Pensionen: Die Angst vor dem herzlosen Automaten

7. Februar 2016, 08:00
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Ein Überblick, wie andere Länder ihr Pensionssystem nachhaltig finanzierbar halten wollen

Wien – Den besten Ruf hat die Pensionsautomatik hierzulande nicht. In Wahrheit gehe es um Verschlechterungen durch "einen herzlosen Computer", wettert der Chef der SPÖ-Pensionisten, Karl Blecha, gerne. Der Leitende ÖGB-Sekretär Bernhard Achitz deponierte am Freitag, er halte derartige Vorschläge für "nicht diskussionswürdig". Die ÖVP möchte sie aber beim Pensionsgipfel am 29. Februar sehr wohl aufs Tapet bringen.

Komplett neue Wege würde Österreich mit dem Thema jedenfalls nicht bestreiten. EU-Kommission und OECD veröffentlichen regelmäßig Studien zu den diversen Nachhaltigkeitsfaktoren, die es weltweit gibt. In den vergangenen 15 Jahren haben zahlreiche Staaten – die OECD zählt 24 – Mechanismen eingeführt, die automatisch bei Erreichen bestimmter demografischer Werte aktiviert werden. Neben vielen EU-Ländern haben auch Australien, Kanada, Chile, Israel, Japan oder Mexiko Automatismen. Pensionssysteme sind aber äußerst komplex und historisch gewachsen, sodass es deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Modellen gibt. Grob zusammengefasst gibt es aber vor allem folgende Möglichkeiten:

  • Pensionshöhe Die Pensionshöhe wird an die zu erwartende Lebenserwartung angepasst. Finnland hat 2010 einen "Lebenserwartungskoeffizienten" eingeführt. Dieser führt dazu, dass die ausbezahlte Pension automatisch sinkt, wenn die Lebenserwartung steigt. Basisjahr für die Berechnung ist 2009. Jährlich wird seither ermittelt, wie sich die Restlebenserwartung für die Alterskohorte der 62-Jährigen verändert.

    In Portugal ist das Basisjahr 2006. Man errechnet dort, wie sich die Lebenserwartung eines 65-Jährigen seit 2006 (Basisjahr) verändert hat und bemisst danach den Pensionsanspruch.

    Andere Länder wiederum führen für jeden Beitragszahler ein individuelles Pensionskonto und passen dort die Ansprüche an. In diese Gruppe reiht die OECD Italien, Polen und Schweden ein. In Italien werden die eingezahlten Beiträge entsprechend des Wirtschaftswachstums der vergangenen fünf Jahre aufgewertet, in Schweden entsprechend der Gehaltsentwicklung. Polen wiederum berücksichtigt die Entwicklung der Lohnkosten. Zusätzlich wird in Italien, das noch vor Österreich zu den Ländern mit den höchsten Pensionsausgaben in Europa zählt, künftig auch das Pensionsalter angehoben werden – auf zumindest 67 bis 2021.

  • Pensionsalter Die Anknüpfung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters an die steigende Lebenserwartung ist nämlich grundsätzlich die zweite Möglichkeit, auf den demografischen Wandel zu reagieren. Laut OECD passiert das aber eher selten. Dänemark hat sich für einen derartigen Nachhaltigkeitsfaktor entschieden. 2020 kann das Antrittsalter demnach auf 67 steigen. Um einen richtigen Automatismus handelt es sich allerdings nicht. Das Parlament muss vor Inkrafttreten noch einmal zustimmen. Auch Frankreich hat sich für eine solche "halbautomatische" Lösung entschieden.

  • Zusatzpension Und schließlich gibt es auch Länder, die neben einer Art Grundpension eine zweite Pension kennen. Für diese muss zwar ebenfalls verpflichtend eingezahlt werden, die Beiträge werden aber am Kapitalmarkt veranlagt. In diese Kategorie reiht die OECD Chile, Estland, Mexiko, Polen, die Slowakei und Schweden ein. Auch hier gilt: Steigt die Lebenserwartung, sinkt die Zusatzpension. In Schweden heißt dieses System "Prämienrente".

Es gibt also viele Spielarten von Nachhaltigkeitsfaktoren – und nicht alles, was automatisch ausgelöst wird, führt am Ende auch zu einer Verschlechterung. Die oft zitierten Schweden haben im vergangenen Jahrzehnt diverse gesetzliche Verbesserungen vorgenommen, um automatismusbedingte Kürzungen zu kompensieren. Ist sich die Politik einig, kann sie also auch jeden Automaten overrulen. (Günther Oswald, 7.2.2016)

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  • Müsste noch zum Pensionsexperten umgeschult werden: R2-D2
    foto: apa/afp/robyn beck

    Müsste noch zum Pensionsexperten umgeschult werden: R2-D2

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