Ein Silberbob am Horizont

8. Februar 2016, 17:59
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Die Silbermedaille für Österreichs Vierer bei der EM in St. Moritz kam unerwartet, aber nicht aus heiterem Himmel. Der Erfolg des Bobs von Pilot Benjamin Maier ebnet etwa den Weg zu den Olympischen Spielen

Innsbruck/Wien – "Wir waren alle sehr überrascht", sagte Pilot Benjamin Maier, nachdem er mit seiner Crew – Marco Rangl, Markus Sammer und der Rumäne Danut Ion Moldovan – am vergangenen Sonntag auf der Naturbahn in St. Moritz EM-Silber im Viererbob geholt hatte. Das dürre Fazit passt gut zur Charakterisierung des 21-Jährigen aus Rum in Tirol durch seinen Vater Manfred Maier, der auch Österreichs Chefcoach ist. Introvertiert, extrem kritisch und pessimistisch, was den Sport angeht, sei der mittlere seiner drei Söhne, die allesamt Eiskanäle verunsichern. Raphael (23) und Samuel (16) frönen dem Skeleton. Nur Tochter Florentina (20) bleibe dem Sport lieber fern, sagte der karenzierte Polizeibeamte Manfred Maier (46), der selbst kein schlechter, aber nicht großartig erfolgreicher Mann an den Steuerseilen war. 1999, zum Abschluss seiner zwölfjährigen Karriere, steuerte der "reine Amateur" in Winterberg einen Zweier auf den zwölften EM-Rang.

Trainingsdiskussionen

Der kritische, pessimistische Bub, der den Vater in der Trainingsarbeit voll fordert – "es wird über jede Kleinigkeit diskutiert" – sich aber schlussendlich dem Urteil des Cheftrainers beugt, ist auch nicht wirklich ein Profi, aber immerhin ein Heeressportler. Seine Kollegen haben allesamt Hauptbeschäftigungen neben der Hauptsache Sport, dem Rumänen Danut Ion Moldovan, der gerne in Österreich studieren möchte, zahlen die Maiers neben der Unterkunft die Versicherung.

Die wichtigste Währung im österreichischen Bobsport ist Enthusiasmus. Die Sportler finanzieren nicht wenig selbst. Die Sparte ist nämlich chronisch unterdotiert. Über 200.000 Euro Sportbudget verfügt Manfred Maier in dieser Saison. Das ist wenig, schließlich sind Bahn-, Beschickungs- und teilweise Materialkosten auch für die Damen, allen voran das Team von Spitzenpilotin Christina Hengster, sowie den Nachwuchs zu bestreiten. Eine Trainingsfahrt kommt auf 80 Euro, alleine das vorsaisonale Üben summierte sich so auf 25.000 Euro.

"Das Budget, das wir heute haben, hatte früher der Herrenbobsport alleine", sagt Manfred Maier und meint die Zeiten, als Österreich in Ingo Appelt noch einen Olympiasieger ('92) stellte. Nachwuchs in dem Sinn gab es seinerzeit aber nicht. Und nach und nach blieben Erfolge aus. Dafür minimierten negative Nachrichten wie positive Dopingtests die wirtschaftlichen Grundlagen.

Manfred Maier wirkte am Neuanfang mit einem Nachwuchskonzept ab 2002 mit, von 2004 bis 2011 war er Chefcoach für Skeleton und Bob, danach und bis vergangenen Sommer deckte den Bereich Skeleton Martin Rettl ab, dessen Athletik Maier bis zur Silbermedaille bei Olympia 2002 in Salt Lake City trainierte.

Zwölf Jahre später und in Sotschi zeigten Hengster und Benjamin Maier mit ihren Teams die richtigen Ansätze, Manfred Maiers Fokus liegt aber schon auf 2018, auf Olympia in Pyeongchang, Südkorea.

Überlebenshilfe

Die Silberne von St. Moritz, die erste einschlägige Medaille seit 17 Jahren, könnte den Weg etwas erleichtern. Manfred Maier gibt zu, dass das Überleben als Trainer während der Durststrecke nicht einfach war. Und da spricht er nicht einmal von internen Querelen in Österreichs Bob- und Skeletonverband (ÖBSV). Die Personalunion aus Chefcoach und Vater könnte für böses Blut sorgen, aber Manfred Maier sagt, dass Benjamin seinen Status unter den Jungen wegen seines Plus an Erfahrung verdiene. Immerhin war der Vizeeuropameister keine zehn Jahre alt, als er im Skeleton begann, aber dann in den Bob wechselte, weil ihm das Steuern mit dem ganzen Körper nicht so lag wie jenes mit den Händen.

Der Coup in St. Moritz kam überraschend, aber nicht völlig aus heiterem Himmel. Die Bahn ist mit 1600 um rund 400 Meter länger als die meisten Kunstbahnen. Die Piloten spielen eine wichtigere Rolle. Dazu steht sie auch reichen Bobnationen witterungsbedingt erst Ende Dezember und nicht unbegrenzt zur Verfügung. "Sie ist Highspeed und jedes Jahr ein bisschen anders. Keiner hat einen Vorteil."

In Igls, bei der WM ab Freitag, sieht es anders aus. Benjamin Maier fährt wohl daheim, das ist aber auf der Kunstbahn maximal kein Nachteil. Vater Manfred will eine Sensation nicht ausschließen, hofft aber realistisch auf einen Rang unter den besten Acht. Und zweifellos wären alle gerne sehr überrascht. (Sigi Lützow, 8.2.2016)

  • Artikelbild
    foto: apa/keystone/urs flueeler
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