Hinweise auf ungeahnten eiszeitlichen Bevölkerungswandel

4. Februar 2016, 18:47
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Europas Besiedlungsgeschichte wird noch komplexer: Forscher verglichen mitochondriale DNA von 35.000 bis 7.000 Jahre alten Jägern und Sammlern

Jena/Wien – Im Jänner präsentierte ein Forscherteam mit Wiener Beteiligung neue Erkenntnisse zu Ötzi. Die Analyse seiner für Europäer untypischen Magenbakterien wies darauf hin, dass es nach der Ära des Eismannes bislang unbekannte, überraschend späte Migrationsströme von Afrika nach Europa gegeben haben muss. Diese brachten die heute auf unserem Kontinent verbreitetsten Magenbakterien mit sich.

Das war vor gut 5.000 Jahren. Deutlich weiter geht eine Studie zurück, die nun im Fachmagazin "Current Biology" erschienen ist und die die Geschichte der Besiedlung unseres Kontinents noch komplexer erscheinen lässt. Offenbar kam es am Ende der letzten Kaltzeit zu einem tiefgreifenden Bevölkerungswandel.

Wellen der Einwanderung

Die Nachfahren des Homo erectus, der ersten Menschenart, die in die Welt hinauszog, lebten seit mindestens 600.000 Jahren in Europa. Ihr letzter Vertreter war der Neandertaler. Homo sapiens traf erst vor etwas über 40.000 Jahren auf unserem Kontinent ein. Menschliche Fossilien aus dieser Pionierzeit wurden nun für Erbgutanalysen herangezogen und mit solchen aus wesentlich jüngerer Zeit verglichen.

Insgesamt untersuchte das internationale Forscherteam die Überreste von 35 steinzeitlichen Jägern und Sammlern aus sechs verschiedenen Ländern mit einer Altersspanne von 35.000 bis 7.000 Jahren. Herangezogen wurde dafür die mitochondriale DNA, die mütterlicherseits vererbt wird.

Die Analyse bescherte dem Team unter Leitung von Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte eine Überraschung: Die ältesten Europäer gehörten nämlich der sogenannten Haplogruppe M an, einem Genotyp, der heute in Europa fast überhaupt nicht mehr anzutreffen ist.

Auf dem Höhepunkt der letzten Kaltzeit wurden diese frühen Menschen an die südlichen Ränder Europas zurückgedrängt. Als es wieder wärmer wurde, konnten sie sich aber offenbar nicht mehr ausbreiten, sondern wurden von Menschen einer anderen Abstammungslinie ersetzt. Dieser fundamentale Bevölkerungswandel muss sich vor etwa 14.500 Jahren ereignet haben, so die Forscher. Der Ursprung dieser bislang unbekannten Welle soll Gegenstand künftiger Forschungen sein. (jdo, 5.2.2016)

  • 35 menschliche Fossilien quer durch Europa sind für die Studie untersucht worden: Etwa aus der tschechischen Fundstätte Dolní Věstonice (oben) oder aus Rueil-Malmaison in Frankreich (unten).
    foto: martin frouz

    35 menschliche Fossilien quer durch Europa sind für die Studie untersucht worden: Etwa aus der tschechischen Fundstätte Dolní Věstonice (oben) oder aus Rueil-Malmaison in Frankreich (unten).

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