Eine Frage des Rückgrats

Porträt30. Jänner 2016, 11:00
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Die Journalistin Ewa Wanat ist eine Galionsfigur der polnischen Bürgerrechtsbewegung. Ihre Mission: sich nichts gefallen zu lassen

Die Aufkleber gibt es dort hinten", ruft die dick eingemummte Demonstrantin. Anfang Jänner ist es eiskalt in Warschau. Dennoch sind tausende Menschen zum Platz der Aufständischen gekommen, um zusammen mit dem Komitee zur Verteidigung der Demokratie (KOD) gegen die Politik der rechtsnationalen Regierung zu protestieren.

Ewa Wanat deutet auf einen Transporter am anderen Ende des Platzes und beginnt zu hüpfen. "Freie Medien! Freies Polen!" skandiert sie mit den Umstehenden. Viele blasen in ihre mitgebrachten Vuvuzelas. Es herrscht ohrenbetäubender Lärm.

Über dem Platz schwebt ein Kameramann in der offenen Kabine eines gigantischen Krans. Noch können die öffentlich-rechtlichen Medien über die Demonstration gegen die geplante Einschränkung der Medienfreiheit berichten.

Aus den Fenstern des Fernsehsenders TVP Info, der am Platz der Aufständischen seinen Sitz hat, winken Journalistinnen und Redakteure. Sie versuchen die Demonstranten zu zählen: 10.000 bis 20.000 Warschauer sind wohl gekommen, um den Fernsehjournalisten den Rücken zu stärken und ihnen Mut zu machen.

Sie alle werden in den nächsten Wochen und Monaten ihren Job verlieren und, nach einer nicht näher definierten "Überprüfung", entweder endgültig auf der Straße stehen oder aber zu neuen Bedingungen erneut eingestellt. Mit dem "kleinen Mediengesetz" wurden die bisher als staatliche Handelsgesellschaften organisierten Rundfunk- und Fernsehanstalten in nationale Kulturinstitute umgestaltet und direkt der Regierungskontrolle unterstellt.

Ewa Wanat, bis vor kurzem Chefredakteurin des Radiosenders RDC, hat das alles schon hinter sich. Sie wurde fristlos entlassen, weil sie in einem Interview mit der linksliberalen "Gazeta Wyborcza" den politischen Druck publik gemacht hatte, mit dem der Programmrat die Journalisten "auf Linie" bringen wollte.

So sollte kein Expriester ins Studio eingeladen werden, die anderthalb-stündige Sendung "Homolobby" aus dem Programm gestrichen und in der Adventzeit sollten Weihnachtslieder gesendet werden. Als Wanat sich weigerte, das zu tun, reichte als Vorwand ein privater Facebook-Kommentar von ihr, um die RDC-Chefredakteurin fristlos zu entlassen.

Umbau vereitelt Klagen

"Das lasse ich mir nicht bieten", sagt die 53-jährige Blondine energisch. "Die Begründung für die Entlassung ist einfach lächerlich. Ich gehe davon aus, dass ich den Prozess vor dem Arbeitsgericht gewinne." Die Kollegen, denen jetzt die Gruppenentlassung droht, werden keine Chance haben, dagegen zu klagen, da es sich um einen institutionellen Umbau des gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunks handelt. "Ich bin hier, um meine Solidarität zu zeigen", sagt Wanat und bahnt sich den Weg zur Rednerbühne.

Ein älterer Mann mit wallenden grauen Haaren schwenkt Aufkleber über den Köpfen der Demonstranten: "KOD. Gorszy sort" (Schlechtere Sorte) ruft er, und "Wolne media" (Freie Medien). Die meisten Leute greifen als Erstes zur "Schlechteren Sorte".

Vor ein paar Wochen hatte Jaroslaw Kaczynski, der PiS-Parteivorsitzende und zurzeit mächtigste Mann in Polen, seine Landsleute in bessere und schlechtere Polen aufgeteilt. Die schlechteren hätten angeblich einen Hang dazu, den polnischen Staat im Ausland zu denunzieren. Im rechtsnationalen Fernsehsender Republika wetterte der 67-Jährige gegen die Demonstranten und Oppositionellen: "Einige Leute haben das in den Genen. Das ist in den Genen der übelsten Sorte Polen."

Ewa Wanat greift sich den Aufkleber "Freie Medien!" und schreitet an der Nationalbank vorbei zur Tribüne. Dort stehen etwas weniger Menschen, und auch das Tröten der Vuvuzelas ist nicht ganz so laut wie in der Mitte des Platzes. "Die Situation, wie wir sie heute erleben, ist nicht ganz so neu, wie es vielen erscheinen mag", berichtet sie. "Nach dem Fall des Kommunismus wurden zwar die staatlichen Medien in öffentlich-rechtliche umgestaltet, aber die Reform blieb in der Mitte stecken." Die jeweiligen Wahlsieger hätten Radio und Fernsehen immer wie eine Art Kriegsbeute behandelt und ihnen genehme neue Intendanten, Chefredakteure und Programmdirektoren eingesetzt.

Der Unterschied, laut Wanat: "Das ging leise vor sich. Die einen gingen, die anderen kamen. Aber jetzt verkündet die PiS so dreist und schamlos wie keine Partei zuvor: ,Wir nehmen uns die Medien. Wir machen aus ihnen ein Regierungsfernsehen und Regierungsradio.'" Sie schiebt einige blonde Strähnen zurück unter die wärmende Mütze und zieht den Schal enger um den Hals.

Sie weist auf den lärmerfüllten Platz: "Das treibt die Leute auf die Straße. Mich ebenfalls." Sie unterstütze die KOD-Aktivisten, die im November in Warschau und seither im ganzen Land auf die Straße gehen. Aber sie wolle in dieser Bürgerrechtsbewegung keine Funktion einnehmen, sagt Wanat. Noch sei nicht klar, ob sich das Komitee zur Verteidigung der Demokratie am Ende nicht in eine Partei umgestalten werde.

Im Gespräch bleiben

Sie wolle eine unabhängige Journalistin bleiben, die mit einer gewissen Distanz zu allen Parteien politische Themen diskutieren und kommentieren wolle. "Dass ich in gesellschaftspolitischen Fragen linksliberal eingestellt bin, wissen dabei alle", sagt Wanat und meint: "Das ist kein Widerspruch. Ich möchte ganz einfach die Brücken zur anderen Seite nicht abbrechen." Wenn Polen aus dieser "völlig verfahrenen Situation" herauskommen wolle, müsse man mit der PiS und den anderen rechten Gruppen im Gespräch bleiben.

Ob europäische Journalistenverbände den polnischen Kollegen helfen können, wisse sie nicht. "Wir sind Einzelkämpfer." Die einzige Journalistengewerkschaft in Polen sei inzwischen in der Hand der Rechten. Wanat: "Wenn wir anderen uns mit der Bitte um Hilfe an eine europäische Gewerkschaft wenden würden, würde uns das womöglich als Verrat ausgelegt." Aber wenn die Kollegen in Europa von sich aus eine Solidaritätsaktion starten würden, wäre das "etwas ganz anderes".

Zum Journalismus kam Ewa Wanat 1990. In ihrer Heimatstadt Poznan/Posen heuerte sie bei Radio Solidarnosc an, dem ersten nichtkommunistischen Radio in Posen nach 1945. Dort lernte sie das Handwerkzeug von der Pike auf und besuchte auch Kurse zu Qualitätsjournalismus und Ethik, die vor allem Journalisten der BBC, aber auch einer amerikanischen Stiftung für Medienfreiheit in den ehemaligen Ostblockstaaten anboten.

Dabei hatte sie eigentlich als Emigrantin in Deutschland bleiben wollen. Sie hatte das kommunistische Polen verlassen, lebte von 1985 bis 1990 in München, studierte Theaterwissenschaften und Deutsch als Fremdsprache, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, beantragte politisches Asyl, heiratete einen Deutschen, ließ sich wieder scheiden. Ein Jahr nach der Wende 1989 zog sie nach Polen zurück. "Die Aufbruchsstimmung in Polen nach dem Niedergang des Kommunismus, da wollte ich unbedingt dabei sein", erklärt sie.

Nach kurzer Zeit begann Wanat auch für die Lokalausgabe der "Gazeta Wyborcza" in Posen zu schreiben, wechselte dann zum öffentlich-rechtlichen Regionalfernsehen und erlangte 2002 den Posten der Chefredakteurin im privaten Radiosender Tok FM in Warschau. "Damals war der Sender ein unbedeutender Dudelfunk", lacht sie. "Aber ich bekam freie Hand und konnte etwas vollkommen Neues aufbauen. Heute ist Tok FM das bedeutendste Publizistik- und Informationsradio in ganz Polen."

Mit Humor gegen Zensur

Wanat hält inne und lacht. Sie deutet auf einen Radfahrer, der über und über mit Salatgurken, Karotte und Paprika behängt ist und sich seinen Weg durch die Menge bahnt. Am Rahmen des Fahrrads ist eine große EU-Flagge befestigt. Die Anspielung auf das Interview von Außenminister Witold Waszczykowski in der "Bild"-Zeitung versteht jeder.

Anfang Jänner hatte Waszczykowski das umstrittene Mediengesetz seiner Partei gegen die konservative Vorgängerregierung verteidigt, die angeblich nach dem Prinzip regiert hätte, "als müsse sich die Welt nach marxistischem Vorbild automatisch in nur eine Richtung bewegen – zu einem neuen Mix von Kulturen und Rassen, einer Welt aus Radfahrern und Vegetariern, die nur noch auf erneuerbare Energien setzen und gegen jede Form der Religion kämpfen. Das hat mit traditionellen polnischen Werten nichts mehr zu tun."

Wanat, selbst Radfahrerin, kann sich an diesem Tag nicht lange am Anblick des vegetarischen Radfahrers erfreuen. Sie muss weiter. Neben dem Rednerpodest warten schon die KOD-Aktivisten auf sie und winken. Gleich ist sie selbst dran. Ewa Wanat atmet tief durch und greift nach dem Mikrofon.

Vorstellen muss sie sich nicht. Alle kennen die streitbare Radiojournalistin: "Lasst Euch nicht länger vergewaltigen! Erlaubt nicht, dass sie euch das Rückgrat brechen", appelliert sie, unerwartet scharf, an die Journalisten im öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen. "Am unwichtigsten ist der Intendant. Wie ihr gerade gesehen habt, kann man den innerhalb von fünf Minuten austauschen, ohne dass es auch nur irgendein Zuschauer oder Zuhörer bemerkt." Wichtig seien diejenigen, die das Programm machten, die Journalisten, Produzenten und Kameraleute.

Wanat streckt sich. Klar und entschieden klingt ihre Stimme über den Platz: "Ich fordere euch hiermit zum Streik auf! Wenn die Journalisten nicht zur Arbeit kommen und es statt Informationen nur Rauschen im Radio und Schnee im Fernsehen gibt, werden sie verstehen, dass sie nicht alles machen könne, was sie wollen." Tausende Demonstranten skandieren zustimmend "Wolnosc slowa" – "Meinungsfreiheit".

Doch Ewa Wanat ist noch nicht fertig. Sie fordert Oppositionspolitiker, Experten und Künstler auf, die PiS-Medien zu boykottieren. Am Schluss ihrer Rede sind auch die Zuschauer dran: "Wehrt euch! Die Freiheit des Wortes ist am wichtigsten!" (Gabriele Lesser, 30.1.2016)

  • Ewa Wanat fordert ihre Kollegen in Radio und Fernsehen zum Streik auf, um die Freiheit des Wortes  zu verteidigen: "Am unwichtigsten ist der Intendant."
    foto: picturedesk / pap / tomasz gzell

    Ewa Wanat fordert ihre Kollegen in Radio und Fernsehen zum Streik auf, um die Freiheit des Wortes zu verteidigen: "Am unwichtigsten ist der Intendant."

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