Sozialarbeiter: Sexuelle Übergriffe "kein importiertes Problem"

8. Februar 2016, 08:05
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Experten warnen davor, Flüchtlinge pauschal zum Sündenbock zu machen, weisen aber auch auf mögliche Folgen der "jahrelangen Stresssituation" hin

Wien – "Sexuelle Übergriffe auf Frauen und Kinder sind kein importiertes Problem", stellt Sozialarbeiter Thomas Fröhlich klar, der beim Verein Courage arbeitet, der unter anderem Opfer sexueller Übergriffe berät. Fröhlich stört es, dass derlei Taten in Österreich derzeit "einen Sündenbock" bekämen – etwa seit den Übergriffen auf Frauen in Köln zu Silvester, die Männer überwiegend nordafrikanischer Herkunft verübt haben sollen. Der STANDARD befragte Fröhlich und den Psychotherapeuten Jonni Brem, Leiter des Vereins Männerberatung, zu dem Thema, nachdem am Freitag die Vergewaltigung eines Zehnjährigen in einem Wiener Hallenbad bekannt geworden war, die ein Iraker gestanden hat. Der 20-Jährige gab an, nach vier Monaten ohne Sex einen "sexuellen Notstand" gehabt zu haben.

Therapeut Brem sieht in dieser Tat einen Einzelfall: In Bezug auf den Verdächtigen lägen mehrere negative Faktoren vor, die auf hohen Therapiebedarf und eine Prädisposition, "die der Mann wohl verleugnet", hindeuteten. Etwa, dass das Opfer sehr jung und der Bursche dem Mann zuvor nicht bekannt gewesen war.

Dialog über Sexualität suchen

Zugleich sprechen beide Befragten die Stresssituation und jahrelange Beschäftigungslosigkeit von Flüchtlingen an, die Probleme bereiten können. "Vieles, was Halt gegeben hat, ist weg. Dann ist vielleicht nur mehr die Männlichkeit übrig, die hier anders gelebt werden muss", sagt Fröhlich. Hierzulande weitgehend enttabuisiert, sei das Thema Sexualität im arabischen Raum im Allgemeinen mit vielen Verboten belegt. Da brauche es einen offenen Dialog.

Großunterkünfte "nicht ideal"

Therapeut Brem dazu: "Vor allem in Bezug auf die Gruppe 20- bis 30-jähriger Männer, die sich durchschlagen müssen in einem Land, dessen Werte sie nicht kennen, ist es wichtig, zu erfahren und zu bedenken, unter welchen Spannungen sie stehen." Brem gibt zudem zu bedenken, dass Großunterkünfte "nicht ideal" seien. Brem arbeitet auch in Gefängnissen und sagt, er treffe bereits einzelne Klienten in U-Haft an, die vor einem halben Jahr erst nach Österreich geflohen seien. Aus deren Geschichten wisse er, dass es in Großquartieren zu Übergriffen innerhalb beengt lebender Familien oder zwischen verschiedenen Gruppen komme. (spri, 9.2.2016)

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