Duell um die Seele der Demokratischen Partei

1. Februar 2016, 09:41
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Bernie Sanders spricht zwar die Herzen vieler Wähler an, Hillary Clinton aber ihren Pragmatismus

Auch bei den Demokraten steht ein enges Rennen bevor. Der Umfragevorsprung von Hillary Clinton auf ihren linken Konkurrenten Bernie Sanders ist zuletzt bis auf wenige Prozentpunkte geschrumpft.

Dabei hat es Sanders, unabhängiger Senator aus Vermont, geschafft, die Koordinaten der innerparteilichen Debatte so eindeutig nach links zu verschieben, wie es ihm anfangs nur wenige zugetraut hatten. Seit den 1980er-Jahren ist er der erste Demokrat von Rang, der etwa für höhere Steuern plädiert. Sanders profitiert – im Grunde so wie Donald Trump bei den Republikanern – von der Enttäuschung über die Eliten.

Innenpolitische Offensive, Zurückhaltung nach außen

Nach seiner Agenda sollen staatliche Universitäten keine Gebühren mehr erheben, sodass Studierende keine teuren Kredite mehr aufnehmen müssten, um die derzeit horrenden Summen bezahlen zu können. Frauen will der Politikveteran für gleiche Arbeit den gleichen Lohn garantieren wie Männern, Eltern Krippen- und Kindergartenplätze für den Nachwuchs und nach der Geburt eines Kindes mindestens zwölf Wochen bezahlten Urlaub.

In der Außenpolitik steht er für Zurückhaltung: Im Nahen Osten etwa sieht er die Nachbarländer Syriens und des Irak, weniger die USA in der Pflicht, gegen den "Islamischen Staat" (IS) vorzugehen.

Am populärsten ist der 74-Jährige unter Jüngeren. Gewinnt er in Iowa, wäre es ein Durchbruch.

Hillary Clinton und die Kunst des Machbaren

Für Hillary Clinton wäre es ein Déjà-vu. Die spätere Außenministerin hat eine solche Niederlage schon vor acht Jahren gegen Barack Obama erlitten. Nun wirbt sie an der Basis der Demokraten dafür, dass sie den von Obama eingeschlagenen Kurs ohne größere Korrekturen fortsetzen wird. In ihren Wahlslogans präsentiert sie sich als "Kandidatin der Kontinuität", während sie im Kontrast dazu warnt, dass das Land zu weit nach links driften würde, sollte Sanders im Weißen Haus residieren.

Außenpolitisch steht Clinton aber für eine härtere Linie. Ihr Ja zum Irakkrieg 2003 belastet sie noch immer. Dem Dialog mit dem Iran, der in das Atomabkommen mündete, begegnete sie anfangs skeptischer als Obama. In Sachen Syrien plädierte sie früh für eine Bewaffnung moderater Rebellen.

Nähe zur Wallstreet als Fallstrick

Innenpolitisch beschwört sie die Kunst des Machbaren: Da sich an der republikanischen Mehrheit im Kongress vorläufig nichts ändern dürfte, gelte es realistischere Ziele anzusteuern. Clintons Achillesferse, so stellt es Sanders her aus, ist ihre Nähe zur Wall Street – illustriert durch Redeauftritte bei Banken, für die sie sich fürstlich bezahlen ließ.

Zu ihren treuesten Fans zählen Frauen mittlerer und älterer Jahrgänge, die endlich eine Mrs. President erleben möchten. Im Duell mit Sanders ist Clinton weiter Favoritin. Der einst prophezeite Spaziergang wird es aber kaum.

Der Dritte im Bunde, Marylands Exgouverneur Martin O’Malley, gilt weiter nur als Zählkandidat. (Frank Herrmann aus Cedar Rapids, Iowa, 1.2.2016)

Primaries und Caucuses: Der Weg zur US-Präsidentschaftskandidatur – Eine Infografik

  • Rückkehr zum "New Deal": Bernie Sanders.
    foto: apa / afp / getty images / alex wong

    Rückkehr zum "New Deal": Bernie Sanders.

  • Realistische kleine Schritte: Hillary Clinton.
    foto: apa / afp / getty images / justin sull

    Realistische kleine Schritte: Hillary Clinton.

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