Die Unis funktionieren wie im 18. Jahrhundert

Kommentar der anderen3. Februar 2016, 17:15
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Wenn die öffentlichen Universitäten die Zeichen der Zeit nicht erkennen, werden private Unternehmen wie Google, Apple und Co ihren Platz einnehmen und die Hochschulen in ihrer gesellschaftlichen Wirkungsmacht verdrängen – ein Weckruf

Wie einst die schlesischen Weber die industrielle Revolution nicht aufhalten konnten, so wenig können wir das bei den Veränderungen unserer Arbeitswelt durch Digitalisierung und Automatisierung. Roboter und Algorithmen werden künftig Tätigkeiten von Industriearbeitern und Handelsangestellten, von Buchhaltern und Grafikdesignern, ja von Medizinern und Rechtsanwälten übernehmen. Und die Veränderungen durch Biotechnologie und Quantenphysik sind noch schwieriger fassbar.

Ernst zu nehmende Studien sprechen von 40 bis 50 Prozent Arbeitsplatzverlusten in den nächsten 20 Jahren. Fest steht: Diese Entwicklung ist nicht zu stoppen, und sie wird unsere Art zu leben massiv beeinflussen. Jammern hilft nichts. Ignorieren auch nicht. Wir müssen uns der Herausforderung stellen. Denn welch soziale und politische Sprengkraft es birgt, wenn etwa die Hälfte der Arbeitsplätze verschwindet, dazu bedarf es keiner allzu großen Fantasie. Die notwendige Erneuerung von Bildung und Arbeit stellt nichts weniger als eine Kulturaufgabe dar.

In einer von Digitalisierung geprägten Welt kann der Mensch nur durch kreative Denkprozesse gesellschaftliche und wirtschaftliche Gestaltungskraft erzielen. Die Änderungen müssen sich ähnlich drastisch gestalten wie jene im 18. Jahrhundert, als im Gleichklang zur ersten industriellen Revolution die allgemeine Schulpflicht in Europa eingeführt wurde.

Der technologische Fortschritt macht riesige Sprünge. Deshalb gibt es keine Zeit für kleine Schritte. Wir können es uns nicht mehr leisten, dass die zentralen Kulturtechniken für die Teilnahme an der Gesellschaft und Wirtschaft des 21. Jahrhunderts, die Creative Skills, nur "zufällig" vermittelt werden: nichtlineares Denken, Imaginationsfähigkeit, unkonventionelle Zusammenhänge herstellen, Vertrautes hinterfragen, neue Szenarien entwickeln. Wo finden sich diese Bildungsziele – außer an den Kunstuniversitäten? Unser Bildungs- und Wissenschaftssystem funktioniert im Wesentlichen noch immer nach den Prinzipien des Industriezeitalters des 18. und 19. Jahrhunderts: Anhäufung und Vermehrung von Wissen und in weiterer Folge intellektuelle Arbeitsteilung.

An den österreichischen Universitäten und Fachhochschulen werden derzeit mehr als 1600 Studienrichtungen gelehrt. Ein beeindruckendes Spektrum. Das Zusammenführen von Wissen aus unterschiedlichen Disziplinen steht jedoch nicht auf der akademischen Agenda. Im Gegenteil. Akademische Karrieren werden ausschließlich innerhalb von Disziplinen begründet und gefestigt. Disziplinen, die immer kleiner und immer mehr werden. 4000 sind es schon. Dort gibt es Punkte für Citation-Indices und Rankings.

Fragmentierung überall

Disziplinübergreifende Aktivitäten stellen Ausnahmen mit Feigenblattfunktion dar, in Lehre wie Forschung. Und die Scientific Community hat den Weg der Fragmentierung mittlerweile internalisiert; und zwar so sehr, dass Ansätze zu disziplinübergreifender Forschung, wie die "Grand Challenges"-Programme der EU, von Mitgliedern ebendieser Scientific Community öffentlich als Angriff auf die Freiheit der Wissenschaft interpretiert werden.

Die EU fordert eine Steigerung der Akademikerquote und setzt sich als höchstes Ziel des europäischen Hochschulwesens die "employability". Aber sind unsere Absolventinnen und Absolventen tatsächlich vorbereitet für eine Welt, in der alles mit allem zusammenhängt? In der die großen gesellschaftlichen Herausforderungen nur in transdisziplinärer und transkultureller Zusammenarbeit lösbar sind?

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Das Wissen von hochspezialisierten Wissenschafterinnen und Wissenschaftern ist unverzichtbar, ebenso wie Künstlerinnen und Künstler, die sich der autonomen Kunst widmen. Keine Transdisziplinarität ohne Expertise in Spezialdisziplinen.

Aber zusätzlich braucht die Welt dringend Menschen mit Creative Skills, Menschen, die fähig sind, Brücken zu errichten zwischen den Inseln der Spezialisierung. Und die Universitäten können nicht weiterhin einfach mehr vom Gleichen anbieten. Akademische Bildung für breite Bevölkerungsteile – und die brauchen wir! – kann nicht nach dem System universitärer Elitebildung angeboten werden.

Integrative Bildungsgänge und Berufsbilder sind gefragt, mit neuen Konzepten, jenseits von Multiple-Choice-Tests oder hippen Vorlesungsvideos. So wie der Aufschwung der Allgemeinbildung auf Ebene der Sekundarschulen im 20. Jahrhundert die Basis für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung bildete, so müssen der Erwerb und die Anwendung von Creative Skills und deren Verbindung mit Fachkompetenz und Empathie zum integrierten Teil unseres Gesellschafts-, Wirtschafts- und Bildungssystems werden: zur Kulturtechnik des 21. Jahrhunderts.

Wenn die öffentlichen Universitäten die Zeichen der Zeit nicht erkennen, werden private Unternehmen wie Google, Apple & Co ihren Platz einnehmen und die Universitäten in ihrer gesellschaftlichen Wirkungsmacht verdrängen.

Also: Eigentlich ist klar und erkennbar, was die nahe Zukunft bringt und was notwendig ist. Die neuen Formen von Arbeit und Einkommen führen uns in neue Felder gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Wertschöpfung. Und das wird – so paradox es klingen mag – der kulturellen Bildung, der Keimzelle der Creative Skills, und der Verschränkung von kultureller mit kognitiver Bildung einen zentralen Stellenwert in der Gesellschaft einbringen. (Gerald Bast, 3.2.2016)

Gerald Bast, geboren 1955, ist promovierter Jurist. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Oberösterreicher Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien.

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