Ein Dutzend echte "Problemfälle" bei der Zentralmatura

1. Februar 2016, 18:05
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Das Bildungsministerium weist Kritik an auffälligen Zentralmaturaergebnissen als nicht aussagekräftig und überzogen zurück. Den Gender-Gap werde man untersuchen, bei den Oberstufenrealgymnasien gebe es ein paar Ausreißer

Wien – Die Grünen verlangen von Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) Aufklärung über Geschlechterunterschiede, regionale Differenzen und zum Teil große Leistungslücken zwischen den AHS-Formen bei der Zentralmatura 2015. Bildungssprecher Harald Walser reagiert mit einer parlamentarischen Anfrage auf einen STANDARD-Bericht, wonach zum Beispiel in Englisch die Mädchen, die laut dem Salzburger Bildungsforscher Günter Haider sonst "in jeder Studie der westlichen Welt in Englisch durchwegs besser abschneiden", jetzt bei der schriftlichen Matura zu 6,9 Prozent Fünfer geschrieben haben, während es bei den Buben nur 4,3 Prozent waren.

In Mathematik blieb dagegen das alte Muster wirksam: 12,6 Prozent der Mädchen und 7,6 Prozent der Buben brachten negative Ergebnisse.

Grüne Anfrage

Walser sieht "akuten Handlungsbedarf", will die Zahlen offengelegt haben und wissen, "wie seitens des Ministeriums darauf reagiert wurde bzw. welche Maßnahmen geplant sind, um die Leistungsunterschiede zu beheben". Auch Experte Haider hatte vor "rechtlich heiklen" und "diskriminierenden" Problemen gewarnt und wissenschaftliche Analysen und Gegenmaßnahmen verlangt.

"Nicht aussagekräftig"

Diese Kritik wird im Bildungsministerium zurückgewiesen. Sektionschef Christian Dorninger sagte zum STANDARD: "Die Zentralmatura besteht aus der schriftlichen Klausur und der ebenfalls standardisierten mündlichen Kompensationsprüfung, um eine negative Note im schriftlichen Teil auszugleichen. Ein Zwischenergebnis ohne Kompensationsprüfungsergebnisse ist nicht aussagekräftig, schon gar nicht können daraus bildungspolitische Folgen abgeleitet werden."

"Ein bisschen ,freireden'"

Dass die Fünferraten nach den Kompensationsprüfungen plötzlich viel niedriger waren – was Günter Haider "auffällig" findet und womöglich dem "Wunsch nach sanften Prüfungen" geschuldet sieht –, macht Dorninger hingegen "nicht stutzig: Das ist noch eine Chance und auch gar nichts Schlechtes. Das war schon bei der 'alten' Matura so, dass man sich mündlich ein bisschen 'freireden' konnte. Die schriftliche Prüfung ist immer schärfer. Es gibt eben verschiedene Lerntypen. Normalerweise bevorzugt eine mündliche Prüfung vor allem Mädchen, weil sie sich eloquenter präsentieren." In Englisch blieben danach letztlich 1,6 Prozent Buben und 3,3, Prozent Mädchen auf einem Fünfer sitzen.

Gender-Gap wird nicht geleugnet

Grundsätzlich sagt Dorninger: "Den Gender-Gap leugnen wir nicht, den erforschen wir. Englisch müssen wir uns wirklich ansehen. Wobei ich glaube, dass es nicht an den Beispielen liegt, sondern eher an der Vorbereitung für die Matura."

Die regionalen Differenzen wolle man auch erforschen, wenngleich Dorninger auch da sagt: "Ich bestreite große Leistungsdifferenzen zwischen den einzelnen Bundesländern, aber sie sind vorhanden. Es kommt sehr stark auf das Prüfungsfach an."

Haider beschrieb sie anhand der strukturell ähnlichen Nachbarn Oberösterreich und Salzburg – waren beide Bundesländer bei den Bildungsstandardtests 2012 in Mathematik und 2013 in Englisch noch überdurchschnittlich gut und knapp beisammen, stürzte Salzburg daraufhin bei der Zentralmatura auf den vorletzten Platz vor Vorarlberg ab. "Unerklärlich" für Haider, der eine Folge des unterschiedlichen Unterrichts vermutet.

"Sorglose" Kritik an ORGs

Was die von Haider monierten "enormen Leistungslücken" zwischen AHS-Langform und vierjährigen Oberstufenrealgymnasien (ORG) anlangt, meint Dorninger: "Ja, die Oberstufenrealgymnasien waren etwas schwächer als die AHS, aber hier wird aus einer Differenz, die sichtbar, aber klein ist, eine riesige bildungspolitische Sache abgeleitet – das ist sorglos." 96 Prozent der ORG-Schüler hätten die Matura bestanden.

Ein paar echte Ausreißer

Kleinere Leistungsnachteile führt Dorninger darauf zurück, dass die ORGs "heterogener sind". Er beziffert die Dimension der "Problemfälle", die die ORG-Bilanz nach unten ziehen, so: "Es gab zehn, zwölf Standorte, die wirklich nicht so gut sind, die mit nicht so leistungsfördernder Schulkultur ihre Schüler offensichtlich nicht gut auf die Zentralmatura vorbereitet haben. Aber die haben wir uns genau angeschaut." (Lisa Nimmervoll, 2.2.2016)

  • Lächeln für ein Selfie mit der Bildungsministerin, und dann ran an die Matura: Gabriele Heinisch-Hosek bei der Premiere der "standardisierten kompetenzorientierten Reifeprüfung" in einer Wiener Schule.
    foto: apa / hans punz

    Lächeln für ein Selfie mit der Bildungsministerin, und dann ran an die Matura: Gabriele Heinisch-Hosek bei der Premiere der "standardisierten kompetenzorientierten Reifeprüfung" in einer Wiener Schule.

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