Integration in den 1990ern: "Positivere Stimmung gegenüber Flüchtlingen"

Interview9. Februar 2016, 11:35
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Österreich hat bosnische Flüchtlingskinder auf unkonventionellem Weg in die Schulen integriert, erzählt der damalige Unterrichtsminister Rudolf Scholten

STANDARD: Unter den Flüchtlingen, die aus Bosnien nach Österreich kamen, waren viele schulpflichtige Kinder. Wie ist es gelungen, sie in den Unterricht zu integrieren?

Scholten: Die vorherrschende Überzeugung im Unterrichtsministerium damals war, dass wir die Kinder nicht von heute auf morgen in das reguläre Schulsystem zwängen können. Wir haben deshalb Übergangsklassen für die Schüler aus Exjugoslawien geschaffen. Es gibt in Österreich die Fluchtklausel "Schulversuch": Unter diesem Titel kann man im Schulsystem fast alles machen. Es wurden also eigene Gebäude angemietet, in denen die Kinder unterrichtet wurden, zudem gab es klassische Containerklassen.

STANDARD: Wer waren die Lehrer?

Scholten: Der Unterricht wurde von zwei Lehrkräften, einem Österreicher und einem Kollegen aus Exjugoslawien abgehalten. Unter den Flüchtlingen waren viele ehemalige Lehrer aus Jugoslawien, die wir beschäftigen konnten. Wir haben uns bemüht, möglichst homogene Klassen zu formen. Also wir haben nicht 16 bosnische und zwei serbische Kinder in eine Klasse gesetzt, weil es die Befürchtung gab, dass dies zu Konflikten unter den Eltern führen könnte. Das war ein heikler Punkt, weil es ein ganz wichtiges Prinzip für ein aufgeklärtes Schulwesen ist, dass man Schüler nicht nach ethnischen oder nationalen Kriterien trennt. Wir haben das nach außen hin nicht groß kommuniziert. Aber in einer Akutsituation wollten wir uns nicht noch zusätzliche Probleme einhandeln. Es ging nur darum, dass alle Kinder rasch in die Schule gehen können.

STANDARD: Warum hat man überhaupt separate Klassen eingerichtet?

Scholten: Die meisten Pädagogen sind der Überzeugung, dass Klassen durchmischt sein sollten und dass es falsch sei, ein separates Flüchtlingsschulwesen aufrechtzuerhalten. Aber in der damaligen Situation gab es keine Zeit für lange Debatten, wir mussten improvisieren und eine pragmatische Lösung finden. Die Übergangsklassen erschienen als ein guter Weg – einerseits weil die Kinder Deutsch lernen konnten und ansonsten das Risiko bestanden hätte, dass sie dem Unterricht nicht folgen können und rasch frustriert werden. Andererseits bringen durchmischte Klassen dann etwas, wenn die Kinder sich auf Augenhöhe begegnen können.

STANDARD: Was meinen Sie?

Scholten: Die meisten bosnischen Kinder waren traumatisiert und durcheinander. Viele hatten die Ermordung von Geschwistern oder Elternteilen wenige Wochen zuvor miterleben müssen. Also war es auch einfach wichtig, sie einmal zur Ruhe kommen zu lassen, wobei unser oberstes Ziel darin bestand, die Kinder so schnell wie möglich in das reguläre Schulsystem integrieren zu können.

STANDARD: Gab es eigentlich spezifische Probleme mit diesen Klassen, wegen der kulturellen Unterschiede zwischen Österreich und Bosnien?

Scholten: Wenige. An eine Episode kann ich mich erinnern. Nach ein paar Wochen ist eine Delegation von österreichischen Lehrern zu mir gekommen. Sie haben gesagt: Sie machen da nicht mehr mit. E hat sich herausgestellt, dass es im jugoslawischen Schulsystem nicht unüblich war, dass Lehrer ihren Schülern eine Ohrfeige gegeben haben. Das haben die jugoslawischen Lehrer teilweise in Österreich so weiterbetrieben. Das hat den österreichischen Kollegen zu Recht nicht gefallen, aber sie haben nicht gewusst, wie man das abstellen soll. Das war nicht ganz einfach, da einen Kulturwandel durchzusetzen. Gelungen ist es unter wirtschaftlichem Druck; weil wir den Lehrern klargemacht haben, dass der Erste, der uns genannt wird, der Kinder schlägt, nicht mehr dabei ist.

STANDARD: Würden sie heute Übergangsklassen empfehlen?

Scholten: Das kann ich nicht sagen. Ich will das auch nicht verklären. Aber in der Regel ist es innerhalb eines Jahres gelungen, die Kinder gut in das heimische Schulsystem zu integrieren, wobei mir ein Unterschied zu heute stark auffällt: Die Stimmung gegenüber Flüchtlingen war positiver. Wir sind im Unterrichtsministerium etwa überlaufen worden von österreichischen Lehrern, die freiwillig bei den Übergangsklassen mitmachen wollten.

STANDARD: Die Herausforderungen heute sind komplexer.

Scholten: Das ist richtig. Bosnier haben einen anderen kulturellen Hintergrund, aber das Land ist nicht weit weg. Viele Österreicher haben sich diesen Menschen gegenüber näher gefühlt als gegenüber Afghanen. Die Ungewissheit darüber, wie viele Flüchtlinge noch kommen werden, gab es damals nicht. Aber in den 1990er-Jahren hat die Regierung auch sehr klar vermittelt, dass es zu schaffen ist. Ja, es wird kompliziert und teuer, aber Österreich wird diese Menschen versorgen und integrieren können.

STANDARD: Und heute ist das Ihrer Meinung nach anders?

Scholten: Ich habe den Eindruck, dass die Regierung aktuell oft den Eindruck einer Überforderung vermittelt. Man verfällt in eine deklaratorische Hilflosigkeit. Das schafft ein schlechtes Gefühl, und das wiederum schafft rasch eine schlechtere Realität. Man soll nicht naiv sein. Kein Mensch weiß, wie viele Flüchtlinge noch kommen, man kann also nicht vorspielen, alles im Griff zu haben. Aber vieles – etwa wie man Kinder in die Schulen integriert, wie man Menschen vernünftig versorgt, wie man ein soziales System organisiert, damit man Härtefälle verhindert – sind Dinge, die kapazitätsmäßig Österreichs Fähigkeiten nicht übersteigen würden. (András Szigetvari, 9.2.2016)

Zur Person

Rudolf Scholten war von 1990 bis 1994 Minister für Unterricht und Kunst unter Kanzler Franz Vranitzky. Der SPÖ-Politiker fungierte später als Wissenschaftsminister, heute leitet er die Oesterreichische Kontrollbank.

  • "Es ging nur darum, dass alle Kinder rasch in die Schule gehen können", sagt Rudolf Scholten über die Situation in den 90ern.
    foto: apa / punz

    "Es ging nur darum, dass alle Kinder rasch in die Schule gehen können", sagt Rudolf Scholten über die Situation in den 90ern.

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