Ethnologe: "Religion wird für Machtpolitik eingespannt"

Interview14. Februar 2016, 15:00
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Vorfälle wie in der Silvesternacht in Köln sollten Vorurteile nicht festigen, sagt Timo Heimerdinger

Innsbruck/Wien – Lange vor der Flüchtlingskrise hat Timo Heimerdinger begonnen, sich intensiv mit Migration und kulturellem Wandel zu beschäftigen. Seit einem Jahr leitet er einen Forschungsschwerpunkt im Fachbereich Europäische Ethnologie an der Universität Innsbruck, wo die aktuelle Thematik historisch verortet wird.

STANDARD: Sie leiten den Forschungsschwerpunkt "Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte". Sind Begegnungen ohne Konflikte überhaupt denkbar?

Heimerdinger: Kulturelle Begegnung von Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Wertesystemen ist ein Dauerzustand. Ob diese Begegnungen als konflikthaft oder als produktiver Teil des dynamischen gesellschaftlichen Wandels begriffen werden, ist immer eine Frage der Perspektive. Uns ist es wichtig, Kultur nicht als etwas Feststehendes, Gegebenes zu verstehen. Wir verstehen Kultur als einen permanenten Prozess, der immer dort stattfindet, wo Menschen zusammenleben, und an dem wir ständig auch mitbeteiligt sind. Wenn man so etwas wie kulturelle Grenzen überhaupt annehmen will, dann verlaufen sie sicher nicht parallel zu nationalstaatlichen oder Sprachgrenzen, sondern durch die Gesellschaft.

STANDARD: Warum haben viele Menschen Angst vor kulturellem Wandel, etwa bedingt durch Zuwanderung, wenn dieser ohnehin immer stattfindet?

Heimerdinger: Angst ist sowohl gegenwärtig wie auch in der Geschichte stark zu beobachten. Es gibt Ängste vor Wandel, vor Fremdbegegnung, vor drohendem Verlust. Das Fremde ist immer wieder dazu geeignet, die Ängste vor Verlust hervorzurufen. Diese Ängste sind aber nichts Neues. Sie tauchen immer wieder auf in Phasen der Veränderung. Das als kulturelles Problem zu sehen ist eine Interpretation, die auch politisch instrumentalisiert wird. Uns ist es wichtig zu zeigen: Das, was als kulturelles Problem gesehen wird, ist in Wirklichkeit vielleicht ein ökonomisches oder ein Kommunikationsproblem.

STANDARD: Wie kann man diese Ängste ernst nehmen, ohne gleichzeitig Vorurteile zu schüren?

Heimerdinger: Wenn Vorfälle passieren wie in der Silvesternacht in Köln, sind das ernst zu nehmende Probleme und Straftaten, die geahndet und durch Prävention verhindert werden müssen. Sie haben auch eine kulturelle Dimension, die nicht wegzureden ist, aber nicht in der Verfestigung von Vorurteilen enden muss. Genauso verhält es sich, wenn Schulkinder große Sprachprobleme haben. Das will ich überhaupt nicht relativieren, aber es zeigt sich, dass die Angst vor dem Fremden oft dort am größten ist, wo die Fremderfahrung relativ gering ist. Diese Angst kommt oft aus der Unwissenheit, aus Imagination und nicht aus der realen Begegnung. Wir haben zum Beispiel vergangenes Jahr in der Schweiz bei der Volksabstimmung über die Verschärfung der Zuwanderungsregeln gesehen: Die Zustimmung war dort besonders groß, wo die geringste Quote an Migranten vorhanden war. Die Angst vor dem Fremden ist also oft imaginiert.

STANDARD: In Ihrer Forschung zeigt sich, dass in vielen Bereichen der Kultur das vermeintlich Eigene vom Fremden durchdrungen ist. Können Sie Beispiele nennen?

Heimerdinger: Auf vielen Ebenen der Alltagskultur wie bei Kleidung, Wohnen, Freizeitverhalten lässt sich beobachten, dass das, was wir heute als "eigen" betrachten, oft das Ergebnis vielfältiger Transformationen und kultureller Begegnungen ist. In der Küche lässt sich das einfach zeigen: Da ist ein ständiges Experiment der Neukombination im Gange. Auch die Sprache ist ein dynamischer Prozess. Das Eigene und das Fremde sind nur scheinbar eindeutig. Uns ist es wichtig, diese scheinbaren Kategorien von "eigen" und "fremd" historisch zu befragen und in ihrer Dynamik aufzuzeigen. So wollen wir zeigen, dass Wandel und Veränderung eher die Regel als die Ausnahme sind und deswegen nichts, vor dem man grundlegend Angst haben muss.

STANDARD: Wie kommt es, dass sich die vermeintlich klare Unterscheidung zwischen "eigen" und "fremd" so hartnäckig hält?

Heimerdinger: Es gibt ein menschliches Bedürfnis nach Überschaubarkeit, Sicherheit, Stabilität. Das ist auch berechtigt. Eine Klassifikation der Welt in "fremd" und "eigen" oder "nah" und "fern", ist ein kognitives Verfahren, um die potenziell verunsichernde Kompliziertheit irgendwie abzuwehren. Es ist der Versuch, Komplexität zu reduzieren und so Kontrolle zu erlangen. Den ständigen Wandel und die Heterogenität unserer Welt erkennen zu müssen ist vergleichsweise anstrengend.

STANDARD: Sie und Ihre Kollegen beschäftigen sich auch mit Religion und Gewalt: Wie kommt es dazu, dass gerade Religionen immer wieder in Gewalt verstrickt sind?

Heimerdinger: Das ist eine ganz schwierige Frage. Religionen sind grundsätzlich alle mit einer Friedensbotschaft unterwegs. Es zeigt sich aber in der Praxis, dass religiöse Argumente auch immer wieder dafür verwendet werden, Gewalt zu rechtfertigen. Das ist ein schlimmer Befund, der aber nicht dazu führen sollte, Religiosität an sich als zwangsläufig gewalthältig zu begreifen, sondern sich genauer anzusehen, wer Gewalt unter Verweis auf Religion rechtfertigt. Denn das heißt ja nicht, dass die Religion an sich gewalttätig ist, sondern für andere, etwa ökonomische oder machtpolitische Argumentationen eingespannt wird.

STANDARD: Es macht aktuell den Eindruck, als wäre die Flüchtlingskrise eine völlig neue Herausforderung – stimmt das?

Heimerdinger: Ich denke, es gibt genug Menschen, die wissen, dass Migration ein permanenter Prozess ist. Es sind die Bilder aus dem Fernsehen, die drängende Aktualität vermitteln. Die Situation ist ja auch extrem, da gibt es nichts zu deuteln. Sie ist gleichwohl nicht völlig neu, denn Migration hat vielfältig stattgefunden. Der Begriff umfasst sehr unterschiedliche Phänomene: Es war etwas anderes, als im Zweiten Weltkrieg deutschsprachige Bevölkerungsteile von Ost- nach Westeuropa vertrieben worden sind oder als in den 1960er-Jahren gezielt Gastarbeiter angeworben wurden. Letztere haben zwar nicht die Sprache beherrscht, aber es gab Arbeitsplätze für sie. Wieder anders sind die aktuellen Fluchtbewegungen aufgrund von Kriegen. Jede historische Situation braucht spezifische Antworten. Insofern ist die jetzige Situation tatsächlich einzigartig. Migration hat oftmals für Erschütterungen gesorgt, aber auch Impulse der gesellschaftlichen Entwicklung mit sich gebracht und so positive Effekte gehabt. Zu einer ausgeglichenen Sicht zu kommen, die Probleme nicht leugnet, aber Potenziale aufzeigt, ist unser Anliegen. Viele Menschen leben, was Information angeht, tagesaktuell von der Hand in den Mund, das geschichtliche Bewusstsein ist nicht ausgeprägt. Das erleichtert es populistischen Kräften, aktuelle Meldungen zu instrumentalisieren.

STANDARD: Wie sehen Sie dabei Ihre Aufgabe als Wissenschafter?

Heimerdinger: Eine unserer Aufgaben ist es, den politisch motivierten vereinfachten Antworten differenzierte entgegenzustellen. Es gibt verschiedene Auffassungen hinsichtlich der Aufgabe von Wissenschaft. Manche Kollegen vertreten eine partizipative, involvierende Wissenschaftsvorstellung. Ich bin der Meinung, dass die Aufgabe der Wissenschaft im Konzert gesamtgesellschaftlich wirksamer Prozesse darin besteht, eine Distanz einzunehmen und beobachtend, beschreibend und verstehend die gesellschaftliche Wirklichkeit zu begleiten. Unsere politische Kraft besteht genau darin, dass wir uns aus dem unmittelbar politisch eingreifenden Handeln heraushalten. Wir arbeiten zwar an Fragestellungen, die einen aktuellen Bezug haben, aber wir machen keine Politikberatung und sind keine Politiker. Wir als Wissenschafter können die aktuellen politischen Probleme nicht lösen, aber hoffentlich zur Versachlichung der Diskussion beitragen. (INTERVIEW: Tanja Traxler, 10.2.2016)


Timo Heimerdinger (42) ist Professor für Europäische Ethnologie an der Uni Innsbruck. Nach dem Studium der Volkskunde, Neueren Deutschen Literaturgeschichte und Deutschen Philologie an den Universitäten Freiburg und Pisa, war er in Dresden, Kiel und Mainz tätig, bevor er 2009 nach Innsbruck kam. Seit einem Jahr leitet er dort den Forschungsschwerpunkt "Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte", an dem rund 70 Wissenschafter aus 20 Disziplinen beteiligt sind.

  • "Das, was als kulturelles Problem gesehen wird, ist in Wirklichkeit vielleicht ein ökonomisches", sagt der Europäische Ethnologe Timo Heimerdinger.
    foto: matthias brabetz

    "Das, was als kulturelles Problem gesehen wird, ist in Wirklichkeit vielleicht ein ökonomisches", sagt der Europäische Ethnologe Timo Heimerdinger.

  • Kultureller Wandel findet permanent statt, sagt Timo Heimerdinger, Professor für Europäische Ethnologie. So ist etwa die Küche "ein ständiges Experiment der Neukombination". Ein aktuelles Beispiel dafür ist der libanesische Imbissbesitzer Hani Alhay in Oldenburg (Niedersachsen). Im September 2015 antwortete er auf den Pegida-Spruch "Kartoffel statt Döner" mit einem T-Shirt mit der Aufschrift "Kartoffeln und Döner" – und steckte Kartoffel und Fleisch zusammen auf einen Spieß.
    foto: apa / dpa / ingo wagner

    Kultureller Wandel findet permanent statt, sagt Timo Heimerdinger, Professor für Europäische Ethnologie. So ist etwa die Küche "ein ständiges Experiment der Neukombination". Ein aktuelles Beispiel dafür ist der libanesische Imbissbesitzer Hani Alhay in Oldenburg (Niedersachsen). Im September 2015 antwortete er auf den Pegida-Spruch "Kartoffel statt Döner" mit einem T-Shirt mit der Aufschrift "Kartoffeln und Döner" – und steckte Kartoffel und Fleisch zusammen auf einen Spieß.

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