Christian Rosa: Totalschaden der Ikonologie

30. Jänner 2016, 17:00
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Er studierte in Wien, ging nach Los Angeles und hob steil ab: Nun stellt Christian Rosa in der Galerie Meyer Kainer aus

Auch beachtlich: Es gibt ausführliche Artikel über Christian Rosa, in denen kein einziges Wort über das verloren wird, was seine Kunst ausmacht, wie seine Bilder aussehen. Nur wenige Schlagwörter werden gestreut. Abstraktion. Leicht verdaulich. Wohnzimmertauglich. Man zieht Vergleiche: ein wenig so wie Joan Miró, ein bisschen wie Cy Twombly. Weniger geneigte Berichte sprechen von "Zombie-Formalismus", von "crapstraction". Verlegenheitsprosa?

Auf Rosas zumeist ausladend großen Bildformaten treffen sich bunte, schnell hingetupfte Flecken oder abgezirkelte Rechtecke in klaren, ungemischten Ölfarben (Rot, Gelb, Blau) mit schwarzen Kohle- und Bleistift-Strichknäueln zu anonymen Partys: Linien, Kringel und diverse Kürzel füllen leere Flächen. Und doch bleibt alles luftig, auch unaufdringlich.

In der Galerie Meyer Kainer, wo Rosa nun unter dem Titel Now it's over neue Werke zeigt, liegen seine oft etwas hingerotzt – im Schönsprech auch: mühelos hingeworfen – wirkenden Kompositionen auf Notenlinien. Prompt ähneln sie Notationen von Musik. Und tatsächlich könnte man neben verunglückten Violinschlüsseln und Viertelnoten auch ein paar Taktstriche erkennen. Kleinere Formate kommen nur mit Strichen und Punkten aus oder mit einer einzigen schwungvollen Linienzusammenballung. Galerist Christian Meyer nennt es den "totalen Crash der Ikonologie". Viel mehr ist darüber wirklich nicht zu sagen.

Mit "Das gibt mir nichts" oder "das sagt mir nichts" braucht man da gar nicht erst anzufangen. Schließlich darf Kunst alles, dafür ist sie ja Kunst. Anything goes. Die Kriterien wurden abgeschafft. Trotzdem sprayte jemand "Shit Rosa" nächtens (in rosa Farbe!) über die Fenster der Galerie. Vermutlich war es jemand mit dieser "total spießigen Biedermeier-View". Für Christian Meyer ist die ganze Aufregung nur Beweis dafür, dass Rosa relevant ist.

Und: "Popkultur heißt, dass es ein Agreement braucht zwischen den Leuten, die es machen, und denen, die es mögen." Er findet, dass die Bilder eine gewisse Leere erzeugen und genau das mache sie "popfähig", dann könne man sie "besetzen". Mit "Schönmalerei" gelinge das jedenfalls nicht.

Kunst muss also nichts. Sie muss nur gekauft werden. Und vielleicht auch das nicht. Totale Anarchie der Kunst. Hat Jonathan Meese womöglich auch das mit seiner Diktatur der Kunst gemeint? Put your eye in your mouth hieß der Titel von Rosas Soloschau in der White Cube Gallery in London 2015. Eine wirklich assoziationsreiche Aufforderung! Im Mund ist es jedenfalls finster, stockfinster.

Hype, Image, Marke

Auch Christian Rosa (Jahrgang 1982), der in Wien bei Daniel Richter Malerei studiert hat, aber eigentlich in die Fotoklasse wollte, spricht nicht über seine Kunst und welche Fragen ihn dabei interessieren. Das passt zum Image. Wenn man nicht über Inhalte in Rosas Malerei schreiben kann, bleibt einem – neben der Option, darüber zu schweigen – wohl nur, den Hype zu thematisieren. Welche horrenden Preise er erzielt, wo er ausgestellt wurde und künftig wird, welche Promis seine Bilder kaufen und mit ihm abhängen. Über Rosa, den Skatertyp, den Surfer, den Partymeister, der jeder Vernissage eine fette Clubsause folgen lässt, kann man schreiben. Über den Bad Boy mit Tattoos, roter Mütze und lustigen Socken, der wegen Handgreiflichkeiten am Akademie-Rauswurf schrammte. Ein punkiges Rabaukenpackage, das 2014 sternschnuppengleich abhob.

Für "Hitze und Geschwindigkeit" sorgen oft Artflipper, die Kunst rein als Aktie sehen. Einer soll, verriet Rosa der Welt, nächtens an die Tür geklopft haben, um ihm 150.000 Dollar für ein Bild zu bieten. Zimperlich sind aber auch Galerien nicht: Saatchi in London packte Rosa, der zwar in Rio geboren ist, aber in Wien aufwuchs, 2014 in die Schau Pangaea über neue Kunst aus Afrika und Lateinamerika. Label-Entwicklung heißt das vermutlich.

Auch Kunstinvestmentseiten wie artrank.com rieten zur Marke Rosa: Anfang 2014 rangierte er noch in der Kategorie "unter 100.000 Dollar", "jetzt kaufen". Zu Jahresende hieß es: Verkaufen. Anfang 2015 sogar: Liquidieren!

Man könnte über den hochspekulativen Markt der Blasen die Achseln zucken, würden solche Ratschläge nicht anscheinend doch befolgt werden. Wechselte am Sekundärmarkt ein Rosa-Werk 2014 bei Christie's in New York tatsächlich um 209.000 Dollar den Besitzer, so erzielte eine andere Arbeit, freilich ein etwas kleineres Format, ebendort 2015 nur noch einen Bruchteil davon. Und später im Jahr blieb die auf 40-60.000 Euro geschätzte Leinwand Desert (2012) sowohl bei einer Auktion im Wiener Dorotheum als auch bei einer Versteigerung bei Phillips London unverkauft liegen.

Die steilen Hochschaubahnen des Marktes und die von ihnen provozierten fatalen Talfahrten, sind freilich für die Galeristen – "Wir sind keine Banker" (Thaddaeus Ropac) – höchst ärgerlich, weil sie am Aufbau eines Künstlers, an dessen solider und nachhaltiger Marktentwicklung interessiert sind.

Was das für Christian Rosa heißt? Warten wir ab. Er selbst hat ein Rezept zum Erfolg und verpackte das für 10 Magazine einmal in einer Art endlosen Word-Rap: "Arbeiten, trinken, arbeiten, Party machen, arbeiten, Leute treffen, arbeiten, Party machen, arbeiten, Leute treffen..."(Anne Katrin Feßler, 30.1.2016

Bis 27. 2., Galerie Meyer Kainer

Eschenbachgasse 9, 1010 Wien

  • Abstrakte Komposition mit musikalischem Touch von dem als Superstar gehypten Maler Christian Rosa.
    foto: marcel kohler, galerie meyer kainer

    Abstrakte Komposition mit musikalischem Touch von dem als Superstar gehypten Maler Christian Rosa.

  • Am Sekundärmarkt wurde vergangenes Jahr zweimal erfolglos versucht, Christian Rosas 2 x 2,3 Meter großes Leinwandbild "Desert" (2012) zu versteigern: im Juni 2015 im Dorotheum in Wien  (Schätzwert 40-60.000 Euro), im Dezember bei Phillips in London (Schätzwert 20.000-30.000 Pfund, umgerechnet 27.800-41.680 Euro.

    Am Sekundärmarkt wurde vergangenes Jahr zweimal erfolglos versucht, Christian Rosas 2 x 2,3 Meter großes Leinwandbild "Desert" (2012) zu versteigern: im Juni 2015 im Dorotheum in Wien (Schätzwert 40-60.000 Euro), im Dezember bei Phillips in London (Schätzwert 20.000-30.000 Pfund, umgerechnet 27.800-41.680 Euro.

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