Ray Wersching, geboren in Mondsee

7. Februar 2016, 17:32
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Als Ray Wersching zwei Jahre alt war, wanderte die Familie von Mondsee nach Kalifornien aus. Mit den San Francisco 49ers holte Wersching als Kicker zweimal die Super Bowl. Als Geschäftsmann hatte er weniger Glück

San Francisco – "Moment", sagt Ray Wersching, "ich bin in der Arbeit. Ich geh' kurz raus auf die Straße, da kann ich besser reden." Es ist eine der Straßen von San Francisco, doch nein, ein Stadionbesuch bei der Super Bowl war für Ray Wersching kein Thema. Er ist zwar in San Carlos daheim, nur dreißig Meilen vom finalen Schauplatz in Santa Clara entfernt. "Aber eine Super Bowl, das ist mir zu hektisch, zu stressig." Ray Wersching saß noch bei keinem Endspiel oben auf der Tribüne. Zweimal stand er unten auf dem Rasen, zweimal steckten sie ihm nachher den berühmten Ring an den Finger. Zweimal hat Ray Wersching die Super Bowl gewonnen.

21. August 1950, Mondsee. Geburtsdatum und Geburtsort von Raimund Wersching, der sich später Ray nennen sollte. Seine Eltern stammten aus Jugoslawien, wo sie der deutschsprachigen Minderheit angehörten. Sein Vater Wendell hatte in der deutschen Armee gedient und war in britische Kriegsgefangenschaft geraten, 1946 ließen ihn die Engländer frei. In einem Flüchtlingslager in Mondsee fand er seine Frau Theresa wieder, deshalb ist Ray dort zur Welt gekommen, als jüngstes von vier Kindern.

1952: Die lange Reise

Papa Wendell hatte sich lange mit dem Gedanken getragen, nach Amerika auszuwandern. 1952 wurde der Gedanke in die Tat umgesetzt, das Ziel der einmonatigen Reise war Los Angeles, wo die Werschings und einige Schicksalsgefährten zu Beginn von einer katholischen Kirchengemeinde unterstützt wurden. "Ich habe meine Eltern", sagt Ray heute, "immer für ihren Mut bewundert, mit vier Kindern einfach auszuwandern, ohne zu wissen, was sie erwarten würde." Die Werschings wurden Amerikaner, Wendell war Zimmermann, Theresa putzte, so kamen sie über die Runden. Die Kinder wuchsen zweisprachig auf, doch sein Deutsch ist Ray im Laufe der Jahre abhandengekommen. "Very, very little."

Wendell hatte in Jugoslawien und in Mondsee spaßhalber Fußball gespielt, wieso sollte er in Los Angeles damit aufhören? Die Brüder Earnest, Wendell jun. und Ray kickten beizeiten mit, ihre Schwester Ingrid mischte sich diesbezüglich eher selten ein. Mag sein, dass hier der Grundstein für Rays Karriere gelegt wurde. High School, College, Universität (Berkeley), viel Sport, meistens Football. Einmal kam die Frage auf, ob einer den Ball ordentlich kicken könnte. Ray zeigte auf.

1973 luden ihn die San Diego Chargers zum Probetraining, "ein Riesenglück". Wenig später hatte Wersching seinen ersten Vertrag in der National Football League (NFL). Nach vier Jahren wechselte er zu den San Francisco 49ers, auch keine unglückliche Fügung. Die 49ers grundelten zwar zunächst eher dahin, doch 1979 übernahm Bill Walsh als Headcoach, und Joe Montana wurde als Quarterback unter Vertrag genommen. Die Wende.

1981/82: Die tolle Saison

In der Saison 1981/82 spielte Montana die Hauptrolle, doch auch Ray Wersching trumpfte auf. Im Semifinale gegen 49ers-Angstgegner Dallas warf Montana im Finish den Pass zum 27:27, alles hing an Wersching, der aber cool blieb und den Extrapunkt besorgte, Endstand 28:27.

Auch dem Endspiel, der Super Bowl XVI am 24. Jänner 1982 gegen die Cincinnati Bengals in Pontiac, Michigan, drückten Montana und Wersching ihre Stempel auf. Der Quarterback, der hernach zum MVP (wertvollsten Spieler) gewählt werden sollte, warf einen TD-Pass und erzielte einen Touchdown laufend selbst. Für die anderen Punkte zum 26:21 sorgte der Kicker, der mit vier Fieldgoals den Endspielrekord von Don Chandler (Green Bay Packers) aus Super Bowl II egalisierte. Schrägerweise hatte Montana einen Zweitjob als "Ballholder", wenn der Kicker antrat. "Heute undenkbar", sagt Wersching, "viel zu gefährlich. Aber Joe hat auch da einen tollen Job gemacht."

Drei Jahre später wiederholten sich die 49ers, das 38:16 gegen die Miami Dolphins am 20. Jänner 1985 in Stanford, Kalifornien, war keine schwere Partie für sie. Die Überlegenheit der Offense um Montana fand auch in der Tatsache ihren Niederschlag, dass Wersching neben fünf Extrapunkten nach Touchdowns nur ein Fieldgoal beizusteuern hatte.

Walsh, der Startrainer, sollte über Wersching Jahre später sagen: "Hätten wir damals, bei unserem ersten Super-Bowl-Sieg, einen durchschnittlichen oder auch nur einen guten Kicker gehabt, so hätten wir nicht gewonnen. Aber wir hatten einen grandiosen Kicker. Wir hatten Ray." Ungefähr einmal im Jahr kommen Montana, Wersching und die anderen heute noch zusammen, dann spielen sie Charity-mäßig Golf, trinken Bier und wärmen die alten Geschichten auf.

1987 hat Ray Wersching seine Karriere beendet, es folgten viele schöne und einige wechselhafte Jahre. Privat lief es gut. Ende 1985 war Chrissy in Rays Leben getreten, sieben Monate später wurde geheiratet, sie bekamen eine Tochter und einen Sohn, Sydney ist 28, Raymond jun. ist 24 Jahre alt, beide sind noch am Studieren und wohnen daheim. "Das Studieren hier kostet nicht wenig", sagt Ray, "das Leben ist nicht leicht." Wer meint, dass ein Starkicker wie er sich keine Sorgen machen muss, der liegt falsch. Die Sorgen wurden vor allem durch einen schweren beruflichen Crash hervorgerufen. Der Footballstar hatte zunächst eine eigene Versicherungsgesellschaft hochgezogen und später eine, wie sich herausstellen sollte, betrügerische Teilhaberin an Bord geholt. Die Teilhaberin wurde 2008 zu einer Gefängnisstrafe von 39 Monaten und einer Schadenersatzzahlung von 8,3 Millionen US-Dollar verurteilt.

2007: Das Gerichtsurteil

Wersching kam noch glimpflich davon, er hatte bereits 2007 wegen eines Steuerdelikts einen sechsmonatigen Hausarrest auf Bewährung ausgefasst, alle anderen Anklagepunkte wurden fallengelassen. "Ich wurde reingelegt" , sagt Ray, "damit muss ich leben." Die Anwaltskosten hatten viel Geld verschlungen. Er muss arbeiten, ist Buchhalter, nine to five, Fünftageswoche. "In einem Jahr könnte ich theoretisch in Pension gehen", sagt er. "Aber ich werde weiterarbeiten müssen."

Nicht unlustig ist, dass Ray Wersching und Toni Fritsch, die zwei Kicker aus Österreich, 1976 eine gemeinsame Saison bei den San Diego Chargers bestritten. Einmal war der eine verletzt, dann der andere, ein echter Konkurrenzkampf hat sich nicht entwickelt. "Der Toni war ein Superkerl", sagt Ray, der vom Tode Fritschs (2005) erst Jahre danach erfahren hat. Wersching hat kaum Connections nach Österreich, ein einziges Mal ist er noch hiergewesen, das ist 35 Jahre her. Da besuchten Footballer die in Deutschland stationierten US-Truppen, Ray nützte die Gelegenheit und sah sich Mondsee an.

"Ich würde so gern mit meinen Kindern kommen und ihnen Österreich zeigen", sagt Ray Wersching. Aber jetzt geht er erst einmal wieder von der Straße hinein, zurück in sein Büro. (Fritz Neumann, 7.2.2016)

  • Ray Wersching hat den Ball gekickt, den kein Geringerer als Star-Quarterback Joe Montana gehalten hatte. Ein alter Helm und der Schnurrbart waren Werschings Markenzeichen – und die Tatsache, dass er schon beim Anlaufen den Kopf gesenkt hielt. Zum 49ers-Erfolg in der Super Bowl 1982 steuerte er vier Fieldgoals bei.
    foto: getty/ arthur anderson

    Ray Wersching hat den Ball gekickt, den kein Geringerer als Star-Quarterback Joe Montana gehalten hatte. Ein alter Helm und der Schnurrbart waren Werschings Markenzeichen – und die Tatsache, dass er schon beim Anlaufen den Kopf gesenkt hielt. Zum 49ers-Erfolg in der Super Bowl 1982 steuerte er vier Fieldgoals bei.

  • "Ich bin", sagt Ray, "etwas kleiner und runder geworden."
    foto: privat

    "Ich bin", sagt Ray, "etwas kleiner und runder geworden."

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