Papst Franziskus würde Khol niemals wählen

Kommentar der anderen29. Jänner 2016, 17:06
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Nach allem was man weiß, ist ÖVP-Mann Andreas Khol unter allen Kandidaten für die Hofburg der gläubigste. Das hindert ihn allerdings nicht daran, sich insbesondere in Flüchtlingsfragen als ziemlich unchristlich zu präsentieren

Man mag Seniorenbundchef Andreas Khol als Präsidentschaftskandidaten zu alt finden – aber das ist sicher kein Grund, den Notkandidaten der ÖVP als ungeeignet für das Amt zu empfinden. Seine chamäleonhafte Anpassung an die Farben des politischen Schachspiels hingegen – besonders wenn er sie am Rücken der Notleidenden in Form der aktuellen Flüchtlingsdebatte praktiziert – ist allemal ein Grund, um ihn über jeden persönlichen Geschmack hinaus als sich selbst disqualifizierend für alle denkbaren Ämter an der Spitze des Staates zu empfinden.

Geradezu unerträglich erscheint mir nämlich – und muss eigentlich auch jedem Christenmenschen und Humanisten erscheinen – der unerhörte, widerwärtige Missbrauch des Begriffs der "Nächstenliebe" gegen die Fürsorge für entfernt aufgewachsene Menschen, die von weit her zu uns geflüchtet sind: "Ich bin ein Freund der Nächstenliebe, die Nächstenliebe kann aber nicht nur eine Fernstenliebe sein. Charity begins at home – wir müssen zuerst auf unsere Leut' schauen", sagte Khol Mitte Jänner bei seinem Auftritt bei der ÖVP-Klubklausur. Diese unglaubliche Begriffs-Vergewaltigung ist nicht neu: schon im Wahlkampf 2013 hatte H. C. Strache ebenfalls mit exakt diesem biblischen Begriff sein Schindluder getrieben: "Höchste Zeit für Nächstenliebe" hieß der tiefblau-braune Slogan für die Liebe zu Österreichern und die Hetze gegen Ausländer.

Antichristlich

Man muss kein gläubiger Katholik sein, um diesen Khol-Sager als eine geradezu antichristliche, antihumanitäre und das Evangelium verfälschende Entgleisung zu empfinden. Der viele Christen weltweit (und auch ÖVP-ler!) begeisternde Papst Franziskus sieht diese Christenpflicht jedenfalls ganz anders als der sich seit Jahrzehnten ach so katholisch gebende Andreas Khol. Zum Welttag der Migranten etwa sagte Franziskus: "Wir müssen Flüchtlinge aufnehmen, weil das ein Gebot der Bibel ist" (14. September 2015 in einem portugiesischen Radiosender). Er betont stets die Wichtigkeit, "das Liebesgebot in die Tat umzusetzen, das Jesus uns hinterlassen hat, als er sich mit dem Fremden, dem Leidenden und mit allen unschuldigen Opfern von Gewalt und Ausbeutung identifizierte". Noch deutlicher: "Auf die Globalisierung des Phänomens der Migration muss mit der Globalisierung der Nächstenliebe und der Zusammenarbeit geantwortet werden, um die Lage der Migranten menschlicher zu gestalten."

Tiroler Fehlkandidat

Was sagt da der gläubige Andreas dazu? Erst recht "die Ressourcen zu teilen und manchmal auf etwas von unserem erworbenen Wohlstand zu verzichten", dürfte einem wackeren rechten ÖVP-ler schon gar nicht schmecken, ebenso wenig wie des Pontifex Ansicht, dass "Solidarität gegenüber den Migranten und den Flüchtlingen (...) notwendig ist, um weltweit eine gerechtere und angemessenere Wirtschafts- und Finanzordnung zu entwickeln". Das grenzt für den Tiroler Fehlkandidaten wohl schon an Marxismus, ebenso wie "sein" Haider-Steigbügel-Kanzler Wolfgang Schüssel in einem Interview mit dem Theologen Paul Michael Zulehner in dessen letztem Buch den Papst der "undifferenzierten" Kritik des Kapitalismus bezichtigte.

Staatstragend?

Nun, "christlich-soziale" Volkspartei (kein Witz!), was meinen die Herrschaften und wenigen Damen an der Spitze dieser "staatstragenden" Partei dazu? Hören sich die "christlichen Grundwerte", die sie so gern unseren Flüchtlingen in Zwangskursen beibringen wollen, auf, wenn sie mit dem rechten Auge auf den Zulauf des Oberrechten Strache schielen? Legitimiert der Kampf um gleich welches Amt die Filetierung der jahrzehntelang und bis heute vor sich hergetragenen religiösen Überzeugungen? Oder gibt es die überhaupt noch, wenn Hirn und Herz einem wahlstrategischen Kalkül weichen müssen? Haben sie (nicht nur die ÖVP, leider) nicht genug damit, in breiten Kreisen von Heranwachsenden schon jede politische Glaubwürdigkeit verloren zu haben?

Papst Franziskus, dessen Engagement für Entrechtete, Ausgebeutete und Arme an die besten Zeiten eines engagierten, sozialrevolutionären Christentums erinnert, hat die "Nächstenliebe" jedenfalls ganz anders verortet: In der Nächstenliebe liege die Kraft für eine gerechtere Wirtschaftsordnung. Sie stelle nicht Geld und Profit, sondern den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt (Domradio.de, 5. Juli 2014).

Kapitalistisch-neoliberal

Das schmeckt natürlich den Statthaltern kapitalistisch-neoliberalen Wirtschaftens gar nicht, weshalb es auch nicht weiter zu wundern braucht, wenn es aus der ÖVP niemandem einfiel, diese selbstentlarvende Entgleisung des ohnehin nur zweitbesten Kandidaten kritisch zu kommentieren oder zu relativieren. Auch hier kann man mit Blick über die Grenze (zumindest lange Zeit) nur wehmütig feststellen, dass die Konservativen in Österreich im Vergleich etwa zu Bundeskanzlerin Angela Merkels Politik farb-, niveau- und vor allem gewissenlos agieren.

Francisco Bergoglio würde jedenfalls jemanden, dessen Verständnis von Nächstenliebe dem seinen derart diametral entgegensteht, niemals zum Staatsoberhaupt wählen. Recht so.

Josef Christian AIGNER (Jahrgang 1953) ist Psychoanalytiker und Universitätsprofessor am Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Er forscht insbesondere über Grundlagen der Psychoanalyse in der Erziehungswissenschaft, Väter und über das Verhältnis Mann-Kind. Er ist Vorstandsmitglied des Österreichischen Kinderschutzbundes. (Josef Christian Aigner, 29.1.2016)

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