Pensionen: Umfragen besser als Prognosen?

Kommentar der anderen8. Februar 2016, 17:09
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Wenn es um das Pensionssystem und dessen Reform geht, scheitert die Debatte oft am Umstand, dass Nichtvergleichbares mit Nichtvergleichbarem in Relation gesetzt wird. Daten aus Meinungsumfragen bieten dagegen einen neuen Zugang zur Diskussion

Kaum eine Woche vergeht, in der man nicht Meldungen und Kommentare zum österreichischen Pensionssystem lesen kann. Die Einschätzungen liegen oft weit auseinander und umfassen die gesamte Bandbreite von alarmistisch bis beschwichtigend. Manch einer wird sich in Anbetracht der widersprüchlichen Berichte und diametralen Schlussfolgerungen wohl die Frage stellen, wie man zu solch unterschiedlichen Auffassungen gelangen kann. Das hat eine Vielzahl an Gründen, von denen hier drei genannt werden sollen.

· Erstens stützen sich die Stellungnahmen nicht selten auf unterschiedliche Grundgesamtheiten. Es spielt klarerweise eine Rolle, auf welche Pensionsarten (nur Alterspensionen oder auch Invaliditätspensionen) und auf welche Pensionsgruppen (nur ASVG oder auch Beamte) man Bezug nimmt und ob man über den Status quo des Systems spricht (der zum größten Teil nach den Regeln des Altrechts zustande gekommen ist) oder ob man auf die zukünftigen Entwicklungen abstellt (also auf die Konsequenzen des neuen Pensionskontosystems). Für einen umfassenden Blick eignen sich internationale Publikationen. Der Ageing Report der Europäischen Kommission gibt etwa für das Jahr 2014 die gesamten Aufwendungen des österreichischen Pensionssystems (alle Pensionsgruppen und -arten, also inklusive Beamten- und Invaliditätspensionen) mit 13,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts an (EU-Schnitt: 11,3 Prozent). Zugleich wurde auch eine Prognose bis ins Jahr 2060 angestellt, die einen Anstieg auf 14,4 Prozent vorhersagt.

· Wie man diese Entwicklungen einschätzt, und hierin liegt eine zweite Ursache für Meinungsverschiedenheiten, liegt letztlich im Auge des Betrachters. Manche erachten die relativ hohen Ausgaben und deren prognostizierten Anstieg als besorgniserregend, während für andere der Gesamtumfang des Pensionssystems ein Ausfluss nationaler Präferenzen und der Anstieg handhabbar ist.

· Die dritte und vielleicht schwerwiegendste Ursache der Auffassungsunterschiede bezieht sich allerdings auf die Prognosen selber. Diese reichen weit in die Zukunft hinein und hängen von einer Reihe ungewisser Faktoren ab: von Entwicklungen der Fertilitätsraten, der zuletzt so intensiv diskutierten Migrationsströme, der Lebenserwartung und der Pensionsantrittsentscheidungen.

Eine Prognose des künftigen Pensionsantrittsalters ist zusätzlich erschwert, da es von Reformmaßnahmen beeinflusst wird, die erst in der Zukunft ihre volle Wirkung entfalten werden. Die Annahmen des Ageing Report beruhen etwa auf der Extrapolation vergangener Entwicklungen, die man durch "considered judgement" um vermeintliche reformbedingte Effekte korrigiert. Eine alternative Methode zu dieser annahmebasierten Vorgangsweise ist die Verwendung von Umfragedaten.

Im Frühjahr 2014 haben wir eine Umfrage durchgeführt, bei welcher auch das erwartete Pensionsantrittsalter abgefragt wurde. Es zeigt sich, dass jüngere Generationen von einem späteren Pensionsantritt ausgehen. Das erwartete Pensionsantrittsalter steigt von 62,1 (Altersgruppe 50-59) auf 64,1 (Altersgruppe 20-29). Zur Validierung wurde auch das erwartete Antrittsalter der Lebenspartner (so vorhanden) und anderer Referenzpersonen abgefragt, und auch hier bestätigt sich diese Altersabhängigkeit.

Erwartungsdaten

Rechnen wir die Antworten in eine Prognose über das effektive Antrittsalter in den kommenden Jahrzehnten um, so ergeben sich Steigerungen von heute 61,3 Jahren auf 63,1 (für 2040) und 64,4 (für 2050). Diese Werte liegen interessanterweise recht nahe bei den Annahmen des Ageing Report (63,7 ab 2040).

Umfragedaten sind zweifellos nicht ohne Schwächen und sollten deshalb auch nicht überinterpretiert werden. Auf der anderen Seite gibt es Studien, die zeigen, dass Erwartungsdaten oft überraschend genau mit den späteren Entwicklungen übereinstimmen. Überdies haben wir auch versucht, für den Umstand zu korrigieren, dass nicht alle Befragten ihre heutigen Pläne umsetzen werden können (etwa aufgrund von gesundheitlichen Problemen oder dergleichen). Die korrigierten Antrittsalter liegen nur geringfügig unter den oben genannten Zahlen.

Zuletzt lassen die Umfrageergebnisse auch die Spekulation zu, dass das tatsächliche Antrittsalter noch stärker steigen könnte. So unterschätzten etwa die Befragten die Abschläge für einen vorzeitigen Pensionsantritt deutlich, und fast ein Viertel der Befragten geben an, überhaupt noch nicht vom Pensionskontosystem gehört zu haben.

Fehlende Information spiegelt sich auch in relativ großer Unsicherheit über die (ebenfalls abgefragte) erwartete Pensionsleistung wider. Man kann davon ausgehen, dass sich das Pensionsantrittsalter weiter erhöhen wird, wenn die Mechanismen des doch noch recht neuen Kontosystems besser verstanden werden – etwa durch die schon jetzt jederzeit mögliche Einsicht in das eigene Pensionskonto oder durch eine allfällige regelmäßige Versendung von Kontomitteilungen. (Markus Knell Andrea Weber, 8.2.2016)

Markus Knell ist Ökonom und wurde im Jahr 2011 für seine Arbeiten zu Pensionssytemen mit dem Hannes-Androsch-Preis ausgezeichnet.

Andrea Weber hat im Februar 2016 eine Professur für Arbeitsmarktökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien angetreten.

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