Österreich: Arbeitslosigkeit nähert sich 500.000er-Marke

1. Februar 2016, 10:21
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Die Zahl der Menschen ohne Erwerbsarbeit ist im Jänner auf 490.246 gestiegen. Vor allem der Gesundheits- und Sozialbereich ist betroffen

Wien – Neuer Sozialminister, gewohntes Prozedere: Alois Stöger (SPÖ) hat von seinem Vorgänger und Parteikollegen Rudolf Hundstorfer die Bürde geerbt, zu Monatsbeginn regelmäßig eine neue Rekordarbeitslosigkeit vermelden zu müssen. 490.246 Menschen waren in Österreich im Jänner ohne Erwerbsarbeit: ein Zuwachs um 3,7 Prozent oder 17.707 Personen im Vergleich zum Vorjahr. "Von einer Trendumkehr kann nicht gesprochen werden", kommentierte Stöger die Zahlen, nicht aber ohne Hinweis auf zarte Hoffnungsschimmer. Zum einen war der Anstieg der Arbeitslosigkeit weniger dramatisch als in den vergangenen Monaten. Zum anderen waren Ende Jänner 33.431 offene Stellen gemeldet – um 46 Prozent mehr als im Vorjahr.

Kein Trost für die bald 500.000 Arbeitslosen. Eben so wenig wie der Umstand, dass eine steigende Arbeitslosenrate nicht immer ein Zeichen dafür ist, dass es einer Branche schlecht geht. Manchmal ist es genau anders herum: Wenn die Beschäftigung in einem Sektor steigt, kann auch die Zahl der Arbeitslosen steigen. Zu beobachten ist dieses Phänomen derzeit im Sozialbereich, in dem die Nachfrage nach Arbeitskräften boomt, die Zahl der Arbeitslosen aber im Jahresvergleich trotzdem um rund acht Prozent zunahm.

Belastung erhöht Fluktuation

Laut Arbeitsmarktexperte Thomas Horvath vom Wirtschaftsforschungsinstitut erklärt sich das durch die hohe Fluktuation. Jobs im Pflege- und Sozialbereich seien nicht nur unterdurchschnittlich bezahlt, sondern auch mit besonderen psychischen und körperlichen Belastungen verbunden. Ein deutliches Plus bei den Beschäftigten bedeutet in einer solch dynamischen Branche deshalb auch mehr Menschen, die ihren Job wieder aufgeben.

Außerdem liegt es auch an der Zuteilung von Arbeitssuchenden, so Horvath: "Wenn Sie sich beim AMS arbeitslos melden, dann geben Sie die Branche an, in der Sie bisher tätig waren. Obwohl Sie vielleicht einen Job in einem ganz anderen Bereich suchen."

Betroffen ist nicht nur der wechselintensive Sozialbereich. Auch Handel und Tourismus, in denen die Arbeitslosigkeit zuletzt ebenfalls überdurchschnittlich stark gestiegen ist, "entsenden" viele Arbeitssuchende in andere Branchen. Eine Entwicklung, die sich auch in der geschlechterspezifischen Statistik niederschlägt: Sowohl der Pflegesektor als auch Handel und Tourismus weisen einen starken Frauenanteil auf. Um 6,5 Prozent mehr arbeitslose Frauen gab es im Jänner im Jahresvergleich, "nur" 3,5 Prozent waren es bei den Männern. In der männlich dominierten Sachgütererzeugung gibt es mit 206 Arbeitssuchenden weniger (minus 0,6 Prozent) sogar einen leichten Rückgang. Nichtsdestotrotz ist die Arbeitslosenquote bei Männern weiterhin höher als bei Frauen.

Steiles Ost-West-Gefälle

Der deutliche Anstieg der Erwerbslosigkeit im Tourismus (plus 5,3 Prozent) lässt sich übrigens nicht auf den schneearmen Winter zurückführen: Das Problem betrifft in erster Linie Wien (plus 11,9 Prozent). Vonseiten der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der Wirtschaftskammer heißt es dazu, der Unterschied sei auf die schwache Arbeitskräftemobilität zurückzuführen. Viele Arbeitnehmer aus dem Osten Österreichs seien demnach nicht bereit, Jobs im Westen anzunehmen.

Das Ost-West-Gefälle verschärft sich jedenfalls – nicht nur im Tourismus, sondern auch gesamtwirtschaftlich. In Tirol und Vorarlberg ging die Arbeitslosigkeit zwar zum wiederholten Mal zurück. Das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn in Wien steigt sie weiter rasant: Gut 166.000 Menschen waren hier ohne Beschäftigung. Das sind um 8,7 Prozent oder rund 14.400 Betroffene mehr als im Jahr davor. Rund ein Drittel dieses Anstiegs in der Bundeshauptstadt ist auf neu in den Arbeitsmarkt eingetretene Flüchtlinge zurückzuführen. Österreichweit waren im Jänner 21.575 Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte arbeitslos oder in Schulungen. (Simon Moser, 1.2.2016)

  • Die Zahl der offenen Stellen steigt, noch stärker allerdings wächst die Zahl derjenigen, die Jobs suchen.
    foto: apa/techt

    Die Zahl der offenen Stellen steigt, noch stärker allerdings wächst die Zahl derjenigen, die Jobs suchen.

  • Einer der wenigen Lichtblicke: Die Arbeitslosigkeit ist im Jänner etwas langsamer gestiegen als in den Monaten zuvor.
    grafik: ams/sozialministerium

    Einer der wenigen Lichtblicke: Die Arbeitslosigkeit ist im Jänner etwas langsamer gestiegen als in den Monaten zuvor.

  • Seinen Musterschülerstatus musste Österreich im Europavergleich allerdings schon lange abgeben.
    foto: eurostat

    Seinen Musterschülerstatus musste Österreich im Europavergleich allerdings schon lange abgeben.

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