Flüchtlingsbetreuung: "Mama" hat gekündigt

Porträt6. Februar 2016, 09:00
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Nach ihrer Flucht arbeitete die Informatikprofessorin Nahla Abeiad mit geflüchteten Kindern in Österreich. Das war schön, aber belastend

Ob sie private Probleme habe, wollte der Arzt wissen. Aber das Problem war eher, dass privat nicht mehr privat war.

Das, was sie täglich in der Arbeit erlebt hatte, schleppte sie wie einen schweren Rucksack, den sie nicht ablegen konnte, mit nach Hause. Die vielen traurigen Kinder, die viele Arbeit, die nie wirklich erledigt war – all das hatte zu chronischen gesundheitlichen Beschwerden geführt: "Ich war fertig."

Kurz darauf hat Nahla Abeiad gekündigt. Heute arbeitet die 41-jährige Irakerin wieder in ihrem ursprünglichen Berufsumfeld: als Informatikerin. Dabei war die Arbeit, die sie hinter sich lässt, eine, die sie begeistert hatte. Eine Arbeit mit Sinn. Aber auch eine, die sie nie losließ – auch nachts.

Bereits vor zwei Monaten, als der STANDARD Nahla Abeiad noch im Haus Ottakring besucht hat, in dem neben zahlreichen Familien auch mehr als 100 sogenannte UMFs, also unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, Unterkunft gefunden haben, ist deutlich merkbar, wie nahe ihr der im Sommer angetretene Job als Flüchtlingsbetreuerin geht. Als sie von den zwölf-, dreizehn-, vierzehnjährigen Jugendlichen spricht, die sich abends hier an ihre abgeliebten Stofftiere kuscheln, steigt bereits damals in ihren dunklen Augen das Wasser so hoch, dass sie es mit einem nach Rettung suchenden Blick nach oben gerade noch aufzufangen vermag.

Das, was der Anblick dieser kleinen schlafenden Menschen in ihr ausgelöst hat, beschrieb die Universitätsdozentin für Informatik damals so: "Sie sind so alleine. Als ich gekommen bin, war ich 35 und eigentlich erwachsen genug. Trotzdem gab es immer wieder diesen Moment, in dem ich mich auch so alleine gefühlt habe."

Neustart

Der Tag, an dem Nahla Abeiad nach Österreich kam, ist mittlerweile mehr als acht Jahre her. Im Irak hatte man begonnen, Universitätsangestellte zu bedrohen. Eines Tages erhielt auch sie einen unmissverständlichen Brief. Frau Abeiad fürchtete um ihr Leben. Also packte sie die Koffer und floh mit ihren beiden Töchtern, damals sechs Monate und zweieinhalb Jahre alt, nach Österreich. Ihr Mann, ein IT-Experte, der im Irak mit der US Army gearbeitet hatte, kam später nach.

Fast zwei Jahre dauerte Frau Abeiads Asylverfahren, nach dem positiven Asylbescheid konnte sie erstmals einen Deutschkurs besuchen. Der Plan war, ihren Masterabschluss in Informatik noch einmal zu machen, denn in Österreich wurde ihr lediglich der Bachelor anerkannt. Doch das Studium in einer fremden Sprache war schwer. Zu schwer. Irgendwann beschloss sie, umzusatteln. Ein Jahr lang ließ sie sich zur Freizeitpädagogin ausbilden.

Als sie die Ausbildung beendete, standen ab August des Vorjahres täglich tausende Flüchtlinge vor Österreichs Grenzen. Frau Abeiad begann sich zu fragen, ob nicht irgendjemand ihre Sprachfähigkeiten, ihre kulturelle Kompetenz, ihre neu gewonnene pädagogische Qualifikation brauchen könnte. Sie rief also beim Samariterbund an. Bereits tags darauf half sie beim Einzug jener minderjährigen Flüchtlingsmädchen, denen die Stadt Wien aufgrund der damals völlig überfüllten Erstaufnahmestelle Traiskirchen Quartier angeboten hatte.

Mutterrolle

"Sie brauchten Kleidung und Unterwäsche", erinnert sich Nahla Abeiad. Wie eine Mutter habe sie den Mädchen geholfen, ihre Größen zu bestimmen, habe eine erste Fuhre frischer Wäsche und Hygieneartikel mit ihnen eingekauft.

Zu Beginn seien die Kinder oft krank und orientierungslos gewesen. Frau Abeiad hat zugehört, getröstet, mitgeweint. "Einen Teil meiner Arbeit habe ich als Mutter gemacht", beschreibt sie ihren Alltag im ehemaligen Pensionistenheim. "Manche nannten mich Mama." Doch vieles, was eigentlich Beruf war, nahm sie im Geiste mit nach Hause, erklärt: "Ich bin ja keine Maschine."

Die leiblichen Mütter der jungen Flüchtlinge waren froh, dass ihre Kinder jemanden wie Nahla Abeiad hatten, der sich um sie kümmerte. Via Skype hatte Frau Abeiad mit den Familien kleinere und größere Probleme besprochen. "Ich wollte, dass die Mütter keine Angst mehr um ihre Kinder haben müssen."

Die Tagesstruktur der Kinder ist bis heute unverändert: Vormittags besuchen sie die Schule oder den Deutschkurs, nachmittags wird gemeinsam gemalt, gelernt, Fußball gespielt. Rund 30 Betreuerinnen des Samariterbundes wechseln sich in der Rundumbetreuung der jungen Flüchtlinge ab. Die teilen sich meist zu zweit ein Zimmer, übernehmen mittels Putzplan Verantwortung für die Sauberkeit im Haus, können bei den regelmäßig stattfindenden Hausversammlungen ihre Bedürfnisse formulieren. Frau Abeiad hatte sich für "ihre" Kinder vorgenommen: "Es ist wichtig, dass sie stark werden."

Auch Nahla Abeiad ist eine starke Frau. Ihre täglichen Belastungen musste sie trotzdem reduzieren. Der neue Job als Informatikerin, über den sie noch nicht zu viel erzählen will, macht ihr Freude. An die jungen Flüchtlinge denkt sie zwar nach wie vor oft. "Mama" ist sie jetzt aber nur noch für ihre beiden Töchter. (Karin Riss, 6.2.2016)

  • Neues Land, neue Arbeit, bekannte Gefühle: Informatikprofessorin Nahla Abeiad wollte nach einem bewegten halben Jahr als Flüchtlingshelferin zurück in den alten Beruf.
    foto: matthias cremer

    Neues Land, neue Arbeit, bekannte Gefühle: Informatikprofessorin Nahla Abeiad wollte nach einem bewegten halben Jahr als Flüchtlingshelferin zurück in den alten Beruf.

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