Im Namen des Laberls

5. Februar 2016, 18:12
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Die 50. Super Bowl, die am Sonntag über die gigantische Bühne geht, ist vor allem eines: eine uramerikanische Orgie der nationalen Selbstgefälligkeit, zum höheren Frommen der Fernsehwerbung. Ach ja, und ein bisschen Ball wird auch gespielt

Ja, es wird auch Football gespielt. Doch bei nüchterner Betrachtung kann sich dem Nichtfootballfan leicht der Eindruck aufdrängen, dass dies nur am Rande geschieht. Wenn am Sonntag die Carolina Panthers im Silicon Valley zur Super Bowl gegen die Denver Broncos antreten, ist es so etwas wie der 4. Juli im Winter – Nationalfeiertag, nur eben kein offiziell erklärter, eine Mischung aus patriotischem Pathos und Pop, dazu eine aus Fressgelage und einer Orgie der Fernsehreklame. Bei der Super Bowl, so lässt es sich vielleicht auf einen kurzen Nenner bringen, ist alles noch eine Nummer größer als sonst, die Flaggen, die Teller mit Nachos in halbflüssigem Käse, der Hype vor dem Match und mitunter auch die Enttäuschung danach.

Lady Gaga wird die Nationalhymne singen, Coldplay die Halbzeitshow bestreiten, ein Gastspiel von Beyoncé inklusive. Rund 115 Millionen Amerikaner, so viele waren es zumindest im vergangenen Jahr, werden vor den Bildschirmen sitzen, vorzugsweise im Kollektiv. Kulinarisch sind es Guacamole, ein mexikanischer Avocadodip, und Hühnerflügel, die zur Super Bowl gehören wie Tomatensaft zu Flugzeugkabinen. Der National Chicken Council schätzt, dass die Leute an diesem einen Tag 1,25 Milliarden Chicken-Wings verzehren. Und der Präsident? Der wird ungefähr zwei Stunden vor Anpfiff ein eher launiges Interview geben, vielleicht wieder, wie beim letzten Mal, in der Küche des Weißen Hauses.

foto: dapd/mead
1,25 Milliarden Chicken Wings sind viele Chicken Wings.

So war es nicht immer, angefangen hat es vergleichsweise unspektakulär. Bei der Premiere, am 15. Jänner 1967, blieben mehr als 30.000 Plätze im Memorial Coliseum zu Los Angeles unbesetzt, obwohl die Tickets im Durchschnitt nur zwölf Dollar kosteten. Vorausgegangen war eine Absprache zwischen den beiden Football-Ligen. Die National Football League (NFL), 1920 ins Leben gerufen, wenn auch damals noch unter anderem Namen, hatte sich aufstrebender Konkurrenz zu erwehren, der 1960 gegründeten American Football League (AFL). Statt einander weiter zu ignorieren, beschlossen die Funktionäre, die jeweiligen Spitzenteams zu einem gemeinsam organisierten Endspiel antreten zu lassen. Daraus wurde die Super Bowl, nur dass sie anfangs nicht Super Bowl hieß, sondern AFL-NFL World Championship Game.

Viele Legenden

Der griffigere Name geht auf den Texaner Lamar Hunt zurück, einen der Gründer der AFL. Er will, so hat er es selbst einmal geschildert, seinen Kindern Sharron und Lamar junior beim Spielen mit einem Ball zugeschaut haben, der nach dem Aufprall besonders hoch sprang. Aus "Super Ball" sei dann, fonetisch lässiger, "Super Bowl" geworden. Es gibt seitenlange Abhandlungen darüber, ob die Geschichte stimmt oder ob Hunt sie nur gut erfunden hat. Jedenfalls haben die Green Bay Packers aus Wisconsin das Premierenfinale gewonnen, trainiert von Vince Lombardi, einem Coach, der noch heute auf dem Denkmalsockel des Footballs thront, von manchem schon wegen seiner lakonisch-autoritären Sprüche verehrt. "Du wirst Fehler machen, aber nicht sehr viele, wenn du für die Green Bay Packers spielen willst", zitiert David Fischer, Autor einer voluminösen Super-Bowl-Fibel, den Mann. Die Packers übrigens, die dominierende Mannschaft der späten 1960er-Jahre, rangieren in der Tabelle der Super-Bowl-Sieger nur auf Platz vier, hinter den Pittsburgh Steelers, den San Francisco 49ers und den Dallas Cowboys, gleichauf mit den New England Patriots aus Boston, deren Quarterback Tom Brady als bester Spielmacher überhaupt gilt. Brady ist der David Beckham Amerikas: verheiratet mit einer glamourösen Frau, dem Model Gisele Bündchen, omnipräsent in Werbefilmchen, ein Sportler mit ausgeprägtem Talent fürs Geschäftliche.

nfl

Sieht man es distanziert durch die europäische Brille, reißen muskulöse Männer in hautengen Hosen, die Köpfe behelmt, die Schultern gepolstert, einander immerzu um, bevor sie sich in Menschentrauben verkeilen, aus denen ab und zu der nächste Spielzug gelingt. Dazwischen ewige Pausen, wie gemacht für die Fernsehreklame (dreißig Sekunden Werbung kosten inzwischen 4,5 Millionen Dollar). Sieger ist, wer den Ball am öftesten hinter die gegnerische Linie bringt. Das wäre die profane Beschreibung. Für Amerikaner indes wohnt der Schlacht auf dem Rasen ein Zauber inne, den Nichtamerikaner nicht wirklich verstehen können.

Gewalt und Demut

Zumindest glaubt das Sal Paolantonio, Autor des Buches How Football Explains America. Bei Football gehe es darum, Territorium zu erobern, beharrlich und systematisch, bis man in die sogenannte Endzone vordringt. In den 1880er-Jahren, als sich Universitäten wie Harvard, Princeton und Yale auf reformierte Regeln verständigten, auf dass sich Football markanter vom britischen Rugby unterscheide, seien die USA nun mal ein Land auf Expansionskurs gewesen. Das Prinzip des Bodengewinns als Spielmaxime, vielleicht sei es politisch nicht korrekt, das zu sagen, aber dies seien nun mal die Wurzeln, meint Paolantonio. Michael Mandelbaum, Politikprofessor an der Johns Hopkins University, sieht es weniger amerikaspezifisch. "Football ist zwar kontrollierte Gewalt, aber nichtsdestotrotz ist es Gewalt, und dabei zuzuschauen, daran finden die Menschen Gefallen, seit die Gladiatoren im antiken Rom kämpften." Football lehre Demut, meint wiederum Jerry Jones, der Besitzer der Dallas Cowboys, denn bei jedem einzelnen Spielzug nehme sich ein anderer vor, einen aufs Kreuz zu legen. Wieder aufzustehen, nachdem man zu Boden ging, das sei ja wohl die Quintessenz des American Spirit.

foto: usa sports today/kirby lee
Ein Duell und einige Hintergründe.

Ein wenig Drama

Zur Super Bowl gehört zum Glück auch, dass die Medien vor jedem Spektakel die Schattenseiten beleuchten, allem voran Gehirnerschütterungen infolge schwerer Kopfstöße. Da ist Kenny Stabler, ein Hüne aus Alabama, im Juli im Alter von 69 Jahren verstorben. In seinem Testament verfügte er, dass Wissenschafter sein Gehirn untersuchen dürfen, um zu erforschen, was eine Football-Karriere an Gesundheitsschäden nach sich ziehen kann. In den letzten Jahren seines Lebens konnte Stabler laute Geräusche nicht mehr ertragen. Er verzichtete darauf, im Auto Radio zu hören und beklagte sich im Restaurant über angeblich zu laut klirrendes Geschirr. Außerdem begann er, bei Grün an der Ampel stehen zu bleiben. Der posthume Befund lautete auf chronisch traumatische Enzephalopathie, CTE, eine degenerative Erkrankung des Gehirns. Dabei war Stabler Quarterback gewesen, auf dem Rasen in aller Regel umgeben von einem Ring von Mitspielern, deren Aufgabe darin bestand, ihren Regisseur vor gegnerischen Attacken zu schützen.

Gleichwohl ändert das nichts am Phänomen Super Bowl, diesem ausgelassen zelebrierten Exzess. Jeder vierte US-Haushalt, haben Konsumentenforscher ermittelt, legt sich in den Wochen vor dem Ereignis einen neuen Fernseher zu. Die Halbzeitshow muss man gesehen haben, will man unter Kollegen nicht als Exzentriker gelten. Anfangs nichts Besonderes, wurde sie 1993, mit einem Auftritt Michael Jacksons, erstmals als Megashow inszeniert. Als Bono im Februar 2002, fünf Monate nach den Anschlägen des 11. September, mit rauer Rockerstimme "Americaaaa!" rief und Where The Streets Have No Name sang, während hinter der Bühne in minutenlanger Schleife die Namen der Opfer eingeblendet wurden, wirkte es wie eine Seelentherapie. Nachdem Justin Timberlake 2004 Janet Jacksons rechte Brust entblößt hatte, euphemistisch verbrämt zur Garderobenfehlfunktion, führten die Sender einen Fünf-Sekunden-Puffer ein, um etwaige Wiederholungsfälle zensieren zu können, bevor sie ausgestrahlt werden.

arslan latif
Ein Anfang von vielen.

Eine Prise Sport

Dann wäre da noch die rasch entschiedene Debatte, ob man zum 50. Jubiläum an der Tradition festhalten sollte, das Spektakel römisch durchzunummerieren. Vor zwölf Monaten war die Super Bowl XLIX zu erleben, diesmal hätte man Super Bowl L auf das Logo schreiben müssen. L freilich steht für Loser, also Verlierer. Es war abzusehen, wie der Streit enden würde, mit einem Sieg der arabischen Ziffern.

Im Übrigen hat eine amerikanische Stiftung, die Media Education Foundation, den skeptischen Betrachter in seiner Skepsis bestätigt. Demnach wurde im vergangenen Jahr im Finale in vier Stunden Übertragung effektiv 17 Minuten und 30 Sekunden lang Football gespielt. (Frank Herrmann, 5.2.2016)

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