Menschliches Versagen mögliche Ursache von Zugunglück in Bayern

9. Februar 2016, 20:56
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Garnitur nahe Bad Aibling im Kreis Rosenheim entgleist. Medienberichte: Menschliches Versagen womöglich Ursache

Rosenheim / Bad Aibling – Was genau auf der Strecke zwischen Rosenheim und Holzkirchen passiert war, konnte der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) am Dienstagnachmittag, nachdem er den Unglücksort besucht hatte, noch nicht sagen. "Es verbietet sich derzeit, über die Ursache Analysen anzustellen", meinte er bei einer Pressekonferenz. Die Staatsanwaltschaft in Rosenheim ermittelt, einem Zeitungsbericht zufolge könnte das Unglück womöglich auf menschliches Versagen zurückzuführen. Der Grund für das Unglück sei offenbar eine "verhängnisvolle Fehlentscheidung" eines Bahnmitarbeiters, berichtete das Redaktionsnetzwerk Deutschland, dem mehr als 30 Tageszeitungen angehören, am Dienstagabend unter Berufung auf Ermittlerkreise.

Klar ist, dass die beiden Regionalzüge um 6.48 Uhr auf der eingleisigen Strecke mit hoher Geschwindigkeit zusammenstießen. Ermittler gehen davon aus, dass der Aufprall bei 100 km/h erfolgte. Dies ist die höchstzulässige Geschwindigkeit, und die beiden Lokführer hatten in einer Kurve keinen Sichtkontakt.

Es handelt sich um zwei Meridian-Züge, die von der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) betrieben werden. Diese private Bahn, die zu 100 Prozent der französischen Transdev-Gruppe gehört, verbindet München mit Südbayern. Die Regionalzüge fahren in Ferienregionen wie Tegernsee.

Ist auf der eingleisigen Strecke ein Zug unterwegs, muss der Gegenzug normalerweise im nächstgelegenen Bahnhof warten. Die Strecke ist mit einem PZB-90-System (Punkt-Zugsicherungs-Beeinflussungssystem) gesichert. Dieses soll Züge automatisch abbremsen, wenn sie sich unberechtigt in einem Abschnitt aufhalten.

Kein Mangel bei Prüfung

Klaus-Dieter Josel, der Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn für Bayern, erklärte, erst in der Vorwoche sei dieses Sicherungssystem überprüft worden, es habe keine Beanstandungen gegeben. Das PZB ist in Deutschland auf Haupt- und Nebenstrecken Pflicht, seit 2005 in Sachsen-Anhalt ein Regionalzug und ein Güterzug ebenfalls auf eingleisiger Strecke aufeinanderprallten und zehn Menschen starben.

Der Polizeipräsident von Oberbayern Süd, Robert Kopp, sagte, dies sei der "schwärzeste Faschingsdienstag" in Bayern. Er betonte aber auch, dass die Katastrophe noch schlimmer ausfallen hätte können, wenn Schulkinder in den Zügen gesessen hätten. Derzeit sind in Bayern Ferien, die Züge wurden am Dienstag hauptsächlich von Pendlern benutzt, die nach München fuhren oder von dort kamen.

Schwierig gestaltete sich die Bergung der zehn Leichen, der 18 Schwer- und 63 Leichtverletzten, da die Unglücksstelle am Waldrand neben einem Seitenkanal des Flusses Mangfall liegt. Zwei Menschen werden noch vermisst. Die Rettungskräfte kamen mit Hubschraubern und Booten, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) dankte ausdrücklich auch den Einsatzkräften aus Österreich. Tirols Landeshauptmann Günther Platter (VP) hatte Herman in einem persönlichen Telefonat am Nachmittag Hilfe angeboten. Auch Hubschrauber des ÖAMTC waren im Einsatz. Insgesamt saßen 150 Personen in den Zügen, unter den Toten sind auch die beiden Lokführer.

Aschermittwochtreffen abgesagt

Es ist das schwerste Zugunglück in Bayern seit 40 Jahren. Der Faschingsdienstagsumzug in Rosenheim fiel aus, am Nachmittag sagte dann die CSU den traditionellen politischen Aschermittwoch in Passau "aus Respekt vor den Opfern" ab. Es ist die erste Absage in der Geschichte der CSU.

Dem schlossen sich später die SPD, die Linkspartei, die FDP und die Grünen an, auch ihre Aschermittwochtreffen finden nicht statt. Deftige Bierzeltreden seien angesichts der Katastrophe nicht angebracht, hieß es parteiübergreifend. (bau, 9.2.2016)

CSU sagt wegen Zugunglück politischen Aschermittwoch ab

Service: Notrufnummer für Angehörige: 0049-395-43084390


Hintergrund: Schwere Zugsunglücke in Deutschland:

August 2014: In Mannheim rammt ein Güterzug einen Eurocity mit 250 Passagieren – zwei Waggons stürzen um, 35 Menschen werden verletzt. Der Lokführer des Güterzugs hatte ein Haltesignal übersehen.

September 2012: Ein Intercity entgleist beim Verlassen des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Acht Menschen werden verletzt. Bereits im Juli jenen Jahres war an gleicher Stelle ein IC aus den Gleisen gesprungen. Ursache waren jeweils defekte Puffer an den Waggons.

April 2012: Eine Regionalbahn stößt bei Offenbach (Hessen) mit einem Baukran-Zug zusammen. Drei Menschen werden getötet, 13 verletzt.

Jänner 2012: Ein Regionalzug rast in Nordfriesland in eine Rinderherde und kippt um. Ein Fahrgast kommt ums Leben.

September 2011: Geröll stürzt bei heftigen Regenfällen ins Gleis und lässt einen Intercity mit etwa 800 Menschen an Bord bei St. Goar im Rheintal entgleisen. 15 Menschen werden verletzt.

Jänner 2011: Zehn Menschen sterben, als ein Nahverkehrszug bei Oschersleben in Sachsen-Anhalt mit einem Güterzug zusammenstößt. Ein Lokführer hatte zwei Haltesignale überfahren.

Oktober 2009: Bei einer Feier zum 125-jährigen Bestehen der historischen Lößnitzgrundbahn in Sachsen stoßen zwei der alten Züge zusammen. 52 Menschen werden verletzt, vier von ihnen schwer.

April 2008: Ein ICE rast südlich von Fulda (Hessen) in eine Schafherde und entgleist teilweise – 73 Verletzte.

Juni 2003: Bei Schrozberg in Baden-Württemberg stoßen zwei Regionalzüge zusammen. Sechs Menschen sterben.

Februar 2000: In einer Baustelle des Bahnhofs Brühl bei Köln entgleist der Nachtexpress von Amsterdam nach Basel an einer Weiche. Bilanz: Neun Tote, 149 Verletzte.

Juni 1998: Nach dem Bruch eines Radreifens prallen im niedersächsischen Eschede mehrere Waggons eines ICE bei Tempo 200 gegen eine Straßenbrücke. 101 Menschen sterben. (APA, red, 9.2.2016)

  • Insgesamt standen rund 500 Rettungskräfte, darunter auch Helfer des Roten Kreuzes aus Tirol, im Einsatz.
    foto: reuters/michael dalder

    Insgesamt standen rund 500 Rettungskräfte, darunter auch Helfer des Roten Kreuzes aus Tirol, im Einsatz.

  • 18 Fahrgäste wurden schwer verletzt, 90 erlitten leichte Verletzungen, teilte die Polizei mit.
    foto: apa/dpa/paul winterer

    18 Fahrgäste wurden schwer verletzt, 90 erlitten leichte Verletzungen, teilte die Polizei mit.

  • 15 Hubschrauber waren vor Ort, drei davon vom ÖAMTC.
    foto: reuters/michael dalder

    15 Hubschrauber waren vor Ort, drei davon vom ÖAMTC.

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