Arbeitsmarkt: Wieso Deutschland Österreich klar abhängt

1. Februar 2016, 18:38
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Mehr Migranten aus den neuen EU-Ländern sind am österreichischen Arbeitsmarkt untergekommen, mehr Ältere auf Jobsuche

Der österreichische Arbeitsmarkt gibt Ökonomen seit einiger Zeit Rätsel auf. Dabei geht es nicht um die vielen schlechten Meldungen, die vom Arbeitsmarktservice AMS kommen. Was die Wissenschafter verblüfft, ist im Gegenteil die Tatsache, dass vom Jobmarkt auch nach wie vor gute Nachrichten eintreffen.

In Österreich steigt nämlich nicht nur die Arbeitslosenquote stetig an, sondern auch die Zahl der Beschäftigten. Allein seit Ende 2012 wurden im Land rund 80.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Die Zahl der unselbstständig Beschäftigten ist um knapp mehr als zwei Prozent angestiegen. Das ist zwar nicht besonders viel, aber aus Sicht der Ökonomen ist dieser Wert doch rätselhaft hoch, wenn man bedenkt, dass das Wirtschaftswachstum in den vergangenen drei Jahren in Österreich immer unter einem Prozentpunkt lag, zum Teil sogar ziemlich deutlich darunter. Studien zu dieser Entwicklung gibt es noch nicht. Die Umverteilung von Arbeitszeit, also der Abbau klassischer 40-Stunden-Jobs zugunsten von Teilzeitstellen, ist wohl eine Erklärung für das Phänomen.

Umverteilung von Zeit

Der Ökonom Stefan Schiman vom Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo macht noch auf ein interessantes Detail aufmerksam: Die Zahl der Erwerbstätigen, also der selbstständig wie unselbstständig Beschäftigen in Österreich, entwickelt sich seit 2008 nahezu identisch mit jener in Deutschland (siehe Grafik). Das ist umso erstaunlicher, als die Konjunktur in Deutschland brummt. In Österreich lag das Wachstum im vergangenen Jahr bei 0,9 Prozent, in der Bundesrepublik waren es 1,7 Prozent. Dass die Entwicklung bei den Erwerbstätigen dennoch identisch verläuft, liegt daran, dass in Deutschland eine Umverteilung am Arbeitsmarkt im Gang ist. Viele geringfügig Beschäftigte und Arbeitslose mit einem Minijob konnten in den vergangenen Jahren in ein klassisches Beschäftigungsverhältnis wechseln, heißt es bei der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Dadurch steigt die Zahl der gearbeiteten Stunden an – nicht aber die Zahl der Erwerbstätigen.

Während die Beschäftigung also in beiden Staaten steigt, entwickeln sich die Arbeitslosenzahlen völlig konträr. Die Arbeitslosenquote in Österreich lag im Jänner bei 10,9 Prozent, in Deutschland waren es ebenfalls nach nationaler Definition zuletzt nur 6,4 Prozent. Deutschland hat Österreich den Rang als Europas Musterschüler abgenommen.

Unterschiedliche Entwicklung

Laut dem Wifo-Ökonomen Schiman gibt es für diese unterschiedliche Entwicklung zwei Ursachen. In Österreich wurde es Arbeitnehmern deutlich erschwert, in Frühpension zu gehen – während Deutschland seine Bestimmungen gelockert hat ("Rente mit 63"). Das restriktivere System führt in Österreich dazu, dass die Zahl der älteren Arbeitslosen zuletzt stark gestiegen ist.

Hinzu kommt die Migration: 220.000 Menschen aus den neuen EU-Mitgliedsländern in Osteuropa sind laut AMS in Österreich beschäftigt. In Deutschland gibt es laut Bundesagentur weniger als eine Million Arbeitnehmer aus den neuen EU-Ländern. Dabei ist der deutsche Arbeitsmarkt zehnmal größer als jener Österreichs.

Die gute Nachricht lautet also aus heimischer Sicht: Österreichs Unternehmen haben nie aufgehört, neue Jobs zu schaffen – allerdings bei weitem nicht genug angesichts der Nachfrage. (András Szigetvari, 2.2.2016)

  • Wer Österreich Richtung Deutschland verlässt, findet den Arbeitsmarkt in besserer Verfassung vor.
    foto: stefan puchner

    Wer Österreich Richtung Deutschland verlässt, findet den Arbeitsmarkt in besserer Verfassung vor.

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