Syrien: Zehntausende Flüchtlinge an der türkischen Grenze

6. Februar 2016, 12:55
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Heftige Gefechte rund um Aleppo zwingen Menschen in die Flucht – USA werfen Russland Tötung zahlreicher Zivilisten vor

Amman – An der türkisch-syrischen Grenze droht eine neue humanitäre Katastrophe. Zehntausende Bewohner der Region um die syrische Großstadt Aleppo flüchten wegen heftiger Gefechte beim Vormarsch von Regimetruppen Richtung Türkei. In der Nähe der geschlossenen Grenze am Übergang Bab al-Salam sowie in der Stadt Azaz harrten am Freitag bis zu 30.000 Flüchtlinge aus, wie die UNO am Freitag mitteilte.

Auch am Samstag harrten Tausende syrische Flüchtlinge weiter an der Grenze zur Türkei aus. Der türkische Grenzübergang Öncüpinar blieb für sie vorerst weiter geschlossen, wie Reporter von dort berichteten. Nach jüngsten Zahlen der UNO sind bereits etwa 20.000 Flüchtlinge in der Stadt Bab al-Salam auf der syrischen Seite vor dem türkischen Grenzübergang gestrandet.

Grenze laut türkischem Außenminister offen

Anders stellt es der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu dar. Man lasse die syrischen Flüchtlinge aus der Region Aleppo sehr wohl weiter ins Land. "Wir halten an der Politik der offenen Tür für diejenigen fest, die vor der Gewalt des Regimes und den russischen Luftschlägen fliehen", sagte Cavusoglu am Samstag nach einem Treffen mit den EU-Außenministern in Amsterdam. "Wir haben bereits 5000 von ihnen aufgenommen und 50.000 bis 55.000 sind auf dem Weg." Die EU-Außenminister betonten bei der Konferenz, dass die Grenzen der Türkei offen bleiben sollten. Die Türkei hat mit 2,5 Millionen Menschen die meisten Menschen aus dem Bürgerkriegsland aufgenommen.

40.000 auf der Flucht

Nach Angaben der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sind bereits fast 40.000 Menschen aus der Region Aleppo auf der Flucht. Dort konnten die syrischen Regierungstruppen unterstützt durch russische Luftangriffe die Aufständischen seit Montag deutlich zurückdrängen. Bei einer Einnahme der gesamten Großstadt Aleppo durch die Regierungstruppen rechnet die Türkei mit Zehntausenden zusätzlichen Flüchtlingen.

Nach Angaben des türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu erreichten mittlerweile rund 15.000 Flüchtlinge aus Aleppo die Grenze. Hilfsorganisationen meldeten aber deutlich höhere Zahlen.

Vorwürfe der USA gegen Russland

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte Russland am Freitag vorgeworfen, zusammen mit der syrischen Regierung für den Tod von 400.000 Menschen in dem Bürgerkriegsland verantwortlich zu sein. Kritiker werfen der Regierung in Moskau vor, vor der Wiederaufnahme von Verhandlungen über ein Ende des Bürgerkriegs die Machtposition der mit ihr verbündeten syrischen Regierung mit militärischer Gewalt verbessern zu wollen.

Angesichts der Regierungsoffensive in Aleppo wird auch der Ton gegenüber Russland und dem syrischen Regime schärfer. Mit ihren Bombardements töteten sie Zivilisten "in großer Zahl", sagte US-Außenminister John Kerry am Freitag in Washington. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg warf Russland vor, den Konflikt mit seinen Bombardements gegen Rebellen anzuheizen. Frankreichs UN-Botschafter Francois Delattre verurteilte die Offensive des syrischen Regimes. "Man kann von der Opposition nicht erwarten, dass sie mit einer Pistole an der Schläfe verhandelt", sagte Delattre am Freitag in New York.

Moskau wies die Schuldzuweisungen zurück. Russland setze sich für eine friedliche Lösung des Konflikts ein, unterstütze die syrische Regierung aber im Kampf gegen den Terrorismus, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Die russische Luftwaffe unterstützt seit Ende September die Offensive der syrischen Regierungstruppen mit Raketen- und Bombenangriffen.

Neue Initiative für Friedensgespräche

Einen Tag vor dem Start der Münchner Sicherheitskonferenz sollen die Friedensgespräche für Syrien – über deren Stocken UN-Sondervermittler Staffan de Mistura den Sicherheitsrat am Freitag informierte – wieder in Gang gebracht werden. In der bayerischen Landeshauptstadt ist eine Syrien-Verhandlungsrunde mit Vertretern aus fast 20 Staaten geplant. Berlin geht davon aus, dass auch die Außenminister Saudi-Arabiens und des Irans teilnehmen werden. Es wäre die erste Begegnung von Regierungsvertretern der beiden Rivalen seit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen Anfang Jänner. (APA, 6.2.2016)

  • Flüchtlinge am Grenzübergang Bab al-Salama. Laut der Nachrichtenagentur Shabha Press kommen sie aus Aleppo.
    foto: apa/afp/shabha press/stringer

    Flüchtlinge am Grenzübergang Bab al-Salama. Laut der Nachrichtenagentur Shabha Press kommen sie aus Aleppo.

  • Sie flüchten vor heftigen Gefechten rund um Aleppo.
    afp

    Sie flüchten vor heftigen Gefechten rund um Aleppo.

  • Die Türkei versprach, sie ins Land zu lassen.
    afp

    Die Türkei versprach, sie ins Land zu lassen.

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