Sigfried Held: "Der zweite Platz ist kein Trost"

Interview4. Februar 2016, 10:40
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Dortmund-Stürmer verdiente sich 1966 einen Namen als Schrecken englischer Mannschaften – doch im WM-Finale erlebte er gegen England seine größte Niederlage. Ein Gespräch über gesundes Selbstbewusstsein, harte Fouls und notwendige Fehlentscheidungen

"Das ist ja schon so lang her", sagt Sigfried Held, als er von der ballesterer-Interviewanfrage zur Weltmeisterschaft 1966 hört. Sei dazu nicht schon alles gesagt? Der ehemalige deutsche Nationalteamspieler gehört nicht zu den Fußballern, die über eigene Erfolge immer wieder bis ins kleinste Detail reden wollen. Held sagt hin und wieder einfach einmal: "Daran kann ich mich nicht mehr erinnern." Die Finalniederlage allerdings ist unvergessen.

ballesterer: Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie an die Weltmeisterschaft in England zurückdenken?

Sigfried Held: Eine WM-Teilnahme ist natürlich der Höhepunkt einer Sportlerkarriere, aber wenn man Zweiter wird, fühlt man sich trotzdem als Verlierer. Das ist so, damit muss man leben. Der zweite Platz ist kein Trost. Und es war einfach auch eine glatte Fehlentscheidung.

Sie meinen den Treffer von Geoff Hurst zum 3:2 im WM-Finale. Ob der Ball auf oder hinter der Linie war, darüber wird noch heute gestritten. Was haben Sie damals von der Szene mitbekommen?

Held: Als Stürmer bin ich ja weit weg gewesen, dann aber auch zum Linienrichter gelaufen. Sein Verhalten ist ganz untypisch dafür gewesen, dass auf Tor entschieden wird. Normalerweise läuft der Linienrichter zur Mittellinie, wenn er auf Tor entscheidet. In Wembley ist er aber einfach stehengeblieben und hat ein bisschen mit den Händen gewedelt. Der hat nicht gewusst, was er machen soll. Nach gefühlten fünf Minuten ist er sich dann plötzlich sicher gewesen. Aber er hätte sich ja gleich entscheiden – und dann laufen – müssen. Aber gut, das war halt so.

Waren Sie überrascht, dass Sie in den WM-Kader einberufen worden sind?

Held: Überrascht würde ich nicht sagen, ich habe mir darüber auch keine großen Gedanken gemacht. Als junger Mann ist man sehr ehrgeizig und will nach vorn kommen. Es war schön, dass ich eingeladen worden bin. Ich war ja in der Saison zuvor gerade aus der zweiten Liga von Kickers Offenbach in eine sehr gute Mannschaft gekommen. Borussia Dortmund war damals ein Spitzenteam.

In den Berichten zum Turnier werden die vielen Fouls erwähnt – insbesondere bei den Spielen von England und Deutschland gegen Uruguay und Argentinien. Haben Sie das auch so wahrgenommen?

Held: Ja, die Südamerikaner haben ein anderes Verständnis von Härte gehabt. Ich weiß nicht, wie die Schiedsrichter ausgebildet worden sind, aber die Regeln sind sehr unterschiedlich ausgelegt worden. Damals war auch noch viel mehr erlaubt. Nach dem Turnier hat es ja geheißen, dass es Verständigungsprobleme gegeben habe, als ein Südamerikaner vom Platz gestellt werden sollte – der hat das nicht verstanden oder wollte es vielleicht auch nicht verstehen. Das hat man dann vereinfacht mit den Karten. Heute gibt es ganz schnell Gelb oder Rot, damals hat man lange warten müssen, bis etwas passiert – und dann am ehesten wegen Schiedsrichterbeleidigungen. Aber gegen die Spieler ist ganz anders zugelangt worden.

Ist Ihnen als Stürmer das Leben besonders schwer gemacht worden?

Held: Ja, da hat man hellwach sein müssen – sonst hatte man Schmerzen.

Und dann durfte man nicht ausgewechselt werden.

Held: Das waren halt die Regeln. Man geht ja nicht mit dem Gedanken an eine Verletzung ins Spiel. Wenn dann doch etwas war, ist man halt als Statist irgendwo am Flügel herumgehumpelt. Außer beim Beinbruch, da musste man dann wirklich runter.

Ist es etwas Besonderes gewesen, in England und gegen englische Teams zu spielen?

Held: Die Stadien sind für ihre tolle Stimmung bekannt gewesen, das waren damals schon reine Fußballstadien, insofern hat einen das schon gereizt. Heute ist das ja anders, da fahren die Engländer nach Deutschland, um ins Stadion zu gehen. Mit der Nationalmannschaft bei der WM dort zu spielen, ist noch einmal eine Nummer größer gewesen als der Europacup. Aber eine konkrete Erinnerung an die Stimmung im Stadion habe ich nicht. Wir wollten gewinnen, alles andere waren Randerscheinungen.

Wie war die Stimmung in der Mannschaft vor dem Turnier?

Held: Wir sind nicht als Favorit hingefahren, haben aber ein gesundes Selbstbewusstsein gehabt. Ich weiß nicht, wie das bei den anderen war, aber ich bin sowieso immer davon ausgegangen, dass ich gewinne. Da musste man mir das Gegenteil erst beweisen.

Auch im Finale? Gegen England hatte Deutschland ja noch nie gewonnen.

Held: Wir haben nicht viel darüber gesprochen, das macht ja jeder mit sich selbst aus. Ich war optimistisch, und ich gehe davon aus, dass es bei meinen Mitspielern auch so war. Wir haben die Spiele der Engländer im Fernsehen gesehen und hatten im Februar nur knapp gegen sie verloren.

Wie sind Sie hinterher mit der Niederlage umgegangen?

Held: Ich war maßlos enttäuscht. Wir haben die Medaillen bekommen und der Königin die Hand geschüttelt, aber das kriegt man gar nicht mehr mit. Es überwiegt einfach die Enttäuschung.

Haben Sie nach dem Turnier darüber nachgedacht, ins Ausland zu wechseln?

Held: In Italien hat es nach dem Ausscheiden in der Vorrunde 1966 eine Ausländersperre gegeben, insofern hat sich die Frage nicht gestellt. Wenn ich mich damals hätte verbessern wollen, wäre das das Land gewesen, in das ich hätte gehen können. In England haben damals nur sehr wenige Nichtbriten gespielt.

Sind Sie noch in Kontakt mit den ehemaligen Kollegen, auch den englischen?

Held: Es gibt ja einen "Club der Nationalspieler", den der DFB gelegentlich zu Länderspielen einlädt. Ab und zu sehe ich ehemalige Kollegen auch bei Bundesliga-Spielen, das ist immer schön. Wir sind auch einmal zu einem Jubiläum nach England eingeladen worden. Die hatten ja bisher nicht so viel zu feiern, das werden sie sicher auch dieses Jahr begehen. In Deutschland ist das ja eine andere Sache, da hat es nach 1966 doch sehr viele Erfolge gegeben.

Als Sie 1972 in Wembley gespielt haben, ist die WM noch in Ihrem Kopf gewesen?

Held: Nein, 1966 ist schon wieder weit weg gewesen. Man denkt nicht mehr an das Vergangene, das ist eine neue Aufgabe. Ich war damals ja Zweitligaspieler bei Kickers Offenbach, und bei der EM-Finalrunde habe ich zeitgleich mit meinem Verein in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga gespielt. Die Termine haben einfach kollidiert. Für mich war klar, dass ich dort spielen werde, weil wir das ganze Jahr um diesen Aufstieg gekämpft haben. Außerdem war der Verein mein Arbeitgeber, für den DFB war das auch eine Selbstverständlichkeit. Ich habe halt Pech gehabt. Zweitligafußballer waren im Nationalteam nicht vorgesehen.

Am Ende noch eine Frage zum dritten Tor: Können Sie die Romantiker verstehen, die Torlinientechnik ablehnen, weil man ja immer noch so schön über das Wembley-Tor streiten kann?

Held: Ich weiß nicht, ob sich der Aufwand dieser Technik wirklich lohnt. Sicher, in unserem Fall ist das nicht schön gewesen, aber wie oft kommt so etwas vor? Vielleicht muss man mit Fehlentscheidungen einfach leben. (4.2.2016, Nicole Selmer)

Sigfried Held (73) spielte 41-mal für das westdeutsche Nationalteam und schoss fünf Tore. In der deutschen Bundesliga war der Offensivspieler für Borussia Dortmund und Kickers Offenbach aktiv. Als Trainer betreute er den FC Schalke 04 und Admira Wacker, aber auch die Nationalteams von Island und Malta. Seit 2007 ist Held Fanbeauftragter bei Borussia Dortmund.

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