Es sind ja nur Kinder

Blog3. Februar 2016, 15:25
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Man mag zweifeln, ob die von Europol genannte Zahl von 10.000 verschwundenen Kindern richtig ist. Die Tatsache an sich aber ist skandalös und müsste Europas Politiker aufscheuchen

Eher zurückhaltend nahmen die deutschsprachigen Medien die Meldung von Europol auf, dass mindestens 10.000 Kinder und Jugendliche auf ihrem Fluchtweg nach Europa als vermisst gelten. Das mag daran liegen, dass Europol-Aussagen aufgrund der inneren Struktur dieser Organisation eher mit Vorsicht zu genießen sind.

Die europäische Polizeibehörde mit Sitz in Den Haag dient per definitionem der Unterstützung und Koordinierung der nationalen Polizeibehörden in Sachen organisierte Kriminalität und dem gegenseitigen Informationsaustausch. Sie stützt sich fast ausschließlich auf Daten, die sie aus den Mitgliedsländern bekommt. Eigenerhebungen und Vergleichbarkeit sind da eher nicht so das Thema.

Zudem hat Europol selbst relativiert: Das Verschwinden der 10.000 Kinder bedeute nicht, dass alle Opfer von Menschenhändlern geworden seien. Viele seien nach ihrer Registrierung durch die Behörden "wahrscheinlich" bei Verwandten untergekommen. Im Bericht fehlen Zahlen zu Deutschland und Österreich.

Potenziell gefährdet

Dennoch muss man ernst nehmen, dass die Behörde herausstreicht, dass es sich bei den 10.000 um eine "vorsichtige Schätzung" handle und tausende Kinder als schutzlos und potenziell "gefährdet" anzusehen sind. Das ist nämlich genau der Punkt, um den es geht. Und hier ist Zurückhaltung wahrlich nicht angebracht: Unter jener einen Million Flüchtlinge, die im Vorjahr über halsbrecherische Routen nach Europa kamen, waren 270.000 Kinder und Jugendliche. Viele von ihnen kamen unbegleitet, ihre Unterbringung war und ist ein Thema, genauso wie ihre Integration.

Immer wieder ist zu hören und zu lesen, wie schwierig das sei. Immerhin hätten diese jungen Leute auf ihrer Flucht einiges erlebt, man könne sie nicht mit "normalen" Maßstäben messen und dürfe auf jeden Fall mehr von ihnen verlangen als von anderen Gleichaltrigen – Stichwort "erwachsen genug", "schlau genug, allein nach Europa zu kommen". Das Mitleid mit ihnen hält sich zunehmend in Grenzen.

Nicht im Wald versteckt

Dem gegenüber steht: Es sind immer noch Kinder. Kinder, die Schreckliches erlebt haben – und vielleicht noch immer erleben. Europol schreibt in seinem Bericht, der Behörde lägen Informationen vor, dass jene Kriminellen, die zunächst als Schlepper und Menschenhändler von den Flüchtlingen profitiert hätten, nun auch versuchten, die Flüchtlinge de facto zu versklaven oder sexuell auszubeuten. Die Öffentlichkeit müsse davon ausgehen, dass die verschwundenen Kinder nicht "irgendwo im Wald versteckt" würden, sondern "unter unseren Augen" lebten. Das bedeute, alle müssten wachsam sein, um möglicherweise ausgebeutete Kinder zu entdecken.

Nach diesem Appell müsste eigentlich ein Aufschrei durch die Jugendschutzbehörden dieses Kontinents gehen. Es müssten die größtmöglichen Anstrengungen unternommen werden, dass die verschwundenen Kinder gefunden werden. Und dass jene, die noch auffindbar sind, endlich entsprechend geschützt werden vor sexueller Belästigung oder gar Missbrauch.

Zweierlei Maß

Das ist sicher nicht der Fall in Turnhallen und anderen Massenquartieren, wo es zu wenige (getrennte) Duschräume gibt und auch sonst kaum Privatsphäre. Orkanartig müssten die Jugendschutzverantwortlichen der Länder über die Bürgermeister kommen, die sich nach wie vor weigern, "Unbegleitete" in "ihren" Orten aufzunehmen. Die Familien- und Jugendminister Europas müssten längst zusammensitzen und fieberhaft nach Lösungen suchen.

Aber nein, es ist wieder die alte Geschichte: Als schutzbedürftig gelten dieser Tage primär österreichische Frauen und Mädchen, die vor den praktisch schon als Alltag herbeigeschriebenen Übergriffen durch fremde Männer bewahrt werden müssten. Dass auch ein 16-jähriger Afghane schutzlos gegenüber Ausbeutung und Missbrauch jeglicher Art sein kann, interessiert im Menschenrechtseuropa schon viel weniger. (Petra Stuiber, 3.2.2016)

  • Soldaten tragen im Oktober 2015 ein bewusstloses Kind über die Grenze in Spielfeld. Geflüchtete Kinder brauchen nicht nur akut, sondern nachhaltig Schutz.
    apa/scheriau

    Soldaten tragen im Oktober 2015 ein bewusstloses Kind über die Grenze in Spielfeld. Geflüchtete Kinder brauchen nicht nur akut, sondern nachhaltig Schutz.

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