Grüße ausrichten

4. Februar 2016, 15:19
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foto: ap / rich pedroncelli

Pro
von Christian Schachinger

Wenn man heute eine private Nachricht auf Facebook nicht innerhalb von zehn Minuten beantwortet oder einen Beitrag in der eigenen Chronik nicht zulässt, in dem man markiert wurde, erhält man eine SMS: "Ist eh alles in Ordnung? Ruf. Mich. An."

Reagiert man auch darauf nicht, erhält man Anfragen von Freunden, ob eh alles in Ordnung sei. Der Franz habe sich besorgt bei ihnen gemeldet. Er könne einen nicht erreichen, obwohl er das seit Tagen versuche.

Dazu muss man sagen, dass man grundsätzlich nichts gegen einen Franz hat. Es gibt sogar Fränze, die man wirklich sehr gern mag. Nur nicht grad jetzt. Weil einem fünf "personal messages" pro Stunde über Befindlichkeiten wie "Mir is fad im Büro – und dir?" etwas zu viel geworden sind.

Man muss den Franz also von der Gesprächsbasis her mittels Schweigens etwas umtopfen. Vielleicht bleibt der Franz ja bei einem jener Leute hängen, bei denen er sich jetzt besorgt nach einem erkundigt hat. Im Übrigen lässt man den Franz schön grüßen. Was für eine entzückende alte Kulturtechnik.

Kontra
von Daniela Rom

Da plaudert und smalltalkt man sich gemütlich durch den Abend, redet mit Fremden übers Wetter und den Job: "Ach, Sie arbeiten mit Herrn X. Den hab ich ewig nicht gesehen. Richten Sie ihm liebe Grüße aus."

Und was soll passieren, wenn nicht? Wird der aktuelle Gesprächspartner nachfragen? Und wenn, ja was dann? Dem Grußempfänger geht nichts ab, wenn er nichts von den Grüßen weiß.

Vor allem, wenn man vom Begrüßten etwas braucht, kommen die ausgerichteten "lieben Grüße von Ihrer Tante Mitzi, die wohnt mit meiner Oma im Altersheim" ohnehin komisch an.

Automatisch stellt sich der Gegrüßte die Frage: "Was haben die über mich geredet? Hat die Mitzi erzählt, wie ich ihr als Kind 20 Schilling gefladert hab? Ach, die Tante Mitzi sollt' ich mal wieder besuchen." Im Kopf ist er schon im Altersheim oder in seiner Kindheit, aber sicher nicht mehr am Verhandlungstisch. Ausrichten kann man ein Fest oder den nervigen Kollegen. Doch Grüße sollten bleiben, wo sie hingehören: ans Ende eines Briefes oder auf eine Postkarte aus Rimini. (RONDO, 5.2.2016)

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