Doris Uhlich: Marionetten in ihrer Ekstasenfestung

29. Jänner 2016, 16:21
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Die Choreografin stellt im Tanzquartier Wien ihr Stück "Boom Bodies" vor

Wien – Seit der Attacke auf das New Yorker World Trade Center war gerade ein halbes Jahr vergangen, als David Fincher dem amerikanischen Publikum im März 2002 seinen Film Panic Room vorstellte. Ein Jahr später, am 20. März 2003, begann George Bush den Irakkrieg, als dessen Folge sich der IS formierte. Jetzt, beinahe 15 Jahre nach 9/11, generiert die österreichische Choreografin Doris Uhlich aus den "Angsträumen" der Gegenwart ihre neue Arbeit Boom Bodies. Diese Herausforderung für acht Tänzerinnen und Tänzer ist noch bis einschließlich Samstag im Tanzquartier Wien zu sehen.

Panic Room passte perfekt in seine Zeit, weil der Film als eine Metapher dafür gelten konnte, dass sich die Amerikaner in ihrem Land nicht mehr sicher fühlten. Wer wie Uhlich heute von "Angsträumen" spricht, trifft den gerade anschwellenden Fürchte-Boom in Europa mit ähnlicher Genauigkeit. Die Choreografin reagiert darauf, indem sie ihre Gruppe in einem Panikraum einbetoniert, wo sie sich mit archaisch anmutenden Rave-Ritualen ausagieren. Ein Rückgriff in die Geschichte: Der Berliner Bunker galt zwischen 1992 und 1997 als der "härteste Club" der Stadt: mit allerlei Chemie und Weltflucht in Techno und Rave. Genau deren hämmernde Musik-Poltergeister beschwört nun Boris Kopeinig für die Boomer auf Uhlichs Bühne.

Dessen gewalttätige Soundstruktur schlägt auf die Körper der Tanzenden ein wie das Wummern des römischen Galeerentrommlers auf die Gehörgänge von Rudersklaven. Passt gut, denn seit Jahrzehnten sind die Clubs der Freizeitkultur nicht nur als Bunker der Befreiung zu verstehen, sondern auch als Galeeren der Selbstversklavung unter diverse Spaßregimes. In solch einer ambivalenten Mühle mühen sich nun Uhlichs Boom Bodies ab, um in die eine oder andere Ekstase abzutauchen. Ihre Bewegungen sind primitiv und repetitiv, ihre Mienen dramatisch oder in sich gekehrt. Warum wohl hat Uhlich aus Tanz und Ton einen dergestalt hermetischen Klotz gegossen?

Eine Begründung dafür liegt möglicherweise in der Handhabung des Freiheitsbegriffs in einer sich in Überregulierung und omnipräsenter Kontrolle zusammenziehenden Gesellschaft. Im Zwang zur Selbstkontrolle, Pseudotransparenz und "Frei"-Handel. Wie in Verballhornung dieser von Politik und PR-Agenturen verbreiteten Ideologie kündigt Uhlich ihre Ekstasenfestung als Versuch einer Öffnung an und die monadischen Marionetten darin als Körper, die ein "Epizentrum von Aktion und Veränderung" bilden sollen.

Bereits in ihrem Solo Universal Dancer von 2014 wollte die Choreografin "den Theaterraum als Epizentrum einer sich ausbreitenden Bewegung" verstanden wissen. In Wirklichkeit hat sie auch da bloß einen kontrahierenden Lärmraum geschaffen, in dem sie ein durchaus komisches Rodeo-Solo auf einem hoppelnden Tischchen veranstaltete. Und bei der von ihr gestalteten Eröffnung des Impulstanz-Festivals 2015 im Haupthof des Museumsquartiers inszenierte Uhlich sich selbst als überragendes (Epi-)Zentrum an der Spitze einer Entertainmentpyramide.

All das überstrahlt die Erinnerung an frühere, sehr empathisch wirkende Stücke wie Spitze, Glanz oder Rising Swan. Damals arbeitete Uhlich eher weniger epi- oder egozentrisch, da stellte sie Menschen aus dem Alltag, ihre Mutter oder den Zauber von Ballerinen vor, die nicht mehr ins Altersschema des Ballettbetriebs passten. Jetzt ist große Sause angesagt. Aus "mehr als genug" wurde "more than naked", und daraus eben "Boom Bodies". Das ist sicher eine Regression, aber immerhin eine, die parallel zur Entwicklung unserer Gesellschaft verläuft. (Helmut Ploebst, 29.1.2016)

  • Im Panikraum wummern die gewalttätigen Technobeats: Doris Uhlich zeigt im Tanzquartier Wien "Boom Bodies".
    foto: christine sbaschnigg

    Im Panikraum wummern die gewalttätigen Technobeats: Doris Uhlich zeigt im Tanzquartier Wien "Boom Bodies".

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