Die Rembrandt-Perlen

7. Februar 2016, 12:00
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In einem 160-Millionen-Euro-Deal erwarben das Rijksmuseum und der Louvre gemeinsam ein Gemäldepaar Rembrandts. Eine vertragliche Scheidung ohne physische Trennung

Sensationelle Kunstmarktdeals griffen Chronisten bereits im 19. Jahrhundert auf: "Die bekannte Sammlung van Loon in Amsterdam ist vor einigen Tagen an Rothschild in Paris für den Preis von 1,600.000 fl. Verkauft worden", berichtete die österreichische Tageszeitung Das Vaterland (1860-1911) am 27. August 1877. "Die beiden Perlen der Sammlung waren die lebensgroßen Bildnisse des jungen Ehepaares Day, in ganzen, reich in schwarze Seidenstoffe gekleideten Figuren, zwei herrliche Meisterwerke von Rembrandts Hand".

Die Kollektion umfasste etwa 80 Werke holländischer Meister, lediglich die klassischen Landschaftsmaler waren spärlich vertreten. "Die gezahlte Summe von etwa drei Millionen Mark" erachtete man als "eine exorbitante", zumal es sich bei den "Rembrandts" um Werke "aus der frühen Zeit des Meisters" handelte, "die bisher stets niedriger geachtet und gezahlt wurden". Ein interessantes Detail am Rande: Die niederländische Regierung war Mitbewerberin und hatte "die Summe von 1,400.000 fl. geboten, durch welche jede Concurenz ausgeschlossen schien". Der Handel galt schon als finalisiert, als Alphonse Rothschild sein Angebot telegrafisch um 200.000 Gulden erhöhte. Vertreter der Amsterdamer Patrizierfamilie Van Loon, die gerade in Bad Ischl zur Kur weilten, dürften sich jedenfalls die Hände gerieben haben.

Fast 140 Jahre später startete vor einigen Monaten neuerlich ein Match zwischen Amsterdam und Paris, das sich fast zu einem Politikum auswuchs. Im Mittelpunkt standen die beiden erwähnten "Rembrandt-Perlen", die zuletzt 1956 in einer Ausstellung öffentlich zu sehen waren. Damals wurden die Dargestellten übrigens als Marten Soolmans und Oopjen Coppit identifiziert.

Die Pendants gelten als die größten Ganzfigurenporträts, die Rembrandt je schuf, und sie entstanden im zeitlichen Umfeld der Hochzeit des Paares 1633. Darauf verweist nicht nur die Datierung des Herrenporträts 1634, sondern auch die Symbolik: konkret die Geste, mit der Marten "seiner" Oopjen den Handschuh reicht. Zu verstehen als vertragliche Besiegelung des Eheversprechens, bei der das Bestimmungsrecht über die Braut vom Vater auf den Bräutigam übertragen wird.

Monatelanges Tauziehen

Im Frühjahr 2013 zog Eric de Rothschild einen Verkauf in Erwägung und kontaktierte den Louvre, wo man den geforderten Preis von 160 Mio. Euro als überteuert abqualifizierte. Die anschließend erteilte Ausfuhrgenehmigung sorgte für heftige Diskussionen in Frankreich. Denn das Amsterdamer Rijksmuseum hatte sich mit Unterstützung der holländischen Regierung bereits in Stellung gebracht: 120 der 160 Mio. Euro wollte das Museum im Falle des Erwerbs selbst aufbringen.

Die Proteste in Frankreich ließen nicht lange auf sich warten und mit der Banque de France fand sich ein Teilfinanzier. Im Spätherbst 2015 einigten sich Frankreichs Präsident Hollande und der niederländische Kulturminister Bussemaker auf einen gemeinsamen Ankauf. Der Abschluss des von Christie's begleiteten Deals erfolgte offiziell Anfang der Woche. Dazu musste aufgrund der französischen Gesetzgebung, wonach ein gemeinsamer Erwerb illegal wäre, eine juristische Hürde genommen werden.

Dem Vertrag zufolge erwarb Amsterdam das Porträt des Bräutigams und Paris jenes der Braut. Damit ist die Scheidung amtlich, nicht aber die Trennung. Denn laut der Vereinbarung werden Marten Soolmans und Oopjen Coppit immer nur gemeinsam öffentlich zu sehen sein, wechselweise im Rijksmuseum und im Louvre, und zwar ausschließlich in diesen beiden Museen, da eine Teilnahme an anderen Ausstellungen explizit untersagt ist. (Olga Kronsteiner, Album, 7.2.2016)

  • Bräutigam Marten reicht seiner Braut Oopjen den Handschuh, ein Symbol für die vertragliche Besiegelung des Eheversprechens.
    foto: christie’s

    Bräutigam Marten reicht seiner Braut Oopjen den Handschuh, ein Symbol für die vertragliche Besiegelung des Eheversprechens.

  • Über einen gemeinsamen Ankauf werden die um 1643 von Rembrandt gemalten Pendants künftig wechselweise im Louvre und im  Rijksmuseum zu  sehen sein.
    foto: christie’s

    Über einen gemeinsamen Ankauf werden die um 1643 von Rembrandt gemalten Pendants künftig wechselweise im Louvre und im Rijksmuseum zu sehen sein.

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