Eine Parallelwelt fordert ihren Tribut

5. Februar 2016, 15:34
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Selektive Nachfrage und sinkende Umsätze kennzeichnen die in London anberaumte Auktionssause

Die Situation an den Börsen, insbesondere an jenen in Fernost, dazu der massive Ölpreisverfall und die Sorge der Analysten um die globale Konjunktur, all das trübte die Stimmung der Auktionshäuser in den letzten Wochen. Wohlgemerkt, von der Chefetage abwärts bis in die Departments der wichtigen, weil einträglichen und damit Mitarbeiterexistenzen sichernden Sparten: Post War & Contemporary und Impressionist & Modern Art.

Denn die aktuell in London offerierte "Ware" war überwiegend kurz nach der erfolgreichen New Yorker Sause akquiriert worden, in einer wirtschaftlich vergleichsweise stabiler wirkenden Phase. Die den Einbringern damals eingeräumten Verkaufslimits, die im Gegensatz zu den Schätzpreisen nicht in den Katalogen aufscheinen, galt es jetzt schleunigst nach unten zu revidieren. Verhandelt wurde und wird dem Vernehmen nach bis kurz vor der Auktion.

Garantien, die Einbringern die Entscheidung erleichtern, welchem Marktgiganten das Kunstwerk zur Verwertung überlassen wird, hatte man schon deutlich zurückhaltender zugestanden. Das Risiko, Erlöse im Vorfeld und unabhängig vom späteren Verlauf der Versteigerung zuzusichern, ist ein einseitiges und minimierte die Erträge zuletzt merklich. Davon kann Sotheby's ein aktuelles Lied trällern, bescherte das Rittern um den Nachlass des ehemaligen CEOs Alfred Taubmann dem Unternehmen 2015 doch ein veritables Minus.

Die Nervosität vor den jetzt anberaumten Versteigerungen der Kategorie Impressionist & Modern Art (2.-4. 2.) erreichte einen neuen Level. Würden sich potenzielle Käufer in gefährlicher Zurückhaltung üben? Stünde man vor den Scherben der Marktentwicklung der letzten Jahre, oder käme man doch mit einem blauen Auge davon? Fragen, die letztlich wohl erst mit der Halbjahresbilanz beantwortet werden können.

Erste Indizien liefern die Ergebnisse jedenfalls: Sowohl die Verkaufsquoten als auch die Umsätze liegen erheblich unter jenen vom Februar 2015. Bei Christie's spielten vier Sales gut 114 Millionen Pfund ein (2015: 170,8 Mio. Pfund), Kontrahent Sotheby's in drei Sitzungen 114,8 Millionen Pfund (2015: 212 Mio. Pfund). Auch die mit hochkarätigen Kunstwerken ausgestatteten Evening-Sales blieben unter den Erwartungen. Bei Christie's rutschte die Absatzquote auf 75 Prozent (2015: 88 Prozent), bei Sotheby's auf 71,7 Prozent (2015: 85 Prozent).

Immerhin darf man sich in der Bond Street drei neue Auktionsrekorde (u. a. Auguste Rodin, Bronze, 11,57 Mio. Pfund) und den Höchstwert der Woche an die Fahnen heften. Letzteren jedoch mit bitterem Beigeschmack: 18,85 Millionen Pfund (inklusive Aufgelds) war jener Wert, den ein Privatsammler für Pablo Picassos Tête de femme (1935) bewilligte. Bloß hatte der Verkäufer 2013 bei Sotheby's dafür 25,4 Millionen Pfund berappt.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Topzuschlag bei Christie's: 10,3 Millionen Pfund hatte Max Ernsts The Stolen Mirror (1941) 2011 erzielt, der höchste bislang für ein Werk des Surrealisten erzielte Auktionswert. Ausgestattet mit dem zugesicherten Gebot eines Investors ("third party") erteilte man ebendiesem den Zuschlag – bei 7,64 Millionen Pfund. Die hinter den Kulissen über Garantiemodelle genährte Parallelwelt fordert wieder einmal ihren Tribut. (kron, Album, 5.2.2016)

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