Verwaltungsreform – wer glaubt das noch?

Kommentar der anderen7. Februar 2016, 17:04
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Regierung und Kammern versprechen Bürokratieabbau, aber die Umsetzung fehlt

Wieder einmal haben der Wirtschaftsminister und der Präsident der Wirtschaftskammer gemeinsam kundgetan, dass ein Bürokratieabbau – also eine Abnahme der Belästigung der Unternehmer – kurz bevorstünde. Auch wenn der Regierungspartner das noch nicht so ganz bestätigen will, wird Entschlossenheit demonstriert.

So weit, so gut. Nur wer soll das noch wirklich glauben? So oft wurde schon eine Reform angekündigt, dem gelernten Österreicher fehlt der Glaube. Denn es geht nicht nur um einzelne Placebomaßnahmen. Es geht um die allgemeine Einstellung zum Unternehmertum, um die Rahmenbedingungen, die ein optimales Wirtschaften ermöglichen. Es geht um Flexibilität und darum, dass Rendite nichts Unanständiges ist. Manchmal fragt man sich, ob die Einstellung – Industrie brauchen wir ja nicht, die Produkte stehen eh im Regal – schön langsam Massentauglichkeit erlangt.

Wir hören täglich, wie wichtig die Innovationskraft für unser Land ist, dass diese aber nur von Unternehmen kommen kann, die dafür die nötigen flexiblen Rahmenbedingungen benötigen, sollte unbestritten sein. Man will uns weismachen, dass wir so toll sind, weil es angeblich "so" viele Unternehmensgründungen in Österreich gibt, ohne dass sich jemand die Mühe macht zu untersuchen, was denn das mehrheitlich für Unternehmungen sind: oftmals entsorgte Manager, die Berater werden, sogenannte EPUs. Nur damit kann Österreich nicht den Anschluss an die Spitze finden.

Defizite in der Grundhaltung

Interessanterweise findet Österreich im Global Entrepreneurship Monitor als einziges Land in der EU keine Erwähnung. Das Defizit in der Grundhaltung zum Unternehmertum ist eine der großen Baustellen. Wer wirtschaftliche Abläufe nicht versteht, wird auch weiterhin glauben, dass die Politik und nicht die Unternehmer Arbeitsplätze schafft.

Wenn wirtschaftliche Inhalte in Schulen nicht gelehrt werden und in den Berufsschulen noch immer alte Konzepte verteidigt werden, kann sich in unserem Land nichts ändern. Die sich jährlich verschlechternden Zahlen beweisen es eindringlich. Man hat das Gefühl, Gesetze werden aufgrund eines großen Misstrauens gegenüber Unternehmern besonders bürokratisch aufgesetzt und vor allem nie auf deren Zukunftstauglichkeit überprüft.

Dabei bedürfen dynamische Prozesse – siehe Industrie 4.0 – dynamischere Rahmenbedingungen, mehr Selbstverantwortung, mehr Freiheiten und vieles mehr. Aber darüber wird nicht diskutiert. Man findet Silicon Valley toll, aber nur zum Besuchen. Solange die Politik davon überzeugt ist, ausnahmslos zu wissen, was die Wirtschaft an Rahmenbedingungen benötige, und nicht gewillt ist, jenen zuzuhören, die täglich am wirtschaftlichen Markt um ihre Aufträge kämpfen, wird sich in diesem Land nichts ändern.

Die Großen können sich dem leichter entziehen, indem sie eben ihre Unternehmen vermehrt ins Ausland transferieren. Nur wer schützt den Mittelstand, der immer noch das Rückgrat der Wirtschaft darstellt und somit der größte Arbeitgeber im Land ist? Nur wie lange noch? (Hans Harrer, 7.2.2016)




Hans Harrer ist Vorstand des Senats der Wirtschaft Österreich, im Global Economic Network und Projektentwickler.

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