Betrügerische Handwerker fluten lokale Google-Suche

1. Februar 2016, 10:28
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Problem nimmt in den USA "epidemisches" Ausmaß an – Zwielichtige Firmen locken Kunden mit scheinbar günstigen Angeboten

Wer sich versehentlich aus seiner Wohnung ausgesperrt oder ein anderes dringliches Problem hat, das schnell durch einen Handwerker gelöst werden muss, findet über Google flott eine Liste an lokalen Anbietern. Doch wer sich auf diese Suchergebnisse verlässt, könnte am Ende draufzahlen.

In den USA kämpft man mit einer Schwemme aus Fake-Anbietern. Sie ködern Kunden günstigen Kostenvoranschlägen, verlangen dann aber ein Mehrfaches der genannten Beträge. Google, so berichtet die New York Times, hinkt diesem Phänomen seit Jahren hinterher, ohne dass die Situation sich bessert.

Niedriger Voranschlag, hoher Preis

Zwischen 35 und 90 Dollar werden als Preis für die zu leistende Hilfe genannt, wenn der Kunde anruft. Vor Ort steigt dieser Betrag plötzlich auf das Drei- bis Vierfache, gerne begründet damit, dass die Arbeit viel komplizierter ist, als erwartet. In Einzelfällen liegen die Kosten sogar noch höher. Die Betroffenen, für die der Schlosstausch oder ein anderer Service oft dringend ist, zahlen meist.

Der angerückte Handwerker wiederum ist in solchen Fällen oft ein Subunternehmer einer Firma. Diese wiederum betreibt Callcenter, die in einem anderen Bundesstaat oder im Ausland stehen und darüber die Aufträge vermitteln. An den Adressen, die auf Google Maps aufscheinen, existiert kein reales Unternehmen.

In jeder größeren Stadt

"Lead gens" nennt man das Phänomen, das laut der Consumer Federation of America ein epidemisches Ausmaß erreicht hat. Ursprünglich eine Entwicklung im Bereich der Schlosser und Schlüsselmacher hat sich das Geschäftsmodell längst auf andere Bereiche ausgebreitet – von der Garagentür-Reparatur, Teppichreinigung bis hin zu Umzugsdiensten. Laut einem US-Staatsanwalt finden sich allein die Fake-Schlosser mittlerweile in jeder größeren bis mittleren Stadt.

Katz- und Maus-Spiel

Google hält auf mehreren Ebenen dagegen. So passt der IT-Riese gelegentlich seine Algorithmen an, um zu verhindern, dass es zu falschen Einträgen kommt. Die Betrüger schlafen allerdings nicht und lernen schnell, wie sie sich trotzdem wieder in die lokalen Suchergebnisse katapultieren können.

Die Einträge sind elaboriert, mitunter werden auf Fotos mit Bildbearbeitungssoftware Geschäfte platziert, wo in Wahrheit ungenutzter Baugrund ist. Diese scheinen anschließend als "Fotos aus Umgebung" auf, wenn jemand auf Maps nach der Adresse sucht. Zusätzlich buchen die Anbieter auch Werbung über Google AdWords, bei der sie mit vermeintlich günstigen Tarifen werben. Für reale Handwerker entwickelt sich die Situation zu einem zunehmend frustrierenden Kampf um Aufmerksamkeit, Vertrauen und Kunden.

Mapper auf Kontrollfahrt

Ein zweiter Kontrollmechanismus für Google Maps sind die Nutzer selber, die falsche Einträge melden können. Unter ihnen gibt es einige, die sich besonders hervor tun und die unbezahlt direkt mit dem Suchriesen zusammenarbeiten. "Mappers" heißt die kleine Armee aus Usern, die eifrig Adressen abfährt, Meldung über Fakes erstattet und echte Listungen bestätigt.

Viel Zeit investierte auch der ehemalige Trucker Dan Austin aus Olympia (Washington) in diese Tätigkeit. Für ihn sei es ein wenig wie ein "Videospiel" mit "moralischem Element" geworden. Jede Meldung habe potenziell verhindert, dass ein ahnungsloser Kunde übers Ohr gehauen wurde. Er fühlte sich wie "Superman" und stieg bald zum "Regional Lead" auf – dem höchstmöglichen Rang unter den Mappern. Den Dienst verrichtete er aber immer noch ohne Entlohnung.

Betrüger unterwandern Kontrollore

Seine Wahrnehmung von Google als freundlicher Riese änderte sich jedoch mit der Zeit. Nach 18 Monaten Jagd auf Scammer war er zunehmend pessimistischer geworden. Denn diese änderten seiner Wahrnehmung nach ihre Taktik viel schneller, als Google mithalten konnte. Sie gehen sogar soweit, selber Leute unter die Mapper zu schleusen, die zwar Fakes der Konkurrenz melden, Listungen des eigenen Unternehmens aber verifizieren.

Was für Austin aussah wie ein "tobender Brand" schien für Google aber bestenfalls ein kleines Glutnest zu sein. Also versuchte Austin, die Anfälligkeit des Systems auf andere Art aufzuzeigen. Er reichte mitten in Los Angeles einen Eintrag für eine verbotene Marihuana-Plantage ein. Als das klappte, sprach er das Problem in einem Forum über Kartendienste an. Doch alles was geschah war, dass Google ihn aus dem Mapper-Programm warf.

Wenig Interesse, kaum gerichtliche Handhabe

Das Problem ist laut Austin, dass Google von Entwicklern dominiert wird, die fortschrittliche Produkte erfinden oder interessante Probleme lösen wollen. Das Bekämpfen von Spam hingegen sei langweilig. Die Leute, die sich ernsthaft um diese Herausforderung bemühen, so will er von Mitarbeitern gehört haben, hätten kaum Einfluss im Unternehmen. Das Problem sei bekannt, werde aber ignoriert.

Freilich versuchen echte Anbieter auch, gerichtlich gegen die zwielichtige Online-Konkurrenz vorzugehen. Die Hintermänner verschwinden aber in solchen Fällen recht schnell. Und dort, wo es zu Verhandlungen kommt, tun sich die Gerichte mitunter schwer, weil die Anbieter ihre Preise üblicherweise mit dem Zusatz "ab" versehen. Auch gegen Google selbst konnte rechtlich noch nichts ausgerichtet werden, da dort nur Informationen von Dritten bereitgestellt würden.

Google wortkarg

"Wir sind in einem andauernden Rüstungswettlauf mit den Spammern", kommentiert das Unternehmen die Situation. Man verfeinere die eigenen Werkzeuge ständig und wolle besser werden. Ob man strengere Verifizierungen einführen oder das Anti-Spam-Team verstärken wird, ist nicht bekannt. Kritiker fürchten, dass ohne grundlegenden Änderungen jede Verbesserung kaum mehr als Makulatur ist. (gpi, 01.02.2016)

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