Antonio Fian: Grenzmathematik

29. Jänner 2016, 16:50
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Rechenzentrum. Zahlreiche Bildschirme und Tastaturen, vor denen, mit rauchenden Köpfen, Mathematikerinnen und Mathematiker sitzen

(Der Bundeskanzler Faymann tritt ein. Der Direktor des Rechenzentrums schaut auf, eilt zu ihm und begrüßt ihn.)

FAYMANN: Sind Sie noch immer nicht fertig? Da baut ja die Mikl-Leitner die Festung Europa schneller, als wie Sie die Obergrenze ausgerechnet haben.

DER DIREKTOR: Wir tun unser Bestes, Herr Bundeskanzler. Es handelt sich um eine sehr schwierige mathematische Operation. Aber das Ergebnis müsste in den nächsten Minuten feststehen.

FAYMANN: Ich hoffe nur, es bleibt unter einer Million, sonst weiß ich nicht, wie ich das dem Mitterlehner beibringe.

DER DIREKTOR: Prognosen sind leider unmöglich. Sie tun sich natürlich leicht, Sie sagen, berechnen Sie mir die Flüchtlingsobergrenze auf Basis der österreichischen Gesamtbevölkerung, aber so einfach ist das nicht. Weil: Was ist das, die österreichische Gesamtbevölkerung? Da muss man differenzieren, verstehen Sie? Anteil der Rotwähler, Anteil der Grün-, Blau-, Schwarzwähler, Anteil der Nichtwähler, der Gutmenschen, der Arschlöcher, das lässt sich nicht auf einen Nenner bringen, im Gegenteil, das potenziert sich! Welchen Wert stellt der durchschnittliche Beamte dar in dieser Gesamtrechnung, welchen der Banker, welchen der Arbeitslose, mit wie vielen Variablen müssen wir arbeiten? Gibt es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen, und wenn ja, was macht in Summe die Differenz aus? Wie schaut es mit den Intelligenzquotienten aus, gibt es Parallelen in verschiedenen Funktionen? Wie verhält sich der Durchschnitt, welche Produkte sind die wichtigsten, welche werden am häufigsten erzeugt, und werden diese Produkte in der Folge zu Multiplikatoren und als solche integrierbar? Ist die Wurzel – ... (Eine der Mathematikerinnen tritt zu ihm und reicht ihm einen Zettel.) Ah, das Endergebnis! (Setzt eine Brille auf.) Die absolute Höchstzahl an Flüchtlingen, die aufzunehmen der Republik Österreich in diesem Jahr noch möglich ist, beträgt -

FAYMANN (zu sich): Bitte unter einer Million ...

DER DIREKTOR: Dreiundzwanzig Komma elf.

FAYMANN (perplex): Dreiundzwanzig Komma elf? Pro Minute oder was?

DER DIREKTOR: Pro Jahr.

FAYMANN: Dreiundzwanzig Komma elf pro Jahr? Das kann nicht sein. Ich mein', der Mitterlehner würde sich freuen, aber da müssen Sie sich verrechnet haben.

DER DIREKTOR: Wir verrechnen uns nicht.

FAYMANN: Haben Sie denn auch den Faktor Mensch berücksichtigt?

DER DIREKTOR: Den Faktor Mensch?

FAYMANN: Natürlich! Sie können doch keine Flüchtlingsobergrenze berechnen, ohne den Faktor Mensch zu berücksichtigen!

DER DIREKTOR (tippt in seinen Taschenrechner): In diesem Fall wären es –

FAYMANN (zu sich): Bitte nicht über eine Million ...

DER DIREKTOR: Zwei Komma acht sechs periodisch.

(Vorhang)

(Antonio Fian, 29.1.2016)

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