Zika-Virus: Wie aus einer Mücke ein Elefant wurde

Userkommentar10. Februar 2016, 16:51
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Der Tigermücke sollte das Leben so schwer wie möglich gemacht werden. Doch keinesfalls sollte die WHO den Sinn für Relationen verlieren

In ihrer 70-jährigen Geschichte hat die Weltgesundheitsorganisation WHO erst dreimal den globalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. Im April 2009 wegen der Schweinegrippe, im Mai 2014 wegen neuer Fälle von Kinderlähmung und im August 2014 wegen Ebola. Am 1. Februar 2016 gab die WHO bekannt, dass es den starken Verdacht einer kausalen Beziehung zwischen der Ausbreitung des Zika-Virus' und dem gehäuften Auftreten von Fällen von Mikrozephalie gibt. Aber kann es sein, dass diese Zunahme an Fällen zum Teil auf falschen Zahlen beruht und aus einer Mücke ein Elefant gemacht wurde? Folgende Fakten sprechen dafür:

1) Je nach Definition der Erkrankung liegt die Häufigkeit bei einem Fall pro 1.000 (0,1 Prozent) bis 10.000 (0,01 Prozent) Neugeborenen. In Brasilien wurden 2014 exakt 147 Fälle gemeldet, das entspricht bei zirka drei Millionen Geburten pro Jahr einer Inzidenz von 0,005 Prozent. Erst diese zu niedrige Ausgangsbasis ließ den Anstieg ab Mitte 2015 um mehr als 4.000 neue Fälle so dramatisch erscheinen.

2) Wo mehr gesucht wird, dort wird auch mehr gefunden und nicht jeder Verdachtsfall ist ein bestätigter Fall. Auch die am 22. Oktober 2015 verhängte Meldepflicht ließ die Zahlen steigen. Seither wurden dem brasilianischen Gesundheitsministerium 4.783 Verdachtsfälle gemeldet. Davon waren fast zwei Drittel falsch-positiv (n=699), erfüllten somit nicht die Kriterien einer Mikrozephalie. Hinzukommt, dass die Erkrankung viele Ursachen hat und die Diagnostik ein aufwendiges Verfahren erfordert. Bis dato ist ein eindeutiger Zusammenhang mit dem Virus erst in 17 Fällen gelungen.

Grenzwert geändert

Am 8. Dezember 2015 änderte das brasilianische Gesundheitsministerium den Grenzwert für die Definition einer Mikrozephalie von 33 Zentimeter Kopfumfang auf 32 Zentimeter. Allein durch diese Maßnahme steigt laut einer jüngst im britischen Fachblatt "The Lancet" veröffentlichten Studie – Victoria CG, et al. Microcephaly in Brazil: how to interpret reported numbers? – die Testspezifität von 79 Prozent auf 94 Prozent. Würden die "Growth Standards" der WHO angewendet, läge sie bei 96 Prozent. Je niedriger die Spezifität desto mehr falsch-positive Fälle gibt es und desto mehr gesunde Neugeborene werden zum Verdachtsfall.

Für Brasilien bedeutet das, dass im Zuge der erhöhten Aufmerksamkeit in den vergangenen Monaten sehr viele gesunde Neugeborene aufwendige und strahlenbelastende Untersuchungen über sich ergehen lassen mussten. Ein weiterer Grund für einen vergleichsweise niedrigeren Kopfumfang könnte darin bestehen, dass mehr als zwei Drittel (68,7 Prozent) der Babys in Brasilien vor Abschluss der 40. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen. Ein wesentlicher Grund dafür ist die exorbitant hohe Kaiserschnittrate von fast 60 Prozent. Eine andere Studie, veröffentlicht im WHO-Bulletin – Soares de Araújo JS, et al. Microcephaly in northeast Brazil: a review of 16 208 births between 2012 and 2015 – hat 16.208 Geburten zwischen 2012 und 2015 in Nordbrasilien neu analysiert und die Autoren fragen sich, ob ein Kopfumfang von 31 bis 32 Zentimetern für diese spezielle Bevölkerung nicht ganz normal sein könnte oder Ernährungsdefizite eine Rolle spielen.

Sinn für Relationen

Mit der Ausrufung des globalen Gesundheitsnotstandes ist die Abtreibungsrate nicht nur in Brasilien deutlich gestiegen. Gerade für ärmere Frauen ist dies ein massives Gesundheitsrisiko, denn Abtreibung ist in Brasilien illegal. Bis die korrekten Zahlen auf dem Tisch liegen, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Sicher ist, wie immer wird nach der Eskalation die Deeskalation folgen. Bis dahin sollte der Tigermücke das Leben so schwer wie möglich gemacht und an einer Impfung gearbeitet werden. Keinesfalls sollte die WHO den Sinn für Relationen verlieren. Dafür sterben weltweit noch immer viel zu viele Menschen an Hunger und vermeidbaren Erkrankungen. (Martin Sprenger, 10.2.2016)

Martin Sprenger ist Allgemeinmediziner und Leiter des Universitätslehrganges Public Health der Medizinischen Universität Graz. Seinen "Master of Public Health" machte er am Department of Community Health in Auckland in Neuseeland. Website: publichealth.co.at

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