Reifeprüfung eines unreifen Systems

Kommentar1. Februar 2016, 18:04
263 Postings

Die Zentralmatura hat ein paar unbequeme Wahrheiten über die Schulen aufgezeigt

Es war eine Premiere, nach der wohlwollend applaudiert wurde, weil es keine großen Katastrophen über die Zentralmatura zu berichten gab. Motto: Gut is' gangen, nix is' g'schehn? Nun, nicht ganz, wie ein genauerer Blick zeigt. Auf der Hinterbühne der neuen Reifeprüfung gab es doch einige Zwischenfälle, die höchst aufklärungsbedürftig sind: unerwartete Geschlechterunterschiede, große regionale Differenzen und teilweise enorme Leistungslücken zwischen den achtjährigen AHS und den vierjährigen Oberstufenrealgymnasien (ORGs).

Viel Stoff für Analysen. Eigentlich. Denn ärgerlicherweise begnügt sich das Bildungsministerium mit den "schönen" Zahlen, die durch doch seltsam leistungssteigernde "Kompensationsprüfungen", mit denen ein schriftlicher Fünfer getilgt werden konnte, erreicht wurden. Die irritierenden Ergebnisse des "ersten Akts", der schriftlichen Klausuren, werden unverständlicherweise quasi zu einem Randdetail kleingeredet. Verschleierung jedoch hilft niemandem, sie untergräbt nur das Vertrauen der Schülerinnen und Schüler, ihrer Eltern sowie der Lehrerinnen und Lehrer in die neue Reifeprüfung.

Hinschauen ist nötig, und dann Maßnahmen setzen. Nicht alles, was im Durchschnitt eh ganz okay ist, ist auch wirklich gut.

Dass etwa die Mädchen in Englisch entgegen allen sonstigen Studien, wo sie besser abschneiden, bei der schriftlichen Zentralmatura plötzlich deutlich hinter den Buben liegen, ist nicht deswegen skandalös, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Die bisherige Variante, wonach Buben halt nicht so gut Englisch können, ist genauso inakzeptabel und aufklärungsbedürftig. Ganz zu schweigen von Mathematik, wo das Muster "Buben besser als Mädchen" seit Jahrzehnten tradiert wird.

Der völlig unerwartete Geschlechtertausch in Englisch zeigt einen blinden Fleck im Schulsystem auf. Dieses schafft es ganz offenkundig nicht, Buben und Mädchen gleichermaßen mit Wissen zu versorgen, mal zulasten der Buben, mal zulasten der Mädchen. Warum das so ist, darüber muss man nachdenken. Zumindest hat die Zentralmatura den Blick auf die vernachlässigte Gender-Dimension gelenkt.

Die großen Leistungsunterschiede zwischen den Bundesländern sind ebenfalls befremdlich und nicht selbsterklärend. Hier könnte wohl ein Blick auf Unterrichtspraxen und Lehreraus- und -fortbildung sinnvoll sein.

Von gesellschaftspolitischer Brisanz sind die Unterschiede zwischen AHS-Langform und Oberstufenrealgymnasium. Die ORGs sollen ja Kindern aus Haupt- und Neuen Mittelschulen – üblicherweise nicht das klassische, saturierte Akademikermilieu, das punktgenau an die Uni segelt – auch einen allgemeinbildenden Weg zur Matura ermöglichen. Jetzt zeigt sich, dass für diese Jugendlichen zumindest in einigen ORGs die Chancen deutlich schlechter sind, die Anforderungen der Zentralmatura zu erfüllen. Leistungsnivellierung kann ja wohl nicht die Antwort sein, wenn man die Matura nicht zu einer Alibihandlung degradieren will, zumal sie noch immer das wichtigste Eintrittsticket für die Hochschulen ist. Ohne Gegenmaßnahmen aber laufen die ORGs Gefahr, ein leeres Versprechen zu werden.

Ist die Zentralmatura also gescheitert? Nein, sie hat nur ein paar unbequeme Wahrheiten über unser Schulsystem ans Licht gebracht und Schieflagen, Diskriminierungen, Funktionsfehler und Ungerechtigkeiten aufgezeigt. Schon dafür hat sie "bestanden". (Lisa Nimmervoll, 1.2.2016)

  • Artikelbild
    foto: cremer
Share if you care.