Nordkorea zündet nächste Eskalationsstufe

7. Februar 2016, 19:35
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Pjöngjang hat sich allen Warnungen aus dem Ausland widersetzt. Nun könnte das Land auch einen weiteren Atomtest planen, heißt es

"Leitstern-4" (Kwangmyongsong-4) lautet der klingende Name des Satelliten, den Pjöngjang am Sonntag kurz nach 9.00 Uhr Früh Ortszeit in die Umlaufbahn schießen ließ. Die Machthaber sprechen zwar von einer friedlichen Mission zur Sammlung wissenschaftlicher Daten – doch allein die Fakten legen beim Raketenstart, an dem es schon bei Bekanntwerden entsprechender Planungen Kritik von fast allen Seiten gab – ein militärisches Muskelspiel nahe: Nach Informationen des südkoreanischen Geheimdienstes wiegt der Satellit lediglich 200 Kilogramm. Für wissenschaftliche Zwecke sei er daher praktisch nutzlos. Wesentlich wahrscheinlicher ist, dass Nordkorea mit der Rakete seine ballistische Reichweite austestet.

Planung für neuen Atomtest

Südkoreas Spione gehen nach eigenen Angaben außerdem davon aus, dass der Norden einen weiteren Atomtest vorbereitet – den zweiten in diesem Jahr. Anfang Jänner hatte Nordkorea nach einer Nuklearexplosion davon gesprochen, eine Wasserstoffbombe gezündet zu haben. Spätere Analysen kamen aber zu dem Schluss, es habe sich um eine reguläre Atombombe gehandelt – womöglich, so hieß es damals, habe wegen einer Fehlfunktion nur der konventionelle Atomsprengkopf gezündet.

Und auch die Leitung der neuen Rakete macht Experten Sorgen: Bereits 2012 hat Kim Jong-un zwar ein ähnliches Raketenmodell, die Unha, ins All befördert. Seitdem scheint sich die nordkoreanische Technologie aber verbessert zu haben. Die Reichweite des neuen Flugkörpers soll mindestens zehntausend Kilometer betragen.

Südkorea, Japan und die USA haben noch am Sonntag eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats beantragt. Das UN-Gremium verurteilte den Raketenstart einstimmig als "Bedrohung des Weltfriedens" und kündigte eine baldige Resolution mit Sanktionsbeschlüssen an.

Allen voran die USA drängen seit dem Wasserstoffbombentest Nordkoreas vor einem Monat, Wirtschaftssanktionen gegen Nordkorea weiter zu verschärfen – Russland und China stimmten damals allerdings gegen dieses Vorhaben.

Innenpolitisches Signal vor dem Parteikongress

Deren Effekt dürfte jedoch wenig Wirkung zeigen. Mehrfach hat das Regime unter Beweis gestellt, dass es seiner inneren Sicherheit eine weitaus höhere Priorität einräumt als dem materiellen Wohlergehen seiner Bevölkerung. Viele Beobachter deuten den Raketentest vor allem als innenpolitisches Signal: Nur wenige Wochen vor dem ersten nordkoreanischen Parteikongress seit 1980 wolle Kim Jong-un seinen Machtanspruch untermauern.

Südkorea gerät zwischen die Interessenslagen: Die Regierung um Präsidentin Park Geun-hye hat nun erstmals ihren Willen bekundet, ein umstrittenes Raketenabfangsystem des US-Militärs zu installieren. Die USA haben knapp 30.000 Soldaten in Südkorea stationiert. Mit Hinweis auf die Bedrohung durch den Norden drängen sie ihren Verbündeten bereits seit mehreren Jahren um eine Erlaubnis für die Luftabwehr, die zu den modernsten der Welt zählt. China wertet das Raketenabwehrsystem jedoch als Bedrohung. Womöglich wird sich der Konflikt in den nächsten Wochen weiter zuspitzen: Denn angeblich plant Pjöngjang auch einen weiteren Raketentest. (Fabian Kretschmer aus Seoul, 7.2.2016)

Wissen: Nordkoreas Raketenprogramm

Das Raketenprogramm Nordkoreas reicht bis in die 1960er-Jahre zurück, erst seit den 1980er-Jahren verfügt das Land aber über ballistische Kurz- und Mittelstreckenraketen. Damals begann das Regime mit der Anfertigung von Raketen auf Basis russischer Scud (Typ Hwasong-5/6 und Nodong). 1998 wurde die erste Langstreckenrakete vom Typ Taepodong-1 abgeschossen. 2006, 2009 und 2012 schlugen Test der Taepodong-2 und ihr ähnlicher Raketen fehl. Ende 2012 gelang der Abschuss einer dreistufigen Unha-Rakete, sie erreichte den Orbit. Der Test der Weltraumrakete von Sonntag macht deshalb vielen Beobachtern Sorge, weil sie mit militärischen Langstreckenraketen baugleich ist und – sollte Nordkoreatatsächlich über eine Wasserstoffbombe verfügen – mit dieser bestückt werden könnte. Mehrere UN-Resolutionen verbieten Nordkorea jegliche Atom- und ballistischen Tests.

  • Das nordkoreanische Fernsehen veröffentlichte am Sonntag Propagandabilder, die Machthaber Kim Jong-un als stolzen Beobachter des Raketenstarts an der Westküste seines Landes präsentieren.
    foto: apa/afp/north korean tv/yonhap

    Das nordkoreanische Fernsehen veröffentlichte am Sonntag Propagandabilder, die Machthaber Kim Jong-un als stolzen Beobachter des Raketenstarts an der Westküste seines Landes präsentieren.

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