Elways Erben, Newtons Gesetze

6. Februar 2016, 17:58
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Zum dritten Mal in Folge stehen sich die zwei besten Mannschaften der Saison in einem an Geschichten nicht gerade armen Finale gegenüber

In der 50. Auflage der Super Bowl treffen die Denver Broncos auf die Carolina Panthers und damit nach 2014 (New England-Seattle) und 2013 (Denver-Seattle) die beiden Teams mit der besten Saisonbilanz aufeinander. Balsam auf mancher Wunde des immer wieder mal in der Kritik stehenden Playoff-Systems der NFL.

Dabei hätte man mit Denver nicht zwingend im Endspiel rechnen müssen, war New England im Conference Final der AFC der sogar recht deutliche Favorit bei den Buchmachern. Die Patriots, die nach der Bye Week in der Wild Card im Divisional Playoff gegen Kansas City wieder voll im Saft schienen, hatten dann aber ein riesiges Problem, nämlich Denvers Defense – die beste der Liga in diesem Jahr. Vier Sacks und zwei Interceptions, mehr als die Hälfte davon erledigte alleine Linebacker Von Miller, reichten aus um nie in Rückstand zu geraten. Pechvogel der Partie war Patriots Kicker Stephen Gostkowski, dessen vergebener Extrapunkt im ersten Quarter sich im vierten dann rächen sollte. Tom Brady verwertete zwar im letzten Drive New Englands zwei 4th Downs um noch auf 18:20 heran zu kommen, die 2-Point Conversion für eine mögliche Overtime wurde jedoch von Denvers Bradley Roby abgefangen. Fast ein wenig überraschend endete die Magie eben dort und Peyton Manning gewann, nach 2007 und 2014, zum dritten Mal ein Championship Game gegen Brady und die Patriots.

Ganz anders verlief das Spiel um den Titel in der NFC, in dem Carolina gegen Arizona nie einen Zweifel aufkommen ließ, wer zum zweiten Mal in der Geschichte seiner Franchise in eine Super Bowl kommen wird. Sechs Mal knöpfte man der Schwachstelle Arizonas, die seit Menschengedenken der Quarterback ist, den Ball ab. Das hat sich Carson Palmer eigentlich nicht verdient, der zumindest in der Regular Season starke Leistungen zeigte. Zu Gute sei ihm gehalten, dass die Hälfte seiner Turnovers in der Garbage Time kamen, als es nur noch darum ging sich erhobenen Hauptes aus der Affäre zu ziehen. Auch das misslang, denn mit 15:49 setzte es eine der höchsten Niederlagen in der Post Season der NFL überhaupt. 2014 stellte man den Rekord für die wenigsten Yards in einem Playoff-Spiel auf – 78 waren es, ebenfalls gegen Carolina. Die Playoffs waren die Sache der Cardinals in den vergangenen zwei Saisonen jedenfalls nicht.

Elways Erben

John Elway, früher Haudegen und Helikopter der Broncos, ist heute ihr Chef. Er hatte bereits drei Super Bowls mit Denver verloren, als ihm 1998, mit 37 Jahren, der erste Titel und im Jahr danach der zweite gelang. Kurz vor seinem 39. Geburtstag trat der neunmalige Pro Bowler zurück. Heute ist Elway 55, sein Quarterback Peyton Manning ist 39 und hat am Sonntag vermutlich seine letzte Chance als erster Spielmacher überhaupt für zwei verschiedene Teams eine Super Bowl zu gewinnen. Unterstützt wird er dabei von Head Coach Gary Kubiak, der als Quarterback in der NFL sagenhafte neun Jahre lang durchgehend Backup war. Von John Elway.

Das Spiel birgt auf Seite Denvers damit so viel emotionales Potential, dass man fast schon vor dem Kickoff weinen möchte. Tatsächlich wird von Manning das gefragt sein, was er im Divisional Playoff und Conference Final tat. Keine Fehler begehen, keine Turnovers produzieren und vielleicht die Verbindung zum vermeintlich gefährlichsten Receiver im Corps der Broncos, Demaryius Thomas, zu verstärken, der in der Post Season 2015 bisher nur sechs Bälle für 52 Yards fing.

Das hört sich alles viel einfacher an als es das ist, denn die Defenses von New England und vor allem von Pittsburgh, die sind nur laue Lüftchen gegen den Orkan, den Carolina loslassen kann. Luke Kuechly hat das gegen New England gezeigt, dass er, wie einst Ray Lewis, Plays der gegnerischen Offense riechen, schmecken und aufspüren kann. Das Defensive Backfield strotzt mit Kurt Coleman, Robert McClain und Josh Norman vor Potential, das bei den Veteranen Roman Harper (33) und Cortland Finnegan (32) einen zweiten Frühling ausgelöst hat. Head Coach Ron Rivera war einst ein Mitglied der wiederauferstandenen "Monsters of the Midway", jene Bears Mannschaft, die in der Post Season 1985/1986 Shutouts gegen die New York Giants und Rams erzwang und in der Super Bowl XX New England mit 46:10 demütigte. Rivera, der übrigens wie Gary Kubiak bei Denver, John Fox bei Carolina beerbt hat, hat einen streng defensiven Kopf, dabei wird es aber auch dann interessant, wenn sein Team den Ball hat.

Newtons Gesetze

1. "Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen Translation, sofern er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird."

Rund um Cam Newton hat Offense Coordinator Mike Shula ein komplexes Laufspiel-System zusammengeschraubt, welches Carolina erlaubt hat 500 Punkte, mehr als jedes andere Team, in der Regular Season zu erzielen. Da fiel es dann gar nicht mehr ins Gewicht, dass der Passangriff tatsächlich nur zu den zehn schwächsten der Liga zählt, denn Carolina passt einfach seltener als 26 andere Teams. Interessant ist die Liste jener fünf Teams, die noch weniger oft den Ball durch die Luft bewegen als Carolina: Seattle, Kansas City, St. Louis, Buffalo und Minnesota. Damit drei weitere Mannschaften, die das Playoff erreichten. Könnte zum Nachdenken anregen.

2. "Die Änderung der Bewegung ist der Einwirkung der bewegenden Kraft proportional und geschieht nach der Richtung derjenigen geraden Linie, nach welcher jene Kraft wirkt."

Womit auch ein Ziel Denvers im Gameplan definiert sein sollte: Cam Newton in der Pocket halten, ihn zum (schnellen) Pass zwingen. Mir ist klar, dass ist lieb gemeint, aber als Teil einer Agenda kann es ausgegeben werden, denn ein solcher Teilerfolg wäre schon ein schöner Schritt. Ob man in der Lage ist einen derartigen Passrush wie gegen New England aufzubauen (sofern man es in der Form überhaupt vor hat), ist angesichts der Offense-Line Carolinas, die in fast allen Kategorieren statistisch weit vorne zu finden ist, in mehrfacher Hinsicht fraglich. Es gibt wenig, was man im Ansatz sonst tun kann, um die Panthers Offense am Rollen zu hindern. Mit Jonathan Stewart ist im Backfield nämlich eine weitere starke Option da, die in das System perfekt hinein passt, was die Sache noch schwieriger macht. Vorteile für Denver erkenne ich, wenn es zu häufigeren Matchups zwischen den Corners und den Receivern kommt. Tight End Greg Olsen führt diese Gruppe an, dahinter befinden sich mit Ginn, Cotchery und Funchess nichts, was die Broncos Secondary nicht stoppen könnte.

Nun gut, wer macht's?

3. "Kräfte treten immer paarweise auf. Übt ein Körper A auf einen anderen Körper B eine Kraft aus, so wirkt eine gleich große, aber entgegen gerichtete Kraft von Körper B auf Körper A."

In Summe sehe ich, bis auf das Passspiel Carolinas und die Defense Denvers, sofern sie sich halbwegs entfalten kann gegen die OL, recht wenig, was unterm Strich für einen Sieg von Denver sprechen würde. Denver hat mehr Erfahrung im Playoff und in einer Super Bowl, aber das war eine ganz schlechte gegen ein recht ähnlich gebautes Team damals. Wenn Peyton Manning am Ende der Saison mit seinem Bruder Eli in Super Bowl-Erfolgen gleich ziehen will, dann muss viel passieren und auch die Fantasie bemüht werden: Die Special Teams, das Kicking Game und der Wunsch vieler Fans nach Frieden für einen der ganz Großen dieses Sports.

Super Bowl 50 im TV

Alle NFL-Playoffs sind im Free TV bei Puls 4 bzw. auch Pro7maxx/sat1 zu sehen. Wer die US-Kommentatoren hören will, muss zum Gamepass der NFL greifen. Puls 4 überträgt Super Bowl 50 ab 23:10 mit rund 300 Zuschauern live aus seinem "Puls 4 Dome". Die Studiorunden moderiert Christian Nehiba, als Experten werden neben Nationalteam Head Coach Shuan Fatah, der europäische Top-Referee Bojan Savicevic und der ehemalige Nationalteamspieler und Halftime Reporter Pasha Asiladab fungieren. Das Spiel werden Michael Eschlböck und ich kommentieren.

Denver Broncos vs. Carolina Panthers Sonntag
23:10 Uhr (Kickoff 00:30 Uhr)

Schönes Spiel!
Ihr Walter Reiterer

  • Zum ersten Mal in der Geschichte stehen sich zwei Quarterbacks gegenüber, die im NFL Draft an erster Stelle gezogen wurden. Cam Newton 2011 und Peyton Manning 13 Jahre zuvor. Das Jubiläum wird so auch zu einer Premiere und einem Treffen der Generationen.
    foto: phil ellsworth/espn media

    Zum ersten Mal in der Geschichte stehen sich zwei Quarterbacks gegenüber, die im NFL Draft an erster Stelle gezogen wurden. Cam Newton 2011 und Peyton Manning 13 Jahre zuvor. Das Jubiläum wird so auch zu einer Premiere und einem Treffen der Generationen.

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