"Der Fall Barschel": "Tiefpunkt politischer Unkultur"

7. Februar 2016, 16:52
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Die Geschichte um den Tod des Kieler Ministerpräsidenten gab vor allem Einblick in die journalistische Welt von Gestern

Mit dem Film über den Tod des Kieler Ministerpräsidenten Uwe Barschel liegt die ARD im internationalen Trend. Das "True Crime Story" genannte Genre erzählt eine wahre Begebenheit mit den Mitteln des Krimis. Obwohl das Ende bekannt ist, bleiben Fragen offen. Damit begeistern in den USA Netflix ("Making a Murderer"), HBO ("Jinx") oder Podcast-Journalistin Sarah Koenig ("Serial").

Neben Spannungsmomenten brachte Der Fall Barschel vor allem das verkommene politische System der 1980er-Jahre zutage. Der westdeutsche Machtapparat zeigte sein schamlosestes Gesicht, Günter Grass nannte die Affäre den "Tiefpunkt politischer Unkultur". Das war nicht übertrieben.

Die eigentliche Chuzpe leistete sich aus der Distanz betrachtet ja Barschels Nachfolger Björn Engholm, der nicht minder herzhaft im Sumpf wühlte, sich aber stets gut zu verkaufen wusste, was der Affäre einen Eintrag in Eckhard und Gerhard Henschels immer wieder lesenswertes Buch "Jahrhundert der Obszönität" eintrug.

Dass der Skandal von Journalisten aufgedeckt wird, die gut aufgepasst haben, mag als Indiz dafür gelten, dass nicht alles verloren ist. Im Film kommen die frei erfundenen Kollegen Burger (Alexander Fehling) und Nissen (Fabian Hinrichs) allzu nostalgieverliebt herüber. Im gegenseitigen Rezitieren der Rechercheergebnisse wird die Story auf Dauer etwas behäbig.

Jüngere Zuseherinnen und Zuseher dürften trotzdem staunen, wie Journalismus damals aussah: als "Breaking News" noch "Sondermeldungen" hießen, Nachrichten in Schreibmaschinen getippt, Textfahnen geklebt wurden, Redakteure energisch "Not fit to print!" riefen und dabei mit einem Whisky-Glas in der Hand wachelten. (Doris Priesching, 7.2.2016)

  • Die Journalisten der "Hamburger Neuen Zeitung" David Burger (Alexander Fehling, li.) und Olaf Nissen (Fabian Hinrichs) recherchieren unter Hochdruck.
    foto: ard degeto/stephan rabold

    Die Journalisten der "Hamburger Neuen Zeitung" David Burger (Alexander Fehling, li.) und Olaf Nissen (Fabian Hinrichs) recherchieren unter Hochdruck.

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