Kritik an Musikvideos: Jugend sieht zu häufig Alkohol und Tabak

9. Februar 2016, 08:00
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Britische Psychologin fordert Beschränkungen für Youtube-Musikvideos, die Alkohol- und Zigarettenkonsum zeigen

Nottingham – Hat die Darstellung von Tabak und Alkohol in Unterhaltungsmedien einen Einfluss auf das Rauch- und Trinkverhalten der Bevölkerung? Bisherige Forschungen sprechen dafür. Allerdings wurden bislang vor allem Filme und Werbungen analysiert. Eine Arbeitsgruppe der Universität Nottingham durchforstete nun Youtube-Musikvideos nach diversen Inhalten und ermittelte deren nationale Reichweite.

In einer repräsentativen Fragebogenstudie mit mehr als 4.000 britischen Jugendlichen und Erwachsenen wurde erhoben, wie viele Personen Musikclips gesehen hatten, in denen getrunken und geraucht wurde. Die 32 Videos wurden danach ausgewählt, welche Chartsplatzierung das Lied im Vereinigten Königreich in einem festgelegten Zeitraum erreicht hatte, und ob in Bildern bzw. Texten auf das Rauchen, Trinken oder einschlägige Markennamen hingewiesen wurde.

Dafür zerlegten die Forscher die Videos in Intervalle von jeweils zehn Sekunden – um zu schätzen, wie häufig die Genussmittel erwähnt werden. Diese "Eindrücke" wurden auf die britische Bevölkerung hochgerechnet. Das Ergebnis: Sechs Prozent der Erwachsenen hatten die Musikclips gesehen, was durchschnittlich drei Tabak- und 14 Alkoholreferenzen pro Kopf in der gesamten Bevölkerung entspricht.

Musikvideos mit hohem Alkoholgehalt

Wesentlich höher lagen die Werte bei der Gruppe der elf- bis 18-Jährigen. 22 Prozent der Jugendlichen kannten die Videos. Das entspricht landesweit insgesamt elf Tabak- und fünfmal so vielen Alkoholeindrücken pro Kopf. Dabei ist noch nicht eingerechnet, dass manche die Videos mehr als einmal angesehen haben.

Angenommen, der Musikvideokonsum in Österreich wäre mit dem in Großbritannien vergleichbar, dann hätten rund 154.000 Jugendliche die Videos gesehen. Inklusive 7,2 Millionen Tabak- und 35,8 Millionen Alkoholerwähnungen insgesamt. Bei den entsprechenden 470.000 Erwachsenen käme man sogar auf 22 Millionen "Rauchkontakte" und 110 Millionen Alkoholeindrücke.

"Musikvideos sind bei jüngerem Publikum beliebter, entsprechend erreichen diese Eindrücke pro Kopf fast viermal mehr Jugendliche als Erwachsene", schreibt die Psychologin und Studienautorin Jo Cranwell im Journal of Epidemiology and Community Health. Am stärksten ist die Altersgruppe der 13- bis 15-Jährigen betroffen. Außerdem wurde ein Geschlechterunterschied festgestellt: Die pro-Kopf-Eindrücke waren bei Mädchen mit 65 Alkohol- und 13 Tabakdarstellungen deutlich höher als bei Buben, bei denen die Werte bei 39 bzw. acht lagen.

Stärkere Kontrolle gefordert

Bezahlte Produktplatzierung und Werbung seien in Großbritannien zwar für Zigaretten und Co verboten, doch betreffe dies keine im Ausland produzierten Videos, kritisiert Cranwell. In Bezug auf Alkoholwerbung gibt es wie in Österreich einen freiwilligen Verhaltenskodex, im Rahmen dessen sich Konzerne gegen die verharmlosende Darstellung von exzessivem Konsum aussprechen. Nichtsdestotrotz schließen manche Alkoholmarken Verträge mit Künstlern ab, damit diese sich mit ihren Produkten abbilden lassen.

Die britische Regierung hat bereits im vorigen Jahr Maßnahmen gegen Musikvideos gesetzt, die sie für nicht altersgemäß hält. Musikkonzerne sollen laut BBC neue Videos an das British Board of Film Classification senden, bevor sie auf Plattformen wie Youtube und Vevo hochgeladen werden, damit die Filme mit einer Altersfreigabe gekennzeichnet werden. Unangebrachte Inhalte betreffen allerdings eher Gewaltdarstellungen als das Zeigen von Alkohol- und Zigarettenkonsum oder die Erwähnung im Liedtext. "Übermäßig positive Darstellungen von Alkohol und Tabak in Musikvideos sollten jedoch in die Freigabekategorien 'Drogenmissbrauch' und 'als sicher dargestelltes gefährliches Verhalten' fallen", schlagen Cranwell und ihr Team vor.

Für ein generelles Rauchverbot in Filmen hat sich kürzlich auch die WHO ausgesprochen. Der Disney-Konzern möchte im Einklang dazu die bereits formell festgesetzte Regelung gegen Tabakkonsum in den eigenen Filmen konsequenter durchsetzen. Dies betrifft mit den Marken Lucasfilm und Marvel auch Produktionen für ältere Zielgruppen. (sic, 9.2.2016)

  • Manche Alkoholmarken schließen Verträge mit Künstlern ab, damit diese sich mit ihren Produkten zeigen. Psychologen befürchten eine negative Vorbildwirkung auf die Jugend.
    foto: apa/dpa/florian gaertner

    Manche Alkoholmarken schließen Verträge mit Künstlern ab, damit diese sich mit ihren Produkten zeigen. Psychologen befürchten eine negative Vorbildwirkung auf die Jugend.

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