Verdis "Luisa Miller": Kein Triumph der Liebe

1. Februar 2016, 12:26
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Regisseur Paul Esterhazy akzentuiert an der Grazer Oper das Melodram mit Elementen der Schauerromantik

Graz – Zu den letzten Tönen der Ouvertüre grüßt einer kopfunter aus der Decke der Bürgerwohnung. Der Schatten – höhnisch, komisch, hemmungslos – ist immer da, kriecht über den Boden, die Wand, aus dem Spiegel. Gegenspieler der Liebe ist das Verdrängte. Die verbotenen Begierden. Ein zurückliegendes Verbrechen. Die Lüge. Mitwisser Wurm treibt damit alle in die Enge.

166 Jahre nach ihrer Uraufführung in Neapel fand Giuseppe Verdis Luisa Miller endlich ihren Weg auf die Bühne der Grazer Oper. Im Graben zeichnete Robin Engelen mit dem Grazer Philharmonischen Orchester Seelenkampf und Zuneigung der intimen Handlung, die auf Schillers Kabale und Liebe basiert, in deutlichen Kontrasten. Waren schon dem Komponisten Schillers Anliegen Autoritätskritik und Generationenkonflikt (zensurbedingt) weniger wichtig als brennende Gefühle, akzentuiert Regisseur Paul Esterhazy das Melodram mit Elementen der Schauerromantik. Damit verweist der vielerfahrene Wiener auf E.T. A. Hoffmann, Dickens und Stevensons Dr. Jekyll und Mr. Hyde, aber auch auf Verdis Zeit und den Geschmack des zeitgenössischen Publikums. Esterhazy versetzt seine Nacherzählung von Tirol in den protestantischen Norden und gibt ihr die Farben grotesker Übertreibung.

Strengste Spiegelbildlichkeit

Die Handlung zeigt strengste Spiegelbildlichkeit. Nicht nur im Anspruch auf ihre Kinder, auch im Aussehen sind sich die beiden Väter ähnlich. Kreuz steht gegen Jagdgewehr, denn Miller (ausdrucksstark Elia Fabbian) ist evangelischer Pastor. Conte Walter (zu milde Petar Naydenov) vereint väterliche und fürstliche Gewalt. Bewusst und unbewusst funktionalisieren sie ihre Kinder. Zwischen ihnen windet sich frech das Monster der verdrängten Begierden Wurm. Wilfried Zelinka meistert die Teufelsfigur mit unglaublicher Bühnenpräsenz und bemerkenswertem körperlichen und stimmlichen Einsatz.

Opfer der väterlichen Machtspiele sind die jungen Leute. Hilflos lehnt sich der unreife Rodolfo (romantisch José Manuel) gegen die Heirats- und Karrierepläne des Vaters auf und findet auch nur Zuflucht zur Gewalt. Die verwitwete junge Herzogin Federica (konturiert Dshamilja Kaiser) ist wie die brave Luisa nichts als eine Figur in diesem Spiel. Sophia Brommer bewältigt ihr eindrucksvolles Rollendebüt mit volltönendem, sicher geführtem Sopran und zeichnet das überzeugende Bild einer jungen Frau, die ihre Gefühle zu verteidigen sucht, trotz Lügen und Gewalt (deren sichtbare Darstellung einige Zuschauer zu Buhrufen veranlasste). Das Ende ist kein Triumph der Liebe.

Der Idee des Kammerspiels untergeordnet, agiert der Chor im Dunkeln. Sichtbarer sind da schon die zwei detailliert durchgestalteten Dienerfiguren. Die expressive alte Laura (mit der Stimme von Yuan Zhang aus dem Graben) unten und ein affektierter Liebling als gräflicher Kammerdiener agieren in ironischer Spiegelbildlichkeit. Ausstatter Mathis Neidhardt sorgte für eine effektvolle Symmetrie der Wohnungen mit Kamin, Spiegel und Kinderporträt zu ebener Erde und im ersten Stock. (Beate Frakele, 1.2.2016)

Oper Graz, nächste Vorstellungen am 4. und 7. Feburar

  • Im Spiegel: Sophia Brommer (Luisa) und Elia Fabbian (Miller).
    foto: werner kmetitsch

    Im Spiegel: Sophia Brommer (Luisa) und Elia Fabbian (Miller).

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