Julya Rabinowich: Schreibmaschinenfreuden mit Catcontent

Kolumne5. Februar 2016, 16:33
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Hätte mir der Hausherr nicht eine antike Schreibmaschine geschenkt, um die probenden Sänger von mir zu verschonen: Vielleicht wäre es mit Schriftstellerei nichts geworden

Der Mensch neigt zur Bilanz. Manche zu mehr, manche zu weniger frisierter. Laisser-faire versus Verdunkelung. Ich bin bereit, jeden Schleier zu lüften, quasi bis ans Eingemachte. Ich mach mich gläsern bis auf die Knochen. Die Geschichte meiner Schreibutensilien muss vollkommen transparent vor dem Auge der geneigten Leser ausgebreitet werden. Papyrus, Tontafel und Pergament überspringen wir. Mögen sie entspannt in unserem kollektiven Unbewussten ruhen.

Meine Kreativzeitrechnung beginnt mit Papier und Bleistift, mit denen schwülstige Gedichte ab sechs Jahren festgehalten wurden. Für längere Textspenden fehlte mir schlicht die Geduld. Zeichnen ging schneller von der Hand und wurde vorgezogen. Auf der Datenautobahn wollte ich immer schon schnell unterwegs sein.

Exzessives Schreiben begann erst mit dementsprechend technisch aufgebrezelten Möglichkeiten. Hätte mein Vater mich nicht mitgenommen, als er Bühnenbilder für eine Oper auf Schloss Greinburg entwarf, hätte ich nicht ausnahmslos alle Mitwirkenden an der Arbeit behindert, hätte mir der Hausherr und Kunstmäzen nicht eine antike Schreibmaschine geschenkt, um die probenden Sänger von mir zu verschonen: Vielleicht wäre es mit Schriftstellerei nichts geworden. Jedenfalls bis zum Erwerb des ersten Computers.

Die antike Schreibmaschine hatte die besten royalen Tage längst hinter sich, die Tasten flogen manchmal in alle Richtungen davon, wenn man zu fest hineindrosch. Und dreschen musste man. Mit der Mechanisierung kamen größere, allerdings unlesbare Werke. Mein Kater war gekränkt und nicht bereit, über so lange Durststrecken auf Aufmerksamkeit zu verzichten: Bald war mein metallisches Ein und Alles anvisiert und noch schneller angebrunzt. Das Innere der Maschine verrostete sofort und verströmte unerträgliche Duftnoten, die langfristig auch mit heftigem Lüften nicht zu überwinden waren.

Das Œuvre kam nach der herzlosen Entsorgung zum Erliegen. Bis ich mir zum Geburtstag eine Thermoschreibmaschine wünschte: eine Vorahnung kommender Mobilität. Mit einem klitzekleinen Nachteil. Das Thermopapier reagierte auf Sonnenlicht und Wärme, verfärbte sich und war nach spätestens ein paar Jahren nicht mehr lesbar. Im Nachhinein betrachtet: Es war mein Schaden nicht. (Julya Rabinowich, 5.2.2016)

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