?

Müller: Der Besuch fand spät statt, erst um 23.00 Uhr. Beeindruckt hat mich, dass er anschließend noch zum Zahnarzt ging. Ich meine, wer geht mitten in der Nacht zum Zahnarzt? Aber gut, wenn man sich Angela Merkel und all die anderen Persönlichkeiten ansieht, die die Welt regieren, ist es einem sowieso völlig schleierhaft, wie die all die Herausforderungen schaffen.

STANDARD: Wie sieht es bei Frau Merkel aus? Haben Frauen andere Schreibtische als Männer?

Müller: Die Bundeskanzlerin hat sich nach allen anderen Bundeskanzlern der deutschen Nachkriegsgeschichte dazu entschlossen, sich als Erste nicht von mir fotografieren zu lassen.

STANDARD: Warum das?

Müller: Frau Merkel ließ mir mitteilen, sie habe keine Zeit und wolle sich auch nicht beobachten lassen.

STANDARD: Es gibt den Ausspruch über Ihre Arbeit, der lautet: "Ein Konrad R. Müller knipst nicht, der wartet."

Müller: Meine Arbeit besteht aus einer langen Zeit des Beobachtens. Beim ehemaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder bin ich eine ganze Woche im Vorzimmer gesessen und hab geschaut, was da so passiert. Wir haben auch einmal ein Glas Wein zusammen getrunken und eine Zigarre geraucht.

STANDARD: Sie drücken also nicht permanent auf den Auslöser?

Müller: Aber nein. Ich arbeite analog und bin sehr sparsam mit meinem Filmmaterial. Man muss beim Fotografieren Psychologe und Entertainer sein. Ich fotografiere übrigens mit einem Teleobjektiv von relativ weit weg. Ich kriech den Leuten nicht ins Gesicht, wie das andere tun. Dennoch ist Porträtfotografie eine Täter-Opfer-Beziehung. Wenn Sie allerdings so souverän wie François Mitterrand oder Bruno Kreisky sind, dann nehmen Sie einen gar nicht wahr oder empfinden einen als nette Begleitung. Willy Brandt hat das Fotografiertwerden auch nicht tangiert, Schröder oder Kohl sehr wohl.

STANDARD: Haben Sie jemanden als besonders unfreundlich in Erinnerung?

Müller: Nein, solche Leute fotografiere ich nicht.

STANDARD: Als besonders freundlich?

Müller: Das klingt jetzt vielleicht blöd, weil ich mit jemandem von einer österreichischen Zeitung spreche, aber der Bruno Kreisky war für mich wie ein Ersatzvater. Kurz vor seinem Tod hat er mir ein Telegramm geschickt und mir das Du-Wort angeboten. Ich glaub, ich hab geheult. Ich denke, ich war mit ihm befreundet – oder er mit mir. Schwer zu sagen.

STANDARD: Wer hatte die größte Unordnung auf seinem Schreibtisch?

Müller: Diesen Titel bekommt der Karikaturist und einstige Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck. Bei ihm macht es den Anschein, als müsse er durch eine Falltür kriechen, um irgendwie an seinen Bürostuhl zu kommen. Von vorn gelangt er dort gar nicht mehr hin. Faszinierend.

STANDARD: Psychologen wollen herausgefunden haben, dass volle Schreibtische die Kreativität stärken. Bestätigen Sie das?

Müller: Mathias Döpfner, der Chef vom Springer-Verlag in Berlin, hat einen total leergefegten Schreibtisch. Alles, was hereinkommt, wird sofort von ihm bearbeitet. Wenn er eine Zeit lang nicht da war, bringt ihm seine Sekretärin lediglich so viele Unterlagen, wie er an einem Tag abarbeiten kann. Ich glaube nicht, dass man Kreativität am Zustand des Schreibtisches ablesen kann. Man könnte ja auch davon ausgehen, dass jemand mit einem überfüllten Schreibtisch ein fauler Mensch ist. Oder es wächst ihm die Arbeit über den Kopf.

STANDARD: Der Schriftsteller Sten Nadolny schreibt in einem Essay in Ihrem neuen Buch: "Der Schreibtisch ist von Anfang an mehr als ein Tisch, er bedeutet Ordnung für die Papierflut, liefert Logik und Orientierung, sucht dem Chaos zu wehren, hilft seinem Inhaber, Unbegriffenes wenigstens zwischenzulagern, schützt ihn oft genug davor, an das Chaos im eigenen Hirn mehr zu glauben als an die Ordnung des Kosmos. Der Schreibtisch verliert diesen Kampf immer wieder, aber er gibt ihn nie auf." Das klingt, als hätte der Schreibtisch eine Seele.

Müller: Das hat er auch. Der Schreibtisch ist ein Ort des Rückzugs, des Mit-sich-allein-Seins, ein Kosmos, an dem man sich festhalten kann. Man fühlt sich wohl und sicher. Bei Thomas Mann durfte keiner einen Mucks machen, der musste sich an seinen Arbeitstisch zurückziehen. Man arbeitet am Schreibtisch, ist kreativ, legt aber auch mal die Füße drauf oder schläft überhaupt auf ihm ein. Vielleicht hat man in einer Lade eine Flasche Cognac stehen oder raucht eine gute Zigarre. Letzteres tu ich zum Beispiel sehr gerne, aber natürlich nicht in der Dunkelkammer.

STANDARD: Welches Utensil ist das wichtigste auf einem Schreibtisch?

Müller: Nicht der Blumentopf. Den gibt's zum Glück nur selten. Wichtig ist die Leuchte, die reicht von pompös über schlicht bis zu sehr kalt. Im Büro von Uli Hoeneß dachte ich, ich wäre im Münchner Olympiastadion.

STANDARD: Gibt es außer der deutschen Bundeskanzlerin noch jemanden, den Sie gern vor die Linse bekommen hätten, es aber nicht geklappt hat?

Müller: Ja, ich hätte gern Fidel Castro besucht. Hat nie funktioniert. Wird's wohl auch nicht mehr. Und dann ist da noch die Geschichte mit Joseph Ratzinger. Ich hab ihn 1992 fotografiert, da war er noch Kardinal und Chef der Inquisition im Palazzo del Sant'Uffizio im Vatikan, wie ich das nenne. Ich hätte ihn auch gern fotografiert, nachdem er Papst war, aber das hat nicht mehr geklappt, obwohl ich dem Georg Gänswein einen langen Brief geschrieben habe. Ich hab dann von irgendeiner Kirchenstelle in Berlin eine Absage bekommen, als hätte ich um ein Autogramm gebeten.

STANDARD: Welche Zukunft sagen Sie dem Schreibtisch, wie wir ihn kennen, voraus?

Müller: Ich glaube, so konventionell, wie ich ihn in der Regel fotografiert habe, wird es ihn in Zukunft nicht mehr geben. Die Technik wird uns auch am Schreibtisch immer mehr beherrschen.

STANDARD: Wie sieht es eigentlich auf Ihrem Schreibtisch aus?

Müller: Ich hab einmal geschrieben, "Ich besitze keinen Schreibtisch im eigentlichen Wortsinn. Der Name Photographie wird aus dem Griechischen abgeleitet. Er besteht aus den Begriffen Phos, im Genitiv Photos, das bedeutet Licht – und Graphein, allgemein übersetzt mit schreiben, aufzeichnen. Daraus ergibt sich die Tätigkeit des Schreibens mit Licht. Genau das geschieht in meiner Dunkelkammer auf einem Tisch." (Michael Hausenblas, RONDO, 17.2.2016)

Zur Person

Konrad Rufus Müller wurde 1940 in Berlin geboren. Er studierte Malerei, ehe er sich 1965 der Fotografie zuwandte. Er veröffentlichte bis heute 23 Bücher, u. a. über Konrad Adenauer, Anwar as-Sadat, François Mitterrand oder Bruno Kreisky.

Im Verlag "Seltmann+Söhne" erschien vor kurzem Konrad R. Müllers Buch "Über Schreibtische", mit 120 S/W-Fotografien, 59 Euro.

www.seltmannundsoehne.de

  • Auch Wladimir Putin hat Konrad R. Müller bei der Arbeit fotografiert. Anschließend musste der noch zum Zahnarzt,  und das mitten in der Nacht.
    foto: konrad r. müller

    Auch Wladimir Putin hat Konrad R. Müller bei der Arbeit fotografiert. Anschließend musste der noch zum Zahnarzt, und das mitten in der Nacht.

  • Zu sehen ist die ehemalige Büroleiterin von Helmut Kohl, Juliane Weber, samt Elefantenhorde.
    foto: konrad r. müller

    Zu sehen ist die ehemalige Büroleiterin von Helmut Kohl, Juliane Weber, samt Elefantenhorde.

  • Bei der Arbeit, der Künstler und Karikaturist Klaus Staeck.
    foto: konrad r. müller

    Bei der Arbeit, der Künstler und Karikaturist Klaus Staeck.

  • "Ein Konrad R. Müller knipst nicht, der wartet."
    foto: epa / markus üscholz

    "Ein Konrad R. Müller knipst nicht, der wartet."

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