Beyoncé: Gesellschaftskritischer Synchrontanz

9. Februar 2016, 17:17
16 Postings

Die Sängerin beweist mit ihrem Song und Video "Formation" Talent für Politmarketing

Wien – Jene Medien, die sich regelmäßig und intensiv mit Beyoncé beschäftigen, haben zuletzt darüber spekuliert, ob am Sonntag während ihres Auftritts bei der Super Bowl endlich die "Baby-Bombe" platzen würde. Immerhin munkeln gewöhnlich gut informierte Kreise von einer Schwangerschaft im fünften Monat.

Die Weltgemeinschaft wird dahingehend zwar weiterhin im Unklaren gelassen. Allerdings dürfte mit der rechtzeitigen Super-Bowl-Lancierung ihrer neuen Single Formation zumindest die Pflichtschulausbildung eines kommenden kleinen Erdenbürgers gesichert sein.

Politisch, feministisch, sozialkritisch und kapitalismusbejahend äußerst sexy angetan singt Beyoncé im neuen Lied jedenfalls davon, dass sie und ihre afroamerikanischen Brüder und Schwestern dazu angehalten sind, stolz auf ihre Herkunft zu sein. Es lässt sich diesbezüglich leider seit gut fünf Jahrzehnten und Aretha Franklin, Curtis Mayfield oder James Brown und den Zeiten von "Say it loud, I'm black and proud" ein gewisser gesellschaftlicher Stagnationsprozess feststellen. Vor allem auch, weil sich Beyoncé bei der Super Bowl in Schwarz und mit Patronengürteln ausgerechnet so kleidete wie zuvor im selben Rahmen Michael Jackson 1993. Und man kann nun wahrlich nicht behaupten, dass Michael Jackson sich je bemüht zeigte, stolz auf sein Erbe zu sein.

beyoncé

Musikalisch gesehen hört man gewohnt überdrehte, in modernsten Aufmerksamkeitsdefizit-Arrangements der kommerziellen Königinnendisziplin R 'n' B badende Politbotschaften mit Synchrontanz-Tradition. Das kündet aber nicht nur vom Selbstverständnis einer eine halbe Milliarde US-Dollar schweren Beyoncé: "I am a black Bill Gates in the making." Das auf Tidal, dem Streaming-Dienst ihres Gatten Jay-Z, und auf Youtube rechtzeitig zur Super Bowl veröffentlichte Lied spielt auch auf die Situation der Afroamerikaner nach dem Wirbelsturm Katrina 2005 an. Ein wenig Heilsgeschichte mit Kreuzsymbolik und Südstaatenkitsch ist auch dabei. Im Refrain shoutet sie grobgestrickt davon, dass sie nicht gekommen sei, um mit uns Schlampen und Huren zu spielen. Sie sei gekommen, um zu töten.

Von einem etwaigen Protest Beyoncés in Sachen Oscar-Verleihung 2016 ist nichts zu bemerken. Es wurden zwar heuer keine Afroamerikaner nominiert. Aber Gelassenheit ist angesagt: Beyoncé möchte in Hollywood demnächst einen Film mit ihr in der Titelrolle produzieren. (Christian Schachinger, 9.2.2016)

  • Beyoncé bei der Super Bowl 2016: zwischen Marketingkalkül und Politbotschaft.
    foto: apa/afp/getty images/ezra shaw

    Beyoncé bei der Super Bowl 2016: zwischen Marketingkalkül und Politbotschaft.

Share if you care.