[Trans]Asia Portraits: Östliche Göttinnen mit Diva und Tänzerinnen

7. Februar 2016, 18:51
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Auftakt des Festivals im Wiener Museum des 21. Jahrhunderts

Wien – Die mächtige Göttin Kali hat gerade ein Blutbad unter Dämonen angerichtet. Ihren Triumph lebt sie in wildem Tanz auf deren toten Leibern aus. Kalis göttlicher Partner Shiva beobachtet das. Er sieht, dass sich Kali in ihrem Blutrausch nicht beruhigen kann, und legt sich zwischen die Besiegten. Als die Siegerin auch über seinen Körper tanzt, erkennt sie Shiva, hält inne und beißt sich aus Scham auf ihre gierig herausgestreckte Zunge.

Dieses Motiv hat die Götterbilder-Manufaktur Rakhal Pal & Sons aus Kolkatas (Kalkuttas) traditionellem Tonhandwerkerquartier Kumartuli eingefangen und daraus eine jener Statuengruppen gefertigt, die für indische Feste wie das Durga Puja in großen Mengen hergestellt werden. Die immerhin eine Tonne schwere Darstellung der verschämten Kali – eine Leihgabe des Wiener Weltmuseums – ist Teil von [Trans]Asia Portraits, einem konzisen Ausstellungs-, Performance- und Filmfestival, das Impulstanz zur Zeit im Museum des 21. Jahrhunderts zeigt.

In dessen Haupthalle steht Kali einer ebenso eindrucksvollen Darstellung der Göttin Durga gegenüber, die gerade den Büffeldämon Mahishasura besiegt. Auch diese Plastik ist ein Werk von Rakhal Pal & Sons, nach Mohan Panshi Rudra Pal und Söhnen eine der renommiertesten Werkstätten ihrer Art in Kumartuli. Solche Götterbilder werden anlässlich von Durga Puja in Umzügen durch die Straßen getragen beziehungsweise gefahren und unter allgemeinem Jubel in den Ganges geworfen. Damit ist ihre Aufgabe erfüllt; sie werden von Sammlern wieder herausgefischt und verkauft.

Die Schatten der Roten Khmer

Sobald das Publikum von [Trans]Asia Portraits im 21-er Haus die beiden kunsthandwerklichen Glanzstücke aus bemaltem Ton passiert hat, bewegt es sich geradewegs auf die Videoinstallation Dance Portraits – Cambodia 2015 des Ausnahme-Choreografen Michael Laub zu. Der Belgier hat zehn hochformatige Bildschirme nebeneinander vor einer Fensterwand des Raums postiert. Acht der Monitoren zeigen je eine Tänzerin, die beiden äußeren allerdings grimmig posierende Rausschmeißer in dunklen Anzügen.

Diese flankierende Bewachung der die Tanzkultur Kambodschas repräsentierenden Frauen kann als Verweis auf die Schatten des Regimes der Roten Khmer gesehen werden. Die maoistische Guerilla brachte während ihrer Herrschaft zwischen 1975 und 1978 rund zwei Millionen Einwohner des Landes um und versuchte, die alte kambodschanische Kultur auszurotten.

Laubs Dance Portraits werden als Loop in Abschnitten gezeigt, von denen jeder mit einem spezifischen Musikstück unterlegt ist. In den kurzen Pausen zwischen den einzelnen Abschnitten erscheint eine klassische Apsara-Tänzerin in prächtigem Kostüm: stets auf einem einzelnen Monitor, während alle anderen Bildschirme schwarz bleiben. Der Tanz – vom höfischen Apsara über den folkloristischen Ramvong bis zum modernen Madison – bildet hier eine eindrucksvolle Metapher für die Fragilität von Kambodschas Gegenwartskultur.

Vom Oberst zur transsexuellen Diva

Während des Eröffnungsabends am Samstag stand im Blickle-Kino des 21-er Hauses ein Filmportrait der chinesischen Tänzerin Jin Xing auf dem Programm. Jin Xing ist in Österreich spätestens seit ihrer Zusammenarbeit mit dem Wiener Choreografen Chris Haring für das Stück Lovely Liquid Lounge (2009) ein Begriff. Die im Jahr 2000 von dem großen Regisseur Zhang Yuan gedrehte Dokumentation zeigt Jin Xings Transformation vom Oberst der chinesischen Armee zur transsexuellen Diva. Leider wird diese Arbeit kommende Woche in den beiden von Cis Bierinckx kuratierten Movie Nights nicht wiederholt.

Gestartet sind die [Trans]Asia Portraits also mit der Erkundung des Portraits an sich: vom fiktionalen, kulturstiftenden Götterbild über reale Tänzerinnen als Zeichen der gesellschaftlichen Gegenwart bis hin zur Trans-Diva als Symbolfigur für den Befreiungsversuch von kulturellen Restriktionen. Ein einleuchtender Auftakt. (Helmut Ploebst, 7.2.2016)

Bis 14. 2.

  • Still aus "Dance Portraits – Cambodia" von Michael Laub.
    bodo gottschalk

    Still aus "Dance Portraits – Cambodia" von Michael Laub.

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